Champions League-Analyse Wie Juventus den Titelverteidiger entzauberte
Juventus Turin - Real Madrid 2:1 (1:1): Titelverteidiger Real Madrid erwartet im Halbfinalrückspiel am kommenden Mittwoch eine äußerst schwere Aufgabe. Der Foulelfmeter, den Carlos Tévez in der 57. Minute verwandelte, bedeutete einen verdienten 2:1-Erfolg für Juventus - und damit ein Resultat, das dem italienischen Meister realistische Chancen auf das erste Champions League-Finale seit zwölf Jahren lässt.
Wie konnte sich der große Außenseiter im verbliebenen Viererfeld gegen Carlo Ancelottis Real Madrid durchsetzen? Der Blick auf die Spieldaten zeigt ein weitgehend ausgeglichenes Match: Juventus war zwar etwas aggressiver (21 zu 13 Fouls), Real Madrid hatte dafür mehr Eckbälle. Auch beim Ballbesitz hatte kein Team klare Vorteile (Juventus: 48 Prozent, Real Madrid: 52).
Ein entscheidender Faktor war Carlos Tévez, der Mann des Abends. Nicht nur, weil er den entscheidenden Elfmeter herausholte und sicher verwandelte, sondern auch, weil seine entschlossenen Antritte immer wieder Lücken rissen. An einem guten Tag ist Tévez kaum zu stoppen - und so einen Tag hatte er.
Zudem war der Argentinier äußerst effizient: 86 Prozent seiner Pässe landeten bei Mitspielern (dargestellt durch die grünen Vektoren in der Grafik). Zwei Torschüsse legte Tévez für die Kollegen auf, