Bücher zu Weihnachten: Geschenktipps - DER SPIEGEL
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Bücher zu Weihnachten Stille Nacht, Lesenacht

So langsam wird es Zeit: Wenn die rechte Geschenkidee noch fehlt - ein Buch ist eigentlich immer eine gute Idee. Bloß das richtige sollte es sein. Wir hätten da ein paar Vorschläge.
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Für Leser, die die Welt verstehen wollen

Die tief verschneiten Landschaften des Malers Pieter Bruegel und anderer niederländischer Maler werden gern als Dokumente einer Zeit verklärt, in der es noch schöne Winter gab. Tatsächlich aber, so schreibt der Historiker Philipp Blom in seinem klugen Buch "Die Welt aus den Angeln", liefern diese Bilder den Beleg für eine fast vergessene Klimakatastrophe. Die "kleine Eiszeit" im 16. und 17. Jahrhundert bescherte den Menschen extrem kalte Winter und dramatische Missernten. Warum die Temperatur seit dem Hochmittelalter um bis zu fünf Grad fiel, weiß niemand so genau. Verbrieft sind nur die sozialen Folgen: Seuchen und Hungersnöte, soziale Konflikte und religiöser Wahn. Von Menschen gemacht war dieser Klimawandel nicht, im Unterschied zum Temperaturanstieg heute, der erneut die Lebensgrundlagen von Millionen zerstört. "Unsere Gesellschaften", schreibt Blom, steuern "auf unabsehbare Transformationen zu". Sein düsteres Fazit: "Alles wird anders." Martin Doerry

Anzeige Philipp Blom: "Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart". Hanser, 302 Seiten, 24 Euro.
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Für Fans von Zwanzigerjahre-Partys

Die Zwanziger sind das Jahrzehnt der Stunde. "Bohème-Sauvage" heißen Partys in Berlin, Hamburg, Köln, auf denen die Gäste am Absinth nippen und Charleston tanzen. "Glanz und Elend in der Weimarer Republik" heißt die große Kunstausstellung, die in der Frankfurter Schirn läuft. "Babylon Berlin" die TV-Serie, von der gerade alle sprechen. Sie spielt in den Zwanzigern, so wie auch der Debütroman der Schriftstellerin und Journalistin Theresia Enzensberger in den Zwanzigern spielt. „Blaupause“, so der Titel des Romans, ist ein Begriff für eine Kopiertechnik, für die Orientierung an einem Vorbild auch, an einem Modell. Theresia Enzensberger, die Tochter des Großintellektuellen Hans Magnus Enzensberger, erzählt von der Tochter eines Berliner Industriellen, die gegen den Willen ihres Vaters am Bauhaus studiert. Sie will Architektin werden. Ihre Freunde sind Vegetarier und Polyamoristen, naturmystische Esoteriker und koksende Narzissten, dazu reiche Milieutouristen, die es abends in Arbeiterkaschemmen zieht. Und es gibt junge, kluge Frauen, die mit Macht aus dem Schatten der Männer ins Scheinwerferlicht drängen. Als hätte das Hipster-Berlin von heute Modell gestanden. Auf der ersten Ebene ist „Blaupause“ ein unterhaltsamer Campusroman, ein Buch, das sich gut und schnell weglesen lässt. Auf der zweiten Ebene ist es mehr: die Emanzipationsgeschichte eines höheren Töchterchens, ein feministischer Text. Tobias Becker

Anzeige Theresia Enzensberger: "Blaupause". Hanser, 256 Seiten, 22 Euro.
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Für Riot Girls und ihre Riot Parents

