Britische "Hexe" Helen Duncan: Der Prozess von 1944 - DER SPIEGEL
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Britischer Hexenprozess 1944 Mumpitz aus Mull und Klopapier

Sie beschwor die Geister von Toten und wurde beim Tricksen erwischt. Helen Duncan war die letzte Angeklagte, die in Europa wegen Hexerei inhaftiert wurde. Die Schottin machte sogar Geheimdienstler nervös.
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Ein Fall für Old Bailey: Hier, vor dem Zentralen Strafgerichtshof Old Bailey in London (Foto von 2014), lief vom 23. März bis zum 3. April 1944 der Prozess gegen das schottische "Medium" Helen Duncan. Verteidiger Charles Loseby, selbst ein überzeugter Spiritist, wartete mit 46 Zeugen auf, die alle zugunsten Duncans aussagten. Zudem wollte Loseby eine Séance im Gerichtssaal anberaumen, um die übernatürlichen Kräfte seiner Mandantin unter Beweis zu stellen. Die Justiz zeigte sich unbeeindruckt - und verurteilte Duncan als Betrügerin.

Foto: © Suzanne Plunkett / Reuters/ REUTERS
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"Veralteter Blödsinn": So schmähte der britische Premier Winston Churchill (Foto) die Causa Helen Duncan am 3. April 1944 in einem Schreiben an Innenminister Herbert Stanley Morrison. Churchill ärgerte sich über den Prozess und sorgte 1951 dafür, dass der "Witchcraft Act" abgeschafft wurde. Vielfach wurde behauptet, er habe zu Duncans Kunden gehört und sie im Gefängnis besucht, doch das ist nicht zu belegen.

Foto: UPI / picture alliance / dpa
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Unter Beschuss: Der Kingsway in London nach dem Einschlag einer deutschen V1-Rakete (Aufnahme von Juni 1944). Dass die britische Justiz sich mitten im Krieg die Zeit nahm, den Fall einer angeblichen Geisterbeschwörerin zu verhandeln, verstörte damals zahlreiche Menschen - und begeisterte die Medien, die sich mit immer neuen Details zum Fall überboten. Innerhalb von sechs Tagen habe Duncan mit ihrer Geisterbeschwörung stolze 112 Pfund verdient (entspricht heute rund 5500 Euro), rechnete der "Daily Herald" vor. Und der "Daily Express" veröffentlichte eine Karikatur, auf der Feuerwehrmänner eine Hexe jagen, die auf ihrem Besen über das brennende London reitet.

Foto: AP
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Die berühmteste Hausfrau Schottlands: Helen Duncan ritt zwar nicht auf einem Besen durch die Nacht (wie die Damen auf dieser Darstellung von 1880) - dennoch ging die schottische Hausfrau in die Geschichte ein als Europas "letzte Hexe". Die Basis bildete Paragraph vier des "Witchcraft Act" von 1735, ein Gesetz, dass die Vortäuschung von Hexerei unter Strafe stellte.

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"Nationale Plage und vollkommener Humbug": Mit diesen Worten beschimpfte Arthur West, damaliger Polizeipräsident von Portsmouth, die zu neun Monaten Haft verurteilte Helen Duncan. Ihre Strafe musste sie im Londoner Frauengefängnis Holloway (Foto) verbüßen. Das übergewichtige, unter Diabetes leidende "Medium" kam am 22. September 1944 wieder frei.

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"Fetter weiblicher Ganove": Wenig schmeichelhafte Worte fand der britische Parapsychologe Harry Price (links) für die Schottin Helen Duncan. 1931 führte der Direktor des "National Laboratory of Psychical Research" mehrere Experimente mit dem angeblichen "Medium" durch - und überführte Duncan als Gaunerin.

Foto: ullstein bild
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Die "HMS Barham": Das Schlachtschiff der Royal Navy (hier eine Aufnahme von 1929) wurde am 25. November 1941 von einem deutschen U-Boot torpediert und versenkt. Auf einer ihrer Séancen Ende 1941 soll Duncan den Geist eines toten Besatzungsmitglieds beschworen haben, was die britische Marineführung auf den Plan rief: Da die Nachricht vom Verlust der "HMS Barham erst Ende Januar 1942 offiziell bekanntgegeben wurde, verdächtigte man Duncan der Spionage.

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Tag der Entscheidung: Am 6. Juni 1944 landeten die alliierten Truppen an der Küste der Normandie - und leiteten den Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Um zu erklären, warum Helen Duncan zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, wird oft auf den D-Day verwiesen. Man habe im Vorfeld der militärischen Geheimaktion jegliches Sicherheitsrisiko vermeiden wollen, argumentiert etwa Historiker Malcom Gaskill in seinem Buch "Hellish Nell. Last of Britain's Witches" von 2001. "Sie gab Informationen zu einem Zeitpunkt preis, als der Sieg von Verschwiegenheit abhing", so Gaskill.

Foto: HANDOUT/ REUTERS
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"Teufelsbrut, hau ab!" Diese und andere Beschimpfungen habe sie über sich ergehen lassen müssen, erzählte Mary Martin, die Enkelin Helen Duncans, in Interviews mit der britischen Presse (Foto von 2007). Bislang scheiterten alle Versuche der Angehörigen und Anhänger Duncans, posthum eine Rehabilitierung zu erwirken. In dem Buch "The Two Worlds of Helen Duncan" schilderte ihre Tochter Gena Brealey, wie Duncan etwa den Unfall des Dorfarztes oder den Herzinfarkt eines Lehrers vorhergesagt haben soll. Großbritanniens berühmtestes "Medium" starb am 6. Dezember 1956 - um exakt 0.10 Uhr, wie Gena Brealey schrieb. Die war zum Todeszeitpunkt zwar gar nicht an der Seite ihrer Mutter, doch habe es genau um diese Uhrzeit laut an ihrer Haustür geklopft, so die Tochter.

Foto: MARTIN CLEAVER/ AP
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Einer der Geister, die sie rief? Während des Prozesses um Helen Duncan sagte ein Zeuge aus, er habe bei einer ihrer Séancen eindeutig den Geist des 1930 verstorbenen Schriftstellers Sir Arthur Conan Doyle gesichtet. Der Schöpfer von Sherlock Holmes war ein überzeugter Anhänger der spiritistischen Bewegung.

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Prominenter Gast in Duncans Wohnzimmer? Zu den zahlreichen Legenden, die sich um den Fall Helen Duncan ranken, gehört auch, dass König George VI. (hier auf einer Aufnahme von 1939 mit Gattin Elisabeth) zu ihren Klienten gehört haben soll. Einer anderen Legende zufolge soll James-Bond-Erfinder und Geheimdienstler Ian Fleming höchstpersönlich für Duncans Verhaftung gesorgt haben. Vertreten wird sie laut "Guardian" von dem britischen Autor und Filmemacher Robert Hartley.

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