Der Mythos des Größten Wie aus Cassius Clay Muhammad Ali wurde
Clays Traum wird wahr: Die Gewinner des olympischen Wettbewerbs im Halbschwergewicht während der Siegerehrung am 5. September 1960 in Rom. Die Goldmedaille ging an Cassius Clay, Silber an den polnischen Boxer Zbigniew Pietrzykowski, rechts, und Bronze an den Australier Anthony Madigan sowie den Italiener Giulio Saraudi, ganz links.
Schatkow und Clay: Die erste Runde der Olympischen Spiele wird für Cassius Clay ein Selbstläufer, das Viertelfinale hingegen harte Arbeit. Gennadi Schatkow aus Russland wurde 1956 Olympiasieger, aber im Mittelgewicht. Nun soll er im Halbschwergewicht antreten, auf Anweisung der russischen Verbandsbosse. Am 1. September 1960 trifft Schatkow auf einen größeren und schwereren Gegner - seine körperlichen Nachteile kann er nie ausgleichen und verliert nach Punkten.
Clay und Madigan: Cassius Clay ist gerade 18 Jahre alt, als er in Rom bei den Olympischen Sommerspielen antritt. Seine Reise nach Italien kostet ihn große Überwindung - Clay leidet unter panischer Flugangst. Der junge Boxer ist ein Ausnahmetalent, er wird zu dieser Zeit von Tony Martin Senior trainiert und hat kurz vor den Spielen die US-Amateurmeisterschaft gewonnen. Clay boxt im Halbschwergewicht, später wird er ins Schwergewicht wechseln. Im Bild sieht man Cassius Clay, rechts, am 3. September 1960 im Palazzo dello Sport. Gegner im Halbfinale ist der Australier Tony Madigan. Clay gewinnt knapp nach Punkten und zieht ins Finale ein. Später gibt er zu: "Eine Menge Leute glaubten nach dem Kampf, Madigan habe den Fight gewonnen und ich die Medaille."
Clay und Pietrzykowski: Das Finale der olympischen Boxwettbewerbe findet am 5. September statt. Clays Gegner Zbigniew Pietrzykowski ist einer der besten Halbschwergewichtler seiner Zeit, doch gegen den deutlichen jüngeren und schnelleren US-Amerikaner hat der Pole keine Chance. Clay gewinnt nach Punkten, es ist sein letzter Kampf als Amateur. Nach 108 Kämpfen, davon acht Niederlagen, wird Clay Profi - er unterschreibt am 26. Oktober einen Vertrag bei der Louisville Sponsoring Group. Die Gruppe besteht aus elf lokalen Geschäftsleuten und zahlt Clay 10.000 Dollar Bonus für dessen Unterschrift. Die erste Anschaffung des Neuprofis ist ein Cadillac für seine Eltern. Das Auto ist pink.
Goldene Verse: Die Goldmedaille wird im olympischen Dorf zu Cassius Clays treuestem Begleiter. "Er nahm sie nicht ab, niemandem bedeutete sie so viel wie ihm", erinnerte sich die US-Sprinterin Wilma Rudolph. Anlässlich seines Sieges dichtet er Verse, die nicht nur durchaus vorhandenes Reimtalent zeigen, sondern auch die Freude an der Selbstinszenierung.
To make America the Greatest is my goal, / So I beat the Russian and I beat the Pole, /
And for the USA won the Medal of Gold, /
Italians said you are greater the Cassius of Old. / We like your name, we like your game, / So make Rome your home if you will, / I said I appreciate great hospitality, / But the USA is my country still, / 'Cause they're waiting to welcome me in Louisville.
Das Bild zeigt die drei US-amerikanischen Boxer, die in Rom Gold gewannen. Von links Wilbert McClure, Cassius Clay und Edward Crook.
"Louisville Lips": Alis Start als Profi ist nicht brillant, aber makellos. Gegen Tunney Hunsaker gewinnt er nach Punkten, im Dezember schlägt er Herb Silver K.o. Es ist der erste Kampf unter seinem neuen Trainer Angelo Dundee, der ihn in den nächsten 21 Jahren betreuen wird. Als Cassius Clay und auch später als Muhammad Ali erfindet er eine geniale Marketingidee - er sagt den Ausgang seiner Kämpfe voraus und die genaue Runde, in der die Fights enden würden. "Louisville Lips" nennt die Presse den Lautsprecher unter den Boxern - der aber meist Wort hält. Das Bild zeigt Muhammad Ali am 29. August 1974 in New York bei einer Presseveranstaltung vor dem Kampf gegen George Foreman im damaligen Zaire im Oktober.