Übrigens: Im englischsprachigen Raum war 2017 ein Kathy-Acker-Jahr! Dort sind zum 20. Todestag der Avantgarde-Schriftstellerin sowohl eine Neuausgabe ihres Debütromans "Blood and Guts in High School" von 1984 als auch die erste Biografie über sie erschienen. In Deutschland wurde "Blood and Guts" (als "Harte Mädchen weinen nicht") bei Erscheinen gleich auf den Index gesetzt. Warum, ist noch heute durchaus verständlich: So radikal in Form (Zeichnungen von Genitalien) und Sprache (fuckfuckfuck und persische Schriftzeichen) nehmen sich Bücher nur einmal pro Generation hartem Sex und unterwürfiger Liebe, Gewalt und Prostitution an. Und dann ist die Hauptfigur auch noch ein 10-jähriges Mädchen, das eine sexuelle Beziehung mit seinem Vater hat. Wörtlich ist das natürlich nicht zu verstehen, Acker nutzt Inzest als Metapher, um maximal schmerzhaft über Macht und Abhängigkeit in Beziehungen zu schreiben. Damit wurde sie lang vor ihrem Tod durch Brustkrebs Teil des angelsächsischen Punk-Kanons. Offiziell ist ihr Status nun durch die Aufnahme von "Blood and Guts in High School" in die ehrwürdige, aber günstige Reihe der Modernen Klassiker von Penguin geworden. Wer es repräsentativer mag, legt dem Paperback noch "After Kathy Acker" von Chris Kraus ("I Love Dick") bei, laut Autorin "vielleicht eine Biografie, vielleicht aber auch nicht". So viel Verunsicherung hätte Acker bestimmt gefallen. Hannah Pilarczyk

Anzeige Kathy Acker: "Blood and Guts in High School". Penguin Modern Classics, 176 Seiten, ca. 10 Euro.
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Für alle, die eigentlich keine Zeit haben

Dann sollte man dicke Bücher lesen, die zu einer großen Pause zwingen. In der man auf neue Gedanken kommt, in der man riecht und schmeckt und hört und schaut, statt abzuarbeiten, was man sich vorgenommen hat. In der man, zum Beispiel, dem Sowjetreich mit allen Sinnen näherkommt, also Karl Schlögel auf seinen Expeditionen folgt. Der Historiker, Professor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, bereiste das riesige Reich zwischen der Elbe und dem Pazifik erstmals Ende der Sechzigerjahre; nun legt er eine Summa seiner Erkenntnisse vor, die auch literarisch ein unbedingtes Vergnügen ist. Er lässt die Lebenswelt dieses Imperiums wieder auferstehen, vom Kochbuch bis zur Datscha, vom Parfum "Rotes Moskau" bis zum Erholungsheim auf der Krim. Er spart die düsteren, die tristen, die von Grausamkeit und Angst geprägten Aspekte nicht aus - die Straflager, die Gefangeneninsel Solowki, den Terror des stalinistischen Geheimdienstes. Sein Thema aber ist nicht das Funktionieren einer Diktatur, sondern das Überleben der Menschen, ihre Routinen, ihre Vergnügungen, ihr typisches und kollektives Erleben in Zeit und Raum. Und so gelingt es ihm, auch die Lektüre seines Buches zu einer Erfahrung zu machen, in der die Zeit im besten Sinne aufgehoben ist.

Elke Schmitter

Anzeige Karl Schlögel: "Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt". C.H. Beck, 912 Seiten, 38 Euro.
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Für alle, die gegen Klischees sind

1995, Massachusetts, Eliteuni Harvard: In diesem Milieu treibt sich die Heldin Selin aus Elif Batumans "Die Idiotin" rum. Es ist die Zeit, in der E-Mails ganz neu sind. Und Selin, die sprachversessene Tochter türkischer Immigranten, verliebt sich über die Kommunikationsform in den ungarischen Mathe-Studenten Ivan. Das klingt nach Standard-Coming-of-Age-Geschichte, aber Batuman schreibt mit trockenem Witz, wildem Referenzwahnsinn (Theorie, russische Literatur, Sprachwissenschaft) und ohne das für das Genre typische sexuelle, zur Emanzipation führende Feuerwerk. Batuman verweigert, irgendwelche literarischen Konventionen zu bedienen. Und genau darin liegt die Kraft ihres Romans. Enrico Ippolito Anzeige Elif Batuman: "Die Idiotin". S. Fischer, 480 Seiten, 24 Euro.
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Für alle, die den Star in sich spüren

