Bessie Stringfield Die Königin der Straße
Unerschrockene Motorradbraut: Bessie Stringfield bekam als Teenager ihr erstes Motorrad und unternahm in den Dreißigerjahren ihren ersten Roadtrip durch die USA. Ihr bevorzugtes Outfit für lange Touren: Stiefel, Hose, geknöpfte Jacke und ein breiter Gürtel, der die Taille betonte. Sie starb am 16. Februar 1993 nach einem langen Herzleiden. Stringfield hatte sich noch bis ins hohe Alter in den Sattel geschwungen.
Ungeklärte Herkunft: Über Stringfields Kindheit ist wenig bekannt. Sie selbst erzählte, sie sei auf Jamaika geboren und in den USA von einer irisch-katholischen Dame adoptiert worden. Alte Aufzeichnungen legen hingegen nahe, dass sie in North Carolina geboren und von ihren leiblichen Eltern aufgezogen wurde. Auch die Lebensbedingungen, unter denen sie aufwuchs, liegen bisher im Dunkeln. Ihre Biografin Ann Ferrar will sich dem Thema in ihrem Buch widmen. Das Foto zeigt Erntearbeiter um 1920.
Die beste und die schlimmste Zeit: Für Afroamerikaner war das Leben in den Südstaaten in den Zwanzigerjahren meist sehr einfach und entbehrungsreich, ein Pferdewagen schon beinah Luxus (Foto aus Charleston, South Carolina, in den Zwanzigerjahren). Das Gefälle zwischen Arm und Reich und die sozialen Extreme des Jahrzehnts erinnern an Charles Dickens' Zitat aus "Die Geschichte zweier Städte": "Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten. [...] Es war die Saison des Lichts, es war die Saison der Dunkelheit. Es war der Frühling der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung." Nach dem Börsencrash 1929 erfasste die Große Depression das gesamte Land.
Schwerstarbeit: Obwohl die Sklaverei seit 1865 offiziell abgeschafft war, schufteten auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch immer zahlreiche Afroamerikaner unter miserablen Bedingungen auf den Plantagen wohlhabender weißer Farmer. In North Carolina wurde besonders häufig Baumwolle und Tabak angebaut. Das Foto zeigt Erntehelfer in einem Baumwollfeld um 1920.
Zusatzverdienst: Um ihre Roadtrips zu finanzieren, nahm Bessie Stringfield Gelegenheitsjobs als Haushaltshilfe oder Nanny an oder machte ihre Fahrkünste zu Geld - sie führte Tricks auf, bei denen sie sich beim Fahren von einer Seite des Bikes zur anderen schwang oder im Sattel ihrer Harley stand, wie dieser Wettbewerbsteilnehmer 1925 in Charlton.
Gemeinsam und doch getrennt: Beim jährlichen Barbecue auf dieser Plantage in Alabama in den Dreißigerjahren finden sich zwar Schwarze und Weiße gemeinsam und jeweils in ihrer besten Kleidung ein. Eine Wand trennt jedoch die Feiernden. Nachdem sich das Leben jahrzehntelang in strikter Rassentrennung abspielte, wuchs besonders nach Ende des Zweiten Weltkriegs der Unmut über die ungleiche und ungerechte Behandlung, bis sich Bürgerrechtsbewegungen formten, um Gleichbehandlung für Afroamerikaner einzufordern.
Stiller Protest: Schon in den Fünzigern begehrten Schwarze gegen die Rassentrennung auf, wie hier die College-Studenten Steve Poster und Jessalyn Gray in Texarkana (Texas). Eine Gruppe von Befürwortern der Rassentrennung will sie daran hindern, gemeinsam mit Weißen Kurse an der Universität zu besuchen. Stringfields Roadtrips in den Dreißigern waren eine stille Rebellion: Sie wollte Motorrad fahren und das Land sehen - also tat sie es. "Ihr war nicht wirklich bewusst, dass sie damit Grenzen einriss", sagt Journalistin Bea Hines.
