Projekt von Fotograf Eric Lafforgue Die Tattoos der Chin-Frauen
Im Westen Burmas liegt der Chin-Staat, eine von 14 Verwaltungseinheiten des Landes. Dort war der französische Fotograf Eric Lafforgue im Februar unterwegs, um Frauen mit Gesichtstattoos abzulichten. Diese Anhängerin des Muun-Stammes lebt in der Stadt Mindat. Ihr Tattoo besteht aus Punkten, Linien und einigen Kreisen. Die Ypsilon-Form auf ihrer Stirn ist typisch, sie ist den Totempfählen nachempfunden.
Pa Late ist eine von zwei Frauen, deren Gesicht komplett tätowiert ist. Sie ist eigenen Angaben zufolge 85 Jahre alt und fast taub. Trotzdem arbeite sie noch hart, sagt Fotograf Lafforgue. Er hat die Frau vom Stamm Upu im Dorf Kanpetlet abgelichtet, sie ist ihm als besonders beeindruckend in Erinnerung geblieben.
Yi Yi hat sich im Gegensatz zu ihrer Großmutter Ma Aung Seim gegen ein Tattoo entschieden - aus Angst, in ihrer Schule gehänselt oder gar bestraft zu werden. Als ihre Oma noch jung war, galten nur Frauen mit Gesichtstattoo als schön; ohne war es schwer, einen Ehemann zu finden.
Dieses Tattoo von Ma Aung Seim ist einem Spinnennetz nachempfunden, die Linien unter der Nase sollen an die Schnurrhaare eines Tigers erinnern. Fast alle Muster der Frauen seien aus der Natur entlehnt, sagt Fotograf Lafforgue.
Die Chin-Frauen mit Gesichtstattoo leben vor allem im Nordwesten Burmas. Diese Frau trägt eines der beliebten Spinnennetz-Motive. Der Kreis in der Mitte ihrer Stirn soll eine Sonne symbolisieren.
Jahrelang erlaubte die Regierung Burmas nur beschränkt Zutritt zur Gegend, in der die Angehörigen des Mindat-Stammes leben. Erst vor zwei Jahren wurde es wieder gestattet, und inzwischen kommen pro Jahr etwa 700 Touristen in die Gegend: Die meisten machen laut Lafforgue aber lediglich eine Bustour zum Mount Victoria und bekommen die Frauen mit den Gesichtstattoos nicht zu sehen. Wer zu ihren Dörfern vordringen will, muss mehrere Stunden Fußmarsch in Kauf nehmen.
In den steilen Hügeln der Umgebung dauert es oft Stunden, bis man von einem Dorf zum nächsten gelangt. Lafforgue ist eigenen Angaben zufolge immer freundlich aufgenommen worden. Er sei nirgendwo der erste Tourist oder der erste Europäer gewesen, das habe die Arbeit erleichtert. "Es sind sehr freundliche Menschen mit einem sehr harten Leben."
Die Tradition der Gesichtstattoos stirbt aus. Sie galt zunächst als Schönheitsideal, wurde aber von früheren Regierungen verboten. Im Dorf Pan Baung in Burma leben nur noch sechs Frauen mit den Tätowierungen. Da die Lebenserwartung recht niedrig ist, schätzt der Fotograf, das wohl in etwa 30 Jahren auch die letzten Frauen mit diesen Gesichtsverzierungen gestorben sein werden.
"Ich bin alt. Ich werde bald sterben", sagt diese Frau aus dem Dorf Pan Baung. Die Frauen wissen, dass sie die letzten ihrer Art sind.
Tradition und Glaube spielen nach wie vor eine wichtige Rolle für die Chin, Schamanen haben einen großen Einfluss. Ein Ei vor dem Haus soll beispielsweise Glück bringen und böse Geister vertreiben.
Viele Frauen mit Gesichtstattoos lassen sich aus Aberglaube ein Ypsilon auf ihre Stirn stechen - es ist Totempfählen wie diesen nachempfunden.
Für jede Zeremonie, bei der Büffel geopfert werden, stellen die Stammesangehörigen einen Totempfahl auf. Das heißt auch: Je reicher eine Familie ist, desto mehr Pfähle stehen vor dem Haus.
Nach der feierlichen Opfer-Zeremonie werden die Tierschädel als Statussymbol vor die Häuser gehängt. Lafforgue hat während seiner Reise durch den Westen Burmas eine solche Zeremonie verpasst - dies ist einer der Gründe, warum er noch einmal zurückkehren will.
Die Chin-Frauen bringen ihre Kinder in ihren Häusern auf die Welt: Dafür wird ein Seil im Raum gespannt, auf dem sie sich im Stehen abstützen können. Die nächsten Ärzte oder gar Krankenhäuser sind oftmals sehr weit entfernt. Lafforgue erzählt viel über die Herzlichkeit der Menschen - aber auch von ihren Entbehrungen, Verletzungen und Wunden.
So sieht ein Friedhof der Chin aus: Die Grabstätten werden für jeden Stammesangehörigen noch zu dessen Lebzeiten angelegt.
Miss Heu ist eine Art Anführerin in der Region - und als solche durfte sie bereits Aung San Suu Kyi treffen. Sie sagt, die Friedensnobelpreisträgerin sei nun ihre Freundin.
Miss Heu, 67, wurde von ihrer Großmutter dazu gebracht, sich das Gesicht tätowieren zu lassen. Heute lebt sie in einem recht modernen Haus in Kanpetlet und hat sogar einen Fernseher, der zumindest dann funktioniert, wenn die Stromverbindung nicht unterbrochen ist.
Die Frauen vom Magan-Stamm tragen neben dem Tattoo im Gesicht noch riesige Scheiben in ihren Ohrlöchern, der Schmuck wird aus Perlen hergestellt. Mit ihren Nasen können sie Flöte spielen.
Die Tattoonadeln werden aus Bambusspießen oder Dornen hergestellt. Als Tinte wird eine Mischung aus Rindergalle, Ruß, Pflanzen und Schweinefett verwendet.
Es sei sehr schwer, eine Frau ohne Tonpfeife zu finden, sagt Fotograf Lafforgue. Jede rauche Tabak, doch die körperlichen Fähigkeiten seien dadurch nicht eingeschränkt. "Sie sind sehr stark, selbst wenn sie schmächtig aussehen."