Simon Reynolds ist unter den Musikjournalisten schon derjenige, der meistens für die große These und den großen Wurf steht - jeweils am größten wohl: "Retromania". Aber diesmal hat der schon lange in den USA lebende Brite sich ein Thema ausgesucht, das auf den ersten Blick schon recht erschöpfend abgehandelt wirkt: den Glam-Rock der Siebzigerjahre. Die Wahl hat biografische Gründe, es war die Musik, die Klein-Simon prägte: "Die aus Glam abgeleitete Vorstellung davon, was Pop ist und sein sollte - außerirdisch, sensationalistisch, hitzig und witzig, ein Ort, an dem das Erhabene und das Lächerliche nicht auseinanderzuhalten sind ¿, hat mich seitdem nie wieder verlassen." Eine darüber hinausgehende Großthese findet Reynolds zwar nicht, aber seine Porträts von Marc Bolan über Sweet bis zu Queen sind unterhaltsam und inspirierend. Ein großer Wurf wird "Glam" allerdings erst durch das äußerst souveräne "Nachbeben"-Kapitel, in dem die Spur von Glam in den seither vergangenen 40 Jahren Pop verfolgt wird. Treffender Schlusspunkt, analytisch wie emotional, ist der Tod David Bowies: ¿Oft fühlte es sich an, als trauerten die Menschen sich selbst nach.¿ Felix Bayer

Anzeige Simon Reynolds: "Glam. Glitter Rock und Art Pop von den Siebzigern bis ins 21.Jahrhundert". Ventil Verlag, 640 Seiten, 34,90 Euro.
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Für alle Glücksritterinnen der Großstadt

Wer ihre frühen "Mädchen"-Romane "Eine von uns" oder "Das kunstseidene Mädchen" liest, will es einfach nicht glauben: Dieser lebenssatte Sprachflow, diese lustvolle Ambivalenz, diese hochmoderne Hoppla-hier-komm-ich-Haltung stammt aus Büchern, die Ende der Zwanziger, Anfang der Dreißiger geschrieben worden sind? Irmgard Keun schickt junge Stenotypistinnen und Glücksritterinnen durch die Großstadt und lässt sie ihre Umwelt wie durch eine Kameralinse registrieren. Alles ist gleich wichtig, alles strahlt, es kommt lediglich auf die richtige Belichtung an. Mit nur scheinbarer Naivität folgt Keun ihren Heldinnen in Strudel aus Lust, Frust und Selbstbetrug. Tragik und Witz liegen bei ihr immer ganz dicht zusammen. Keun war mit ihren Angestelltenromanen aus weiblicher Sicht so etwas wie die hochtourige kleine Schwester von Hans Fallada. Im Exil soff sie sich mit Joseph Roth ihren Schmerz von der Seele, nach dem Krieg machte sie sich über das Adenauer-Mitläufertum lustig, in den Siebzigern war sie fast vergessen, Anfang der Achtziger konnte sie vor ihrem Tod gerade noch ihre zaghafte Wiederentdeckung durch junge Feministinnen miterleben. Jetzt veröffentlicht der Wallstein Verlag - in drei Bänden und zu einem sensationell günstigen Preis - das Gesamtwerk dieser großen Literatin, deren Bücher sich lesen wie unverbrüchliche Strategien des Überlebens. Christian Buß

Anzeige Irmgard Keun: "Das Werk" - Hg. von Heinrich Detering und Beate Kennedy. Wallstein, 3 Bände, 2044 Seiten, 39 Euro.
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Für den Onkel, der bei Familienfeiern gegen den islamischen Mann wettert