Friedlicher Protest, gewaltvolles Ende: Seinen Höhepunkt erreicht der Kampf für Bürgerrechte und Gleichberechtigung von Afroamerikanern in den Sechzigerjahren, als sich große Bewegungen um charismatische Redner wie Reverend Martin Luther King oder Malcolm X versammeln. Martin Luther King predigte gewaltlosen Protest gegen die allgegenwärtige Diskriminierung. Mit wachsender Beliebtheit erhielt er zunehmend Gewalt- und Todesdrohungen. Der Bürgerrechtler wurde am 4. April 1968 auf dem Balkon seines Hotels in Memphis (Tennessee) erschossen. Fünf Tage später fuhren seine Frau Coretta Scott King (links) und Tochter Yolanda (vorn im Bild) zur Beisetzung.
Gefährliche Bedingungen: Nach seiner Neugründung 1915 versammelte der Ku-Klux-Klan bis Mitte der Zwanzigerjahre etwa vier Millionen Rassisten. Brennende Kreuze wurden zum Symbol für den Terror der stets in weißen Kostümen verhüllten Gruppe, die besonders in den Südstaaten einflussreich war, immer wieder Andersfarbige und -gläubige jagte und ermordete. Ende der Zwanzigerjahre verlor die Gruppe an Macht, wurde jedoch um 1950 erneut gegründet und behielt ihr radikal-gewaltsames Gebaren bei, wie hier bei einer Kreuzverbrennung nur wenige Kilometer außerhalb von Atlanta (Georgia) im Jahr 1954.
Dunkle Nächte in einsamen Gegenden: Als Afroamerikanerin blieb Bessie Stringfield auf ihren Reisen nicht von Diskriminierung verschont. Wenn ihr ein Hotelzimmer verweigert wurde, übernachtete sie zuweilen kurzerhand an Tankstellen. Die hatten damals zwar Tankwarts und Mechaniker, waren sonst aber bescheiden ausgestattet. Manche, wie diese Station in Pittsburgh, schienen nachts das einzige Anzeichen von Zivilisation zu sein. Stringfield zeigte auch in der dunkelsten Nacht keine Furcht, streckte sie sich auf ihrem Motorrad aus und schlief.
Starkes Gefälle: Die "Wilden Zwanziger" hielten nicht für alle Amerikaner Aufstieg und Wohlstand bereit. Die Stadtbevölkerung und reiche Plantagenbesitzer profitierten vom neu gewonnenen Optimismus und wirtschaftlichen Fortschritt nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Die afroamerikanischen Farmhelfer lebten weiterhin in armen Bedingungen, wie hier in Southern Pines (North Carolina), wo die Kinder auf einer Feuerstelle vor dem Haus Essen zubereiten.
Treue zur Marke: Als Teenager bekam Stringfield ihr erstes Motorrad - wer es ihr kaufte und wie sie fahren lernte, ist bis heute unklar. Stringfield äußerte sich spärlich zu ihren Anfängen im Sattel; keinen Hehl machte sie hingegen aus ihrer Liebe zu Harley Davidson. Je größer und schwerer die Maschine, umso besser. 28 Bikes besaß sie im Laufe ihres Lebens. Sie fuhr ihr Modell immer für zwei oder drei Jahre und tauschte es dann gegen ein neues ein.
Liebe fürs Leben: Bis ins hohe Alter fuhr Stringfield noch Motorrad, am liebsten eine Harley wie diese von 1932. Als sie 72-jährig die Reporterin Bea Hines zum Interview empfing, zeigte sie ihr stolz ihr Motorrad im Garten und schwärmte von dem neuen, lilafarbenen Bike, das sie sich als Nächstes zulegen wollte. Ihr letztes Motorrad fand sie eines Morgens nach einem missglückten Diebstahlversuch schwer beschädigt vor. Stringfield, mittlerweile über 80 und von einem Herzleiden geplagt, war vom Vandalismus schwer mitgenommen.
Cruisen unter Palmen: Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich Bessie Stringfield in Miami nieder und verdiente dort ihren Lebensunterhalt als einfache Krankenschwester. Zur Arbeit ging es auf ihrem Motorrad, und auch in der Freizeit schwang sie sich regelmäßig in den Sattel: In den Sechzigern gründete sie ihren eigenen Motorradklub und ging mit Gleichgesinnten auf Tour.