Bilanz von Cannes 2012 Die schwache Stunde der Männer
Einzig starker Auftritt eines Mannes: In "Liebe" von Michael Haneke spielt Jean-Louis Trintignant einen Ehemann, der angesichts der Krankheit seiner Frau Größe beweisen muss.
Blutleer fällt dagegen die Don DeLillo-Verfilmung "Cosmopolis" mit Teeenie-Star Robert Pattinson aus.
Und auch "Lawless" von John Hillcoat weiß nicht recht aus seinen männlichen Stars erzählerisches Kapital zu schlagen. Mit Tom Hardy, Shia LaBeouf oder Jason Clarke bis in die Nebenrollen hinein top besetzt, findet der Film kein Zentrum.
Völlig deprimierend fällt das Zusammentreffen der Geschlechter in "Paradies: Liebe" des Österreichers Ulrich Seidl aus. Bei den sogenannten Sugar Mamas - also europäischen Frauen, die an den Stränden afrikanische Jungen aufsuchen - kriegen letztere schon keine Erektion mehr zustande.
Andrew Dominik erzählt in "Killing Them Softly" (mit Brad Pitt) von minderbemittelten amerikanischen Kleinkriminellen, die ein Pokerturnier überfallen wollen, mit ihren gelben Gummihandschuhen dabei aber eher wie eine verirrte Putzkolonne wirkten.
Minderbemittelte schottische Kleinkriminelle klauen in Ken Loachs "The Angels' Share" sündhaft teuren Whisky, zerdepperten beim Abtransport aber ungeschickt die Flaschen.
"Moonrise Kingdom" von Wes Anderson handelt schon gar nicht mehr von Männern, sondern nur noch von einem zwölfjährigen Jungen.
Mehr als eye candy? "The Paperboy"-Regisseur Lee Daniels gibt unumwunden zu, dass er Teeniestar Zac Efron (rechts) vor allem wegen dessen attraktivem Äußeren besetzt hat.
Der alleinerziehende Vater in Jacques Audiards Liebesfilm "De Rouille et d'Os" mag auf den ersten Blick roh und ungeschlacht wirken. Doch er entwickelt im Laufe des Films eine große kreatürliche Einfühlsamkeit, als er auf eine junge Frau trifft, die bei einem Unfall beide Beine verloren hat (Marion Cotillard).
Der iranische Regisseur Abbas Kiarostami legte mit seinem Film "Like Someone to Love", in dem er von einen alternden japanischen Professor und einem jungen Escort Girl erzählt, ein Werk von beschämender Dürftigkeit vor.
Erst der Abschlussfilm "Mud" von Jeff Nichols konnte wieder mit stimmigen Männerfiguren überzeugen: Die moderne Tom-Sawyer-und-Huckleberry-Finn-Story wird in seinen Händen zu einem berührenden und witzigen Film über zwei Jungs, die sehr schnell im Kopf sind, die sehr große Herzen haben und ihre Beine in die Hände nehmen, wenn's drauf ankommt.