„Wir schaffen das“, sagte Angela Merkel im Sommer 2015. Und behauptete ein Gelingen, das sehr angreifbar, da allgemein, ist. Sonja Hartwig setzt in ihrem Integrationsbuch weiser an. Sie macht nicht die Frage auf, ob wir es schaffen, sondern wie. Hartwig porträtiert den Psychologen Kazım Erdoğan, der in Neukölln eine Selbsthilfe-Gruppe für türkische Männer gründete, reflektiert mit ihm und den Teilnehmern über Ehre, Islam, Sarrazin. Dabei geht sie den Männern zugewandt, aber nicht idealisierend auf den Grund - da ist etwa Adem, der seinen Sohn windelweich prügelte, aber auch selbst unter der eigenen Härte leidet. Oder Tarkan, dessen Eltern erst abwesend, dann tot waren, und der sich zwischen Babo-Gehabe und Kleinkriminalität fast verlor. Nach der Lektüre ahnt man, wie kompliziert Integration ist - und versteht, dass sie nur gelingt, öffnet man sich für die Nöte anderer. Eva Thöne

Anzeige Sonja Hartwig: "Kazim, wie schaffen wir das? Kazım Erdoğan und seine türkische Männergruppe - vom Zusammenleben in Deutschland". DVA, 240 Seiten, 18 Euro.
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Für Töchter und Söhne, die gar nicht wissen, wie gut sie es haben

Dass es dieses Buch gibt, ist alleine schon fast ein Wunder, denn die Emma Reyes, die darin von ihrer Kindheit erzählt, die hat in dieser unfassbar schrecklichen Kindheit niemals Lesen und Schreiben gelernt. Als in Paris lebende Malerin, befreundet mit Frida Kahlo, bekannt mit Sartre, erzählte sie davon in Briefen, die zehn Jahre nach ihrem Tod 2003 in Kolumbien veröffentlicht wurden. Das Kolumbien, in dem Emma aufwuchs, hat etwas von einem Charles-Dickens-Roman; Kinder spielen auf Müllkippen, müssen schuften, werden ausgesetzt. Mit ihrer Schwester verschwindet sie fast 15 Jahre hinter Klostermauern. Emma Reyes bewahrt konsequent die Sichtweise des Kindes, aber eines Kindes, das extrem aufmerksam darauf lauert, was als Nächstes geschehen könnte - und so viel mehr erinnert, als man erwarten würde. "Mein Kopf ist wie ein Zimmer voll altem Gerümpel, wo man nicht mehr weiß, was noch da ist oder in welchem Zustand", schreibt sie einmal. Doch - oh Wunder! - sie ordnet das Schreckenserinnerungsgerümpel auf eine Weise an, die neben Mitgefühl und Empörung auch Genuss an Sprache, Bildern und Ideen auslöst. Felix Bayer

Anzeige Emma Reyes: "Das Buch der Emma Reyes. Eine Kindheit in 23 Briefen". Eichborn, 240 Seiten, 22 Euro.
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Für Mitmensch und Mitbürger

Wir leben in einer Demokratie, das klingt ganz selbstverständlich und ist doch ein irreführender Satz. Denn schließlich ist die Demokratie kein Haus, in dem man wohnt, keine Umgebung, kein stabiles Gebilde. Sondern ein Phänomen, das aus Regeln und Meinungen besteht, aus Hoffnungen und Dissenz, aus bewährten Praktiken wie aus Überraschungen, niemals perfekt, immer in Bewegung: ein Prozess. Die Journalistin Ute Scheub hat eine politische Fibel für unsere Gegenwart geschrieben - in der rechtspopulistische Bewegungen, Europaverdrossenheit, Vertrauensverlust in Medien und Institutionen die Demokratie erkennbar schwächen. Scheubs Vorschlag ist die Vorwärtsverteidigung: Durch Bürgerräte, Bürgergutachten und Volksabstimmungen, durch neue Formen der aktiven Beteiligung. Klug begründet und mit aktuellen Beispielen belegt ist ihr Essay ein kleines politisches Kunststück - nämlich eine ideale Handreichung für Optimisten UND Pessimisten. Elke Schmitter

Anzeige Ute Scheub: "Demokratie - die Unvollendete. Plädoyer für mehr Teilhabe." oekom Verlag München; 112 Seiten.
Als PDF auf der Homepage des Verlags gebührenfrei zum Download, als Buch zu bestellen unter:https://www.mehr-demokratie.de/demokratie-die-unvollendete/ 

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Für abenteuerlustige Liebende

