Box-Legende Peter Müller "Da hab ich ihn ausgemacht"
Da hat es bumm gemacht: Der Kölner Boxer Peter Müller rastete im Kampf um die Deutsche Meisterschaft im Mittelgewicht am 7. Juni 1952 aus und schlug kurzerhand Ringrichter Max Pippow K.o.
Müller, ein kleiner, quirliger Kämpfer, hatte seine Stärken im Nahkampf und sah sich von dem Unparteiischen benachteiligt, weil der ihn ständig von seinem Gegner Hans Stretz getrennt habe.
Minutenlang...
...liegt Pippow bewusstlos am Boden. Und Peter Müller hat immer noch nicht genug.
Jetzt kann Müller endlich ohne den lästigen Unparteischen kämpfen und stürzt sich auf seinen Erzgegner Stretz, gegen den er zuvor einmal gewonnen und zweimal verloren hatte. Als Stretz' Manager und die Box-Sekundanten versuchen, den wild gewordenen Müller zu stoppen, geht der einfach auch auf sie mit den Fäusten los. Einen Assistenten wirft er sogar aus dem Ring, dann reißt er in Siegerpose die Hände in die Höhe.
Nicht wenige der 12.000 Zuschauer im Kölner Eissportzentrum jubeln. Der Boxsport hat seinen bis dahin größten Skandal. Müller ist über Nacht weltberühmt.
Dann eben Catchen: Sein Ausraster im Boxring machte Müller zwar zur Legende für all diejenigen, die ihn für ein echtes Original halten - kernig, ehrlich, emotional. Doch die Tätlichkeit beendete auch abrupt Müllers Aufstieg, der 1949 zum ersten Mal Deutscher Meister im Mittelgewicht geworden war.
Nach dem Skandal verdiente er sein Geld erst als Taxifahrer, dann ging er zu den Berufsringern, ein Sammelbecken für gescheiterte Boxer. Das Foto zeigt ihn bei der Catcher-EM am 2. September 1952 in Köln im Kampf gegen den Tschechoslowaken Kovarek, den er hier mit einem Beinhebel zu Fall bringt.
Tierische Unterstützung: Seine Anhänger nannten Peter Müller wegen seiner dichten Brustbehaarung und den von zahlreichen Kämpfen zerknautschtem Gesicht liebevoll "de Aap" - das Kölsche Wort für "der Affe".
Für seinen Spitznamen hat sich Müller nie geschämt. Schließlich hätten alle großen Sportler Beinamen, und so vermarktete Müller seinen sogar geschickt. Hier besucht ein Schimpanse "de Aap" vor dessen Kampf um die Deutsche Meisterschaft in der Kölner Messehalle. Und das Maskottchen half - Müller gewann gegen Hans Werner Wohlers und wurde zum vierten Mal Meister im Mittelgewicht.
Wunschtraum: "Rä-de-wumm, de Pitter fällt nich um" reimten und sagten die Anhänger von Peter Müller. Nur fast richtig. In 175 Profikämpfen verlor der Boxer 26-mal, dadurch 17-mal durch ein K.o. Dem Erfolg seiner Platten, hier ein Cover von 1965, tat das keinen Abbruch. Besonders in der Karnevalszeit wurde das Lied gerne geschmettert.
Der K.o.-König: Peter Müller fightete im Hurra-Stil, immer im Angriff, immer die vorzeitige Entscheidung suchend. Das gelang ihm, wie 1958 gegen den Stuttgarter Max Resch (Bild), recht häufig. 68 seiner 132 Profi-Siege errang Müller durch ein K.o.
Der verwegene, wilde Kampfstil machte Müller zu einem der populärsten deutschen Boxer der Nachkriegszeit. Gegen kühle, technisch starke Konterboxer wie Bubi Scholz hatte er damit aber nicht den Hauch einer Chance - auch weil er die Anweisung seines Trainers ignorierte, etwas zurückhaltender zu kämpfen.
Urgewalt: So liebten ihn seine Fans - Peter Müller trifft mit einer kräftigen Linken den belgischen Mittelgewichtsmeister Andre de Keersgieter. Der Kampf vom 26. Dezember 1951 endete nach zehn Runden unentschieden.
Chancenlos: Seine Angriffslust und sein unbändiger Siegeswille machten Peter Müller zu einem Publikumsliebling, nicht nur in seiner Heimatstadt Köln. Doch gegen die wirklich Großen seiner Zeit hatte der technisch limitierte Boxer keine Chance, so dass ihm der Durchbruch auf internationaler Ebene nicht gelang.
Das Foto zeigt ihn nach seiner Niederlage gegen den ungarischen Olympiasieger und Mittelgewichts-Europameister Laszlo Papp (rechts im Bild) am 30. März 1963 in der Dortmunder Westfalenhalle.
Lebensthema: Als er nach dem Ende seiner Karriere 1964 nicht mehr kämpfte, sang er immer häufiger - meistens über das eine, naheliegende Thema. "Ring frei zur nächsten Runde" heißt der Titel von 1965.
Das war nur eine von vielen Platten, die Peter Müller besonders im Raum Köln nicht in Vergessenheit geraten ließ. Besonders in der Karnevalszeit wurden seine Lieder gerne gespielt. Dann trat der einstige Kölner Volksheld auch gleich dutzendfach als Büttenredner auf.
Der Rückkehrer: Nach seinem Skandalkampf gegen den Erlanger Hans Stretz 1952 durfte Peter Müller nur in den Ring zurückkehren, weil dem deutschen Boxerverband bei Müllers Ausschluss auf Lebenszeit Verfahrensfehler unterlaufen waren.
Zudem ließ sich mit dem Publikumsliebling viel Geld verdienen, garantierte er doch Spektakel und ausgebuchte Hallen. Daher stattete der NRW-Landesverband den Faustkämpfer einfach schon ein Jahr nach seiner Tätlichkeit mit einer Notlizenz aus; Ende 1954 war Müller auch vom bundesdeutschen Verband rehabilitiert und für alle Kämpfe zugelassen.
Hier besiegt er den holländischen Mittelgewichts-Boxmeisters Harko Kokmeyer im September 1962 durch ein K.o.
Bedingt musikalisch: Plattencover mit den beiden Singles "Gehste weg" und "So treu wie ich"