Der Größte: 1963 tritt Cassius Clay zu einem ersten Profikampf in Übersee an. Am 18. Juni kämpft er gegen Henry Cooper in England - der Sieger wird der offizielle Herausforderer des Weltmeisters Sonny Liston. Clay kommt in den Ring, bekleidet mit einer Goldenen Krone und einem roten Gewand, auf dem "Cassius Clay der Größte" steht. Clay sagt voraus, dass er den Kampf in der fünften Runde beenden werde, doch in der vierten geht er selbst zu Boden. Eine Runde später ist der Kampf trotzdem vorbei - Cooper ist schwer über dem Auge verletzt. Das Bild zeigt Clay bei einem Fotoshooting 1963.
Clay versus Liston: Dieses seltene Plakat kündigt den Weltmeisterschaftskampf im Schwergewicht von Titelverteidiger Cassius Clay gegen Sonny Liston am 16. November 1964 in Boston an. Doch der Kampf wird wegen einer Verletzung Alis um sechs Monate verschoben. Liston, der Ali im ersten Kampf noch unterschätzt hatte, bereitet sich deutlich intensiver vor - wird aber durch die Verschiebung benachteiligt. In Lewiston, Maine, am 25. Mai geht er schon in der ersten Runde K.o. - gegen Muhammad Ali. Clay war in der Zwischenzeit der Nation of Islam beigetreten und hatte sich umbenannt.
Der Phantomschlag: Muhammad Ali steht über seinem zu Boden gegangenen Herausforderer Sonny Liston. Ali hat Liston an diesem 25. Mai 1965 mit einer kurzen, harten Rechten schon kurz nach Beginn der ersten Runde zu Boden gestreckt. "Das wird der langweiligste Kampf, den Ihr je gesehen habt", tönt Ali vor dem Fight, und er behält recht. Allerdings sorgt der Rückkampf gegen Liston lange für Diskussionen, denn der Schlag, mit dem Ali den Rivalen zu Boden befördert, ist für das bloße Auge nicht zu erkennen. Ließ sich Liston fallen? Später wurde anhand von Fernsehsequenzen nachgewiesen, dass Ali sehr wohl getroffen hatte - Liston sah den Schlag im wahrsten Sinne des Wortes einfach nicht kommen.
Kampf im Dschungel: Am 30. Oktober 1974 treffen in Kinshasa Muhammad Ali und George Foreman aufeinander. Foreman gilt als Kampfmaschine, der im gleichen Jahr Joe Frazier geschlagen hat - Ali ist zwar schon 32, aber immer noch der grazile, schnelle Kämpfer. Foreman verscherzt sich die Sympathien der Fans in Zaire, als er mit einem Schäferhund aus dem Flugzeug steigt. Ali gibt sich volksnah - und schlägt Foreman unter "Ali boma ye!"- ("Ali, bring ihn um"-) Rufen in der achten Runde K.o. Der Jahrhundertkampf geht als "Rumble in the Jungle" in die Geschichte ein.
Berühmt wurde der Kampf auch für Alis legendäre Tirade im Vorfeld. "Last week I've murdered a rock, injured a stone and hospitalized a brick. I'm so mean I make medicine sick. Last night I cut the light off in my bedroom, hit the switch and was in bed before room was dark." ("Vergangene Woche habe ich einen Felsen umgebracht, einen Stein verletzt und einen Ziegel ins Krankenhaus geprügelt. Ich bin so gemein, ich kann Medizin krank machen. Letzte Nacht habe ich den Lichtschalter in meinem Schlafzimmer gedrückt und war im Bett bevor das Licht aus war.")
Schlagabtausch: Boxpromoter Don King, Mitte, hält Muhammad Ali während einer Pressekonferenz am 1. Juli 1975 in Kuala Lumpur davon ab, Joe Frazier einen Haken zu verpassen. Doch das war nur das Vorspiel des dritten - und letzten - Kampfes zwischen Ali und Frazier. Die beiden Schwergewichtler waren sich in tiefer Abneigung verbunden, nachdem Frazier Ali zunächst dessen erste Niederlage zugefügt und im zweiten Kampf verloren hatte. 1974 prügelten sich die beiden sogar in einem Fernsehstudio.
14 Runden sollte der Fight in der philippinischen Hauptstadt dauern, dann beendete Fraziers Coach Eddi Futch das Duell. "Der nächste Schlag hätte tödlich sein können", so Futch später. Frazier sah fürchterlich aus, aber auch Ali ging es nicht viel besser. Er steckte schwere Treffer ein und erlitt in der hohen Luftfeuchtigkeit einen Kollaps. Aber erst kurz nach dem Sieg.