Dass die Liebe politisches Geschick erfordert, aber auch Abenteuergeist, und dass in der Politik ohne die Waffen der Liebendenden und den Mut zum Abenteuer wenig zu holen ist, wer weiß das nicht? Wer aber hat zuletzt dieses Wissen nicht bei Liebeleien vertändelt oder bei den Rankünen der Herrschenden, sondern daraus einen Roman gemacht? Da fällt mir nur Rachel Kushner ein, deren Buch "Telex aus Kuba" war das schönste Revolutions- und Liebesabenteuer des Jahres. Es spielt in den Fünfzigerjahren, die Diktatur ist fast schon am Ende, Fidel Castro und seine zauselbärtigen Männer greifen nach der Macht. Und dann sind da noch eine Nachtclubtänzerin, ein paar betrogene Männer, ein paar betrogene Frauen, vielleicht sogar eine ganze, betrogene Insel. Ein sinnenfrohes Spektakel für alle, die sich weder über Blut- noch über Spermaflecken auf dem Sommeranzug mokieren. Sebastian Hammelehle

Anzeige Rachel Kushner: "Telex aus Kuba". Rowohlt, 460 Seiten, 19,95 Euro.
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Für alle, die sich für einen neuen Blick auf Flüchtlinge interessieren

"Flüchtlingswelle": Der Begriff, der in den vergangenen Jahren zur Chiffre für Einwanderung wurde, ist problematisch, weil er Flüchtlinge enthumanisiert, als Teil einer unkontrollierten Bewegung sieht. Wer die historische Analyse von Philipp Ther über Flucht in Europa liest, realisiert, dass stete Migration schlicht schon immer zum Leben in Europa gehörte: Im Ersten Weltkrieg etwa wurden 13 Millionen Menschen vertrieben. Als die Hugenotten nach 1685 flohen, nahm Frankfurt am Main, das damals nur 30.000 Einwohner hatte, 100.000 (!) Menschen auf. Ther arbeitet auch auf, ob das Ankommen der Flüchtlinge von Herrschern und Bevölkerung als Bereicherung oder als Gefahr konstruiert wurde. Ein Buch, das zeigt, wie wichtig der geschichtliche Blick ist, um das Heute gelassener zu analysieren. Eines der besten Sachbücher des Jahres. Eva Thöne

Anzeige Philipp Ther: "Die Außenseiter: Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa". Suhrkamp, 436 Seiten, 26 Euro.
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Für Musikzeitschriftenabonnenten

Bei Musik-Fanzines mit einem gewissen spielerischen Anspruch gehörte es geradezu zum guten Ton, dann und wann mal eine Band zu erfinden, eine Band, in die man alles hereingeheimnissen konnte, was man schon immer mal sagen wollte. So ähnlich, aber in Romanform, hat es nun der Zürcher Musikjournalist Dominik Dusek gehalten: Über Peter Arbogast, seinen fiktiven Held, lässt er zum Beispiel den SPIEGEL sagen: "Mannomann. Da hat Deutschland endlich wieder einen internationalen Popkünstler von Format". Arbogast bekommt eine Künstlerbiografie mit kommerziellen Aufs und Abs und damit korrespondierenden Statements. Erzählt wird sie von einem Mann mit seinen ganz eigenen Sorgen und einem ominösen Auftraggeber im Rücken. Und was hat das alles mit einem Todessturz in den Alpen und der rätselhaften Protestbewegung "Party Without Origin" zu tun? Wer sich in Fake-News-Zeiten einen gewissen Spaß an den Windungen und Wirkweisen von Verschwörungen bewahrt hat, wird an den großzügig verstreuten Anspielungen dieses Romans Freude haben. Felix Bayer Anzeige Dominik Dusek: "Er tritt über die Ufer". Lectorbooks, 368 Seiten, 20 Euro.
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Für Autofiktion-Fans

