Dortmund in der Einzelkritik Prellbock Subotic, cooler Götze
Roman Weidenfeller, Torhüter: Spielt eine herausragend gute Champions-League-Saison, das bestätigte er gegen Real Madrid. 23 Minuten dauerte es, bis der erste gefährliche Schuss auf sein Gehäuse geflogen kam. Oder präziser gesagt: geflattert. Bei Cristiano Ronaldos Absenker-Freistoß ging er auf Nummer sicher und faustete ihn zur Seite. Wenig später wurde er sogar von dem Portugiesen umgesprungen - für die Aktion hätte er wohl einem weniger begabten Spieler ein paar Takte erzählt, Ronaldo kam jedoch ungeschoren davon - Promi-Bonus? Rettete kurz vor Schluss die herausragende Ausgangslage.
Lukasz Piszczek, Abwehr (bis 83.): Bekam es auf der rechten Seite mit ihm zu tun. Na Sie wissen schon, dieser schnelle Portugiese mit den muskulösen Beinen. Konnte ihn ab und zu stellen, musste ihn manchmal von hinten umtreten - und benötigte oft auch die Hilfe seiner Mannschaftskameraden. Gewann mehr Zweikämpfe gegen ihn, als dass er sie verlor. Das ist ein guter Wert.
Kevin Großkreutz (r., Archivbild), Abwehr (ab 83.): Kam spät, durfte mitjubeln.
Neven Subotic, Abwehr: Der BVB-Innenverteidiger bekam seinen Abwehrchef Hummels zurück - und konnte sich wieder auf die Zweikämpfe konzentrieren. Das zahlte sich aus. War vor allem in der Luft eine Macht. Fungierte aber auch als Prellbock für den Gewaltschuss von Xabi Alonso.
Mats Hummels, Abwehr: Hatte im Achtelfinal-Rückspiel gegen Donezk und dem Viertelfinal-Hinspiel verletzt gefehlt, und auch beim Last-Minute-Wahnsinn gegen Málaga erst ab der 86. Minute gespielt. Spielte gegen Madrid erst unauffällig - und leistete sich dann einen kapitalen Bock, der zum Gegentor führte: Einen hohen Ball von Luca Modric bekam er nicht unter Kontrolle und gab dadurch die unfreiwillige Vorlage für Gonzalo Higuaín, der dann nur noch quer auf Ronaldo legen musste. War nicht so dominant wie er es sein kann.
Marcel Schmelzer, Abwehr: Fleiß kann man Schmelzer wohl niemals absprechen. Versuchte immer wieder Flanken in den Real-Strafraum zu schlagen. Das war jedoch weitaus ungefährlicher als seine flachen Pässe auf Lewandowski, mit denen er immer wieder für Unsicherheiten in der Real-Verteidigung sorgte.
Sven Bender, Mittelfeld: Leitete mit seiner Balleroberung am Mittelkreis die erste Chance von Reus ein. Schmiss sich gewohnt in die Bälle und grätschte seine Gegenspieler auch mal um. Da geriet sogar Ronaldo ins Straucheln.
Jakub Blaszczykowski, Mittelfeld (bis 82.): Blieb lange Zeit unauffällig, um dann aber in der 32. Minute zu explodieren. Ließ Fabio Coentrao auf der rechten Außenbahn aussteigen und marschierte bis in den Strafraum, wo er dann aber doch noch abgegrätscht wurde. Danach wieder unauffällig.
Sebastian Kehl (Archivbild), Mittelfeld (ab 82.): Ersetzte Blaszczykowski, machte nichts falsch.
Ilkay Gündogan, Mittelfeld (bis 91.): Ging bei Ballverlusten seiner Mitspieler sofort ins Gegenpressing über - und provozierte so teilweise grobe Fehler der Madrider Edel-Profis. Und zeigte bei seinem Alleingang samt gefährlichem Torschuss auch seine Offensivkünste. Teilweise aber zu verspielt: ein eingesprungener Hackentrick landete beim Gegner und leitete einen Real-Konter ein.
Julian Schieber (Archivbild), Mittelfeld (ab 91.): Kaum drin, schon war das Spiel vorbei.
Marco Reus, Mittelfeld: Hatte die erste Großchance als er mit schnellen Schritten auf den Real-Strafraum zuflog, dort dann aber den richtigen Zeitpunkt für den Abschluss verpasste. Nahm sich wohl ein Beispiel an Bayerns Franck Ribéry, da er ähnlich stark wie der Franzose gegen Barcelona defensiv arbeitete - und auch mal zur Grätsche am eigenen Strafraum ansetzte. Im anderen Strafraum wurde er umgestoßen - und holte so einen Elfmeter heraus. Starker Auftritt, weil viel engagierter als in den vergangenen Wochen. Jetzt geht es ja auch langsam um was.
Mario Götze, Mittelfeld: "Mal sehen, wie er mit dem Druck umgehen wird", hatte BVB-Coach Jürgen Klopp vor der Partie gesagt. Die Antwort: Ein saucooler Auftritt des Nationalspielers, inklusive der Vorlage zum 1:0 durch Lewandowski, Hackentricks, Kabinettstückchen - und einigen schnellen Doppel-Doppelpässen mit seinem Kumpel Reus. Nur ein Tor hätte zur perfekten Dramaturgie noch gefehlt.
Robert Lewandowski, Angriff: War kaum zu sehen - falls er nicht gerade ein Tor schoss. Das tat er dann gleich viermal, war deshalb also doch einige Male im Bild. Sein dritter Treffer in den Winkel war der schönste, hinzu kamen zwei Abstauber und ein verwandelter Elfmeter. Typischer Mittelstürmerabend eines Angreifers, der eigentlich überhaupt kein typischer Mittelstürmer ist. Verkörperte echten und falschen Neuner in einem. Wäre das nicht mal einer für Guardiolas Bayern?
Jürgen Klopp, Seitenlinie: Ungemein wichtiger Auftritt auf der Pressekonferenz vor dem Spiel, als er die Fans bat, allen Ärger über den Götze-Transfer zu Hause zu lassen und einen "besonderen, einen BVB-Abend" daraus zu machen. Lässiger Auftritt kurz vor dem Anpfiff: Händeschütteln und Small Talk mit Mourinho am Mittelkreis. Und während des Spiels? Dirigierte er seine Spieler zum Sieg und durfte gleich viermal jubeln. Ist nach zwei Meisterschaften seinem ersten Champions-League-Titel so nah wie nie zuvor.
Dortmunder Fans, Südtribüne: "Wir können es nur schaffen, wenn wir alle zu unserem BVB stehen. Bitte, bitte macht das nachher auch so", wurde schon vor der Partie durch die Stadionmikrofone propagiert. Und die große Mehrheit der Fans in der Südkurve und anderswo im Stadion hatte offensichtlich auch keine Lust, sich das Champions-League-Halbfinale durch die Wechselankündigung von Mario Götze kaputtmachen zu lassen. Keine Pfiffe, nur vereinzelte Plakate gegen den scheidenden Nationalspieler.