Berlin in den Zwanzigern Glamour in Schwarz-weiß
Die preußische Diva: Das Pflichtgefühl und die Unerschütterlichkeit ihrer Mutter prägten Marlene Dietrich, dazu die kühle Distanz - Eigenschaften, die sie als Schauspielerin so unnahbar und geheimnisvoll machten.
Sie ist nur eine von vielen Stars der Weimarer Zeit, die der preisgekrönte Zeichner Robert Nippoldt zusammen mit dem Autor Boris Pofalla in einem neuen Bildband über das Berlin der Zwanzigerjahre porträtiert. Auch Kultur, Alltagsleben und Politik bilden die beiden ab: Die Mode der Goldenen Zwanziger war für den kleinen Kreis erdacht: ein kurzes, einfaches Kleid für die Besorgungen am Vormittag, ein längeres, beladenes Kleid für den Klub- oder Teenachmittag und die große Robe für den Abend.
Eine Straßenansicht, die auch aus dem Chicago der Dreißiger stammen könnte: Nippoldt inszeniert Berlin in der Ästhetik der Graphic Novel. In den Schwarz-Weiß-Zeichnungen treffen Glamour und Elend der kurzen Epoche zwischen den Weltkriegen aufeinander.
Ein Bayer in Berlin: Bertolt Brecht revolutionierte das Theater und erschuf sich mit dicker Zigarre, Kastenbrille und Ledermantel selbst als Marke. Er verstand die Großstadt als Dschungel, die Welt als von der Habgier beherrscht.
Als kriegsuntauglich entlassen kehrte George Grosz 1917 nach Berlin zurück und begann, das zu zeichnen, was er auf den Straßen sah: Betrunkene, Kriegsversehrte, Huren. Mit seinen drastischen Zeichnungen nahm er die Gesellschaft der Weimarer Republik aufs Korn und wurde damit zum satirischen Realisten.
Eine Massendemonstration der SPD 1925 im "Sportpalast" - die Darstellung erinnert an "Der Wanderer über dem Nebelmeer", eines der berühmtesten Bilder von Caspar David Friedrich.
Als Max Schmeling im Juni 1930 seinen größten Erfolg feierte, waren die Goldenen Zwanziger gerade vorbei: In New York wurde er Weltmeister im Schwergewicht. Sein Gegner, Jack Sharkey, hatte zwar nach Punkten gesiegt, war dann aber disqualifiziert worden. Schmeling wurde zur Ikone.
Die Autoren spielen auch mit kreativen Grafiken: Die Größe der abgebildeten Köpfe ist proportional zur Länge der Amtszeit der jeweiligen deutschen Reichskanzler. Für den Kopf Adolf Hitlers reicht die Buchseite nicht aus.
Ein Selbstporträt des Zeichners Robert Nippoldt - in dem er sich selbst in die Weimarer Zeit versetzt hat: Schon in seinen preisgekrönten Büchern "Gangster", "Jazz" und "Hollywood" beschäftigte er sich mit den Zwanzigerjahren - allerdings in Amerika. Neben seinen Buchprojekten zeichnet er für internationale Magazine und Zeitungen wie "The New Yorker" und "Le Monde".
Josephine Baker blieb gerade mal zwei Monate in der Stadt: Im "Nelson-Theater" am Kurfürstendamm tanzte sie so gut wie nackt, mit Kurzhaarfrisur und Bananenrock. Vor dem Adlon fuhr sie mit einem von einem Strauß gezogenen Wagen vor, eine Exzentrik, die bei den ausschweifenden Berlinern gut ankam.
Zeichner Nippoldt und Autor Pofalla setzen weniger auf chronologische Stringenz und formale Struktur, sondern vielmehr auf plakative Ästhetik.
Schwarz-weiß und trotzdem reichlich Glamour: Die vielfältige Berliner Varieté- und Revue-Kultur pausierte zwar in den Kriegsjahren, blühte danach aber umso mehr auf.
Kein Berlin-Buch ohne das Brandenburger Tor, an dem damals noch geschäftiges Treiben herrschte. Nippoldt und Pofalla porträtieren Berlin vor allem als einen Ort der Vergnügungssucht.
Ein Handschlag zwischen Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg, der das Ende der Goldenen Zwanziger besiegelte und den Beginn des dunkelsten Kapitels in der deutschen Geschichte einläutete. Von Hindenburg war es, der Hitler in den letzten Tagen der Weimarer Republik mit einer fatalen Entscheidung zur Macht verhalf.
Robert Nippoldt und Boris Pofalla: "Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger", Taschen-Verlag, 224 Seiten, 49,99 Euro