Die Zeit, real und doch wieder nicht, vergänglich und ständig präsent. Die französische Autorin Annie Ernaux beschreibt ihre persönliche Lebensgeschichte zwischen 1945 und 2007 als Panorama der französischen Geschichte - mit soziologischer Präzision und voll poetischen Begehrens. Algerienkrieg, Aufstieg des alten Le Pen, die 68er: Ernaux war dabei, sie erinnert sich anhand alter Fotos. In ihren Reflexionen schreibt sie gegen die Zeit an, will die Bilder festhalten, die Auflösung der Wörter verhindern. Dabei verweigert sich Ernaux dem literarischen Ich, das "zu beständig, eng, fast schon beklemmend" ist. Ihre Erfahrungen sind kollektive und doch private zugleich, das Subjekt ist machtlos gegen die äußeren Einflüsse. "Für unser persönliches Leben hatte die große Geschichte keine Bedeutung. An einigen Tagen war man glücklich, an anderen nicht", schreibt sie. Enrico Ippolito

Anzeige Annie Ernaux: "Die Jahre". Suhrkamp, 255 Seiten, 18 Euro.
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Für Star-Wars-Verächter

Wie weit geht die Anpassungsbereitschaft scheinbar kluger und feinfühliger Menschen, die plötzlich in einer neuen, ebenso verführerischen wie mörderischen Weltordnung überleben müssen? "Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich mich von mir selbst voller Schaudern abgewendet", bekennt irgendwann der Ich-Erzähler dieses Horrorromans, der eine politische Dystopie beschreibt. Die Hauptfigur, ein Journalist namens Sol, berichtet aus einer nahen Zukunft, in der angeblich Außerirdische auf der Erde gelandet sind. Erst bricht auf den Straßen ein bisschen Chaos aus, doch dann entstehen unter der Regie der Aliens, die sich vor den Menschen verborgen halten, eine neue Ordnung, ein Wirtschaftsboom und ein Kult, in dem per Showspiel Menschenopfer bestimmt werden. Als opportunistischer Medienmann wähnt sich Sol zuerst auf der Siegerseite des Systems, doch dann verschwindet erst seine Frau und bald landet auch Sol selbst an einem Ort, an dem ein neuer Holocaust nach "Hunger Games"-Regeln betrieben wird. Der österreichische Schriftsteller Rabinovici führt in dieser finsteren Parabel auf spannende, hinreißend polemische Weise vor, wohin die aktuelle Hasskultur in vielen mitteleuropäischen Gesellschaften führen kann. Wolfgang Höbel

Anzeige Doron Rabinovici: "Die Außerirdischen". Suhrkamp, 255 Seiten, 22 Euro.
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Für Air-France-Reisende und das Bordpersonal

Kürzlich las ich - wie man so schön sagt - eine große überregionale Tageszeitung. Die Redakteure nannten ihre Bücher des Jahres, und als ich sah, dass einer von ihnen ohne Skrupel das Werk seines Chefs vorstellte, dachte ich: Was für eine Wurst! Das Buch eines Kollegen... Aber alles Schlechte, das wir tun und denken, fällt auf uns zurück. Nur ein paar Tage später saß ich im Flugzeug, es ging nach Paris. Ich hatte, um mich vorbereitend etwas zu zerstreuen, Nils Minkmars "Das geheime Frankreich" eingesteckt. Ein herrliches Buch, dachte ich beim Lesen. Dieses Flanieren, wie schön er von seinen französischen Großeltern erzählt, wie beiläufig er dabei das Land erklärt und seine Geschichte, wie profund und wie leichtfüßig das gleichermaßen ist. Literatur eben. Und dann dachte ich: Fast schon eines der Bücher des Jahres... eigentlich müsste ich dieses Buch... Ich blickte auf, jäh, starrte die Stewardess an: Die Wurst - das bin ich! Das Buch eines Kollegen... Die Stewardess schaute leicht irritiert. Was hat dieser Deutsche? Sie konnte ja nichts ahnen. Vielleicht hätte ich ihr das Buch von Nils Minkmar empfehlen sollen. Sebastian Hammelehle

Anzeige Nils Minkmar: "Das geheime Frankreich. Geschichten aus einem freien Land". S. Fischer, 208 Seiten, 22 Euro.
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Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?