Vorher hatte er noch gewohnt selbstbewusst geklungen: "It's gonna be a thrilla, and a chilla, and a killa, when I get the gorilla in Manila."
"Was für ein Kämpfer!": Schwergewichts-Champion Muhammad Ali trifft am 1. Oktober 1975 in der neunten Runde des "Thrilla in Manila" mit seiner Rechten in das Gesicht seines Gegners Joe Frazier. Ali gewann den Kampf in der 14. Runde nach Aufgabe. Das Duell, über Jahre feindselig geführt, war nach der Schlacht auf den Philippinen plötzlich von gegenseitigem Respekt geprägt. Ali, der Frazier als "Gorilla" und "artengeschütztes Tier" tituliert hatte, sprach nach dem Kampf vom "größten Kämpfer aller Zeiten - neben mir". Frazier wollte seinem Gegner zunächst "das Herz aus der Brust reißen". Danach erklärte er beeindruckt: "Was für ein Champion! Ich habe ihn mit Schlägen getroffen, die eine Stadtmauer zum Einsturz gebracht hätten. Er hat sie weggesteckt. Was für ein Kämpfer!"
Joe Louis und Ali: Der frühere Schwergewichts-Box-Champion Joe Louis, links, begutachtet das Veilchen von Muhammad Ali, das sich der Boxer in seinem Titelverteidigungskampf am 16. Mai 1975 in Las Vegas zugezogen hatte. Das Foto zeigt die zwei Sportler am 19. Mai 1975 in New York.
Home of the Greatest: Louisville ist die Heimatstadt des Boxers, der als älterer von zwei Brüdern in einer Mittelstandsfamilie aufwächst. Zu seiner Mutter hat er zeitlebens ein großartiges Verhältnis, später lebt sie sogar im Haus ihres Sohnes. Der Vater gilt als Schürzenjäger, Clay betreibt die Scheidung seiner Eltern. Das Bild zeigt Cassius Clay mit Schwestern im Nazareth College in Louisville, 1963.
Der Gefeierte: Cassius Clay in einem Cabriolet inmitten von jungen Fans. Das Bild entstand 1960, nachdem der Boxer mit der Goldmedaille von den Olympischen Spielen heimgekehrt war und einen Profivertrag unterschrieben hatte.
Fifth Street Gym: Cassius Clay im Fifth Street Gym, 1961. Die Adresse in Miami Beach ist legendär - hier arbeitet Boxtrainer Angelo Dundee seit dem 19. Dezember 1960 mit Ali. Die Zusammenarbeit soll bis 1981 andauern. Die Gage für den Trainer ist 1961 noch relativ bescheiden, 125 Dollar bekommt er pro Woche garantiert.
Fatale Entscheidung: Muhammad Ali vor dem Gerichtsgebäude in Houston, 1967. Es ist die Zeit des Vietnamkrieges und der Box-Champ verweigert den Wehrdienst. Er habe "nichts gegen den Vietcong", begründet Ali seine Entscheidung. Außerdem sei er ein Minister der "Nation of Islam" und könne deshalb nicht eingezogen werden. Für den Boxer hat die Verweigerung fatale Folgen. Er wird zu fünf Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt, außerdem verliert er seinen WM-Titel und seine Boxlizenz. Erst dreieinhalb Jahre später wird er wieder im Ring stehen.
Neil Leifer: Das Bild zeigt Muhammad Ali, nachdem er in einem Titelkampf 1966 im Houston Astrodome seinen Gegner Cleveland Williams K.o. geschlagen hat. Doch interessant an diesem Bild ist nicht nur, was darauf zu sehen ist. Der Fotograf heißt Neil Leifer, er hat von Ali gleich mehrere Fotos gemacht, die heute fast so berühmt sind wie Ali selbst. Leifer, 67, gilt als der beste Sportfotograf der Geschichte - aber er wurde der Größte vor allem durch seine Bilder vom "Größten".
Feuerträger: Es ist 12.25 Uhr am 20. Jui 1996 in Atlanta, als Muhammad Ali die Welt zum Weinen bringt. Ein Mann, gezeichnet von Parkinson, mit zittrigem Kopf und zittrigen Händen, hält das olympische Feuer - stolz und bewegt. "Nie in der Geschichte der Erde hat es einen Moment gegeben, als drei Milliarden Menschen zur gleichen Zeit Liebe empfanden. Aber Ali machte das möglich", schrieb sein Biograf Thomas Hauser. Zwölf Jahre zuvor, bei den Olympischen Spielen in Los Angeles, hatte man den größten Boxer der Geschichte nicht mal eingeladen.