Bloody Sunday Schüsse auf Schutzlose
"Free Derry": Die nordirische Stadt war schon lange vor dem Blutsonntag ein Brennpunkt des Konfliktes zwischen Protestanten und Katholiken. Letztere bauten sich mit Barrikaden einen eigenen Bezirk, in den selbst die Armee nicht eindringen konnte.
"Free Derry nannten sie den abgesperrten Raum", erzählt John Kelly. Die erste Barrikade habe einen Tag gehalten, die zweite zwei Tage, "die dritte hielt elf Monate". Free Derry wurde von der IRA kontrolliert. Wenn sich nachts britische Soldaten den Barrikaden genähert hätten, habe das Alarmsystem des Bezirkes angeschlagen: Wachposten hämmerten auf Mülltonnen.
Blutiger Sonntag: Laut dem Saville Report eröffnete um 16.07 Uhr ein britischer Soldat das Feuer, er schoss zunächst in die Luft. Zuvor hatten sich schon regelrechte Jagdszenen in der Rossville Street, der William Street und zwischen den Wohnhäusern abgespielt. Die Demonstranten flohen in Panik...
..."denn damals konnte man sechs Monate ins Gefängnis geworfen werden, wenn man am Rand eines Tumultes aufgegriffen wurde", erzählt John Kelly.
Schockstarre: Als die Schüsse um 16.40 Uhr aufhörten, waren 13 Zivilisten tot, der 59-jährige John Johnston erlag später seinen Verletzungen. Außerdem wurden 13 Demonstranten verletzt.
Bischof Daly: Zu einer Ikone des Bloody Sunday wurde Edward Daly, der zwischen 1974 und 1993 Bischof von Derry war. Das Bild wurde von einem Foto abgemalt. Die Szene zeigt Daly, rechts, der ein blutgetränktes Taschentuch wie eine weiße Fahne schwenkt und den tödlich getroffenen Jackie Duddy begleitet.
In Flammen: Ein brennendes Haus in der Bogside, einem Wohngebiet in Derry im Februar 1972. "30 bis 40 Menschen befanden sich hier am 30. Januar, als die Polizisten in die Menge feuerten. Michael wurde in den Bauch getroffen und starb innerhalb von 20 Minuten", erzählt John Kelly.
Rauchschwaden: Der Bloody Sunday sorgte für eine weitere Eskalation der Gewalt im Nordirland-Konflikt. Ob in der Hauptstadt Belfast oder Derry (Foto), immer wieder kam es in den Wochen nach dem 30. Januar zu Gewaltausbrüchen, die das britische Militär niederschlug.
Militär-Patrouille: Ein britischer Soldat steht in einer Straße im nordirischen Belfast, aufgenommen im Februar 1972. Das Jahr wurde zum blutigsten des Nordirland-Konflikts. In Belfast explodierten am 21. Juli 1972 22 Bomben, mehr als 100 Menschen starben. Der Tag ging als "Bloody Friday" in die Geschichte ein.
Stacheldraht: Ein abgesperrter Straßenzug in Belfast im Februar 1972. Die brutalen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten begannen 1969 und endeten erst mit dem sogenannten Karfreitagsabkommen. Mit diesem auch als "Belfast-Abkommen" bezeichneten Übereinkommen vom 10. April 1998 erklärten die rivalisierenden paramilitärischen Gruppen IRA sowie UDA und UVF ihre Bereitschaft zur Entwaffnung, Großbritannien sagte im Gegenzug die Verringerung seiner Truppen in Nordirland zu. Die Republik Irland verzichtete auf seine Forderung nach einer Wiedervereinigung mit Nordirland.
Protest mit Särgen: Auch in London kam es drei Tage nach dem Blutbad von Derry zu einem Demonstrationszug. Zur Mahnung an den Bloody Sunday trugen die Marschierenden Särge auf ihren Schultern durch die Straßen der Hauptstadt. Der Blutsonntag erschütterte das gesamte Königreich - in London reagierte man prompt: Premierminister William Heath beauftragte Lord Widgery mit der Untersuchung der Vorkommnisse. Doch das Ergebnis des Widgery-Reports, der schon im April 1972 fertig war, brachte den nächsten Skandal. Er sprach die Armee von jeder Schuld frei.
Allein mit den Tränen: Der Tod der Söhne und Männer traf die Angehörigen mit voller Wucht. Doch ebenso litten die Familien noch Jahrzehnte unter dem Verdacht, dass die Opfer möglicherweise selbst Schuld trugen. Schließlich durften die Soldaten - auch aufgrund des Widgery-Reports - noch lange behaupten, sie seien "mit Schusswaffen und Nagelbomben" angegriffen worden.
"Wir dachten zunächst, wir könnten eh nichts dagegen tun. Doch am 20. Jahrestag saßen die Angehörigen der Opfer zusammen und beschlossen, dass wir eine Kampagne starten müssen, um Widgerys Version und die der Soldaten endlich zu Fall zu bringen", erzählt John Kelly. "Es war den Leuten einfach wichtig, dass ihre Lieben auch offiziell für unschuldig erklärt wurden. Denn im Prinzip war ja wegen Widgery ein Opfer des Bloody Sunday dazugekommen: die Wahrheit."
Mahnwache: Proteste gab es nicht nur im Königreich oder in Irland - auch im Ausland brachten Menschen ihre Trauer zum Ausdruck. In den USA demonstrierten viele irisch-stämmige Sympathisanten gegen das Blutbad. "England, gib deinen letzten Polizeistaat auf", hieß es zum Beispiel am 5. Februar 1972 auf der Civic Center Plaza in Chicago.
Opfer: Sechs der am 30. Januar 1972 getöteten Demonstranten des "Bloody Sunday". Obere Reihe von links: Michael Kelly, Michael McDaid und Hugh Gillmore. Untere Reihe von links: Kevin McElhinney, William Nash und John Johnston. Außerdem starben...
...Patrick Doherty, Bernard McGuigan, Jackie Duddy und Gerald Donaghey. Untere Reihe von links: Gerard McKinney, Jim Wray, William McKinney und John Young.
Erinnerung: Viele Hauswände Derrys erinnern noch heute an das Drama des Bloody Sunday. Hier sind die 14 Opfer aufgemalt, die am 30. Januar 1972 starben.
Ort des Geschehens: Der Stadtplan des Zentrums von Derry. Der Demonstrationszug begann im Südwesten, im Wohngebiet Creggan. Die meisten Schüsse fielen am Nachmittag in der Rossville Street (auf dem Bild zentral gelegen), nachdem sich die an der Ecke William Street postierten Fallschirmjäger in Richtung Süden bewegt hatten.
Aufarbeitung: Angehörige der Opfer des Bloody Sunday marschieren am 15. Juni 2010 durch die Bogside zum Guildhall Square in Derry, in ihren Händen tragen sie die Bilder der Getöteten. Zwölfeinhalb Jahre hatten die Familien auf den Report des von Tony Blair beauftragten Baron Saville of Newdigate gewartet, der die Vorkommnisse noch einmal untersucht hatte. Fast 250 Millionen Euro hatte der Saville Report am Ende gekostet.
"Aber es ist völlig egal, wie hoch die Kosten waren", sagt John Kelly. "Man kann...
...den Wert von Menschenleben nicht mit Geld bemessen. Und Wahrheit und Gerechtigkeit auch nicht."
Wenig später jubelte John Kelly über das Ergebnis des 5000 Seiten starken Saville Report. Denn dieser stellte endlich klar: Die am Blutsonntag getöteten Zivilisten waren unschuldig. Gleichwohl gab es auch am zweiten Untersuchungsbericht Kritik. Während man dem Widgery-Report von 1972 Voreingenommenheit zugunsten der Armee und der Londoner Politiker unterstellte, musste sich Lord Saville den Vorwurf gefallen lassen, er habe ebenfalls unter Druck ein Urteil gefällt. Für die andere Seite.
John Kelly, 63, arbeitet seit fünf Jahren im Museum of Free Derry. Zuvor war der gelernte Ingenieur als Bindeglied zwischen Presse, Öffentlichkeit und den Opfer-Familien tätig. Er hat sechs Söhne und lebt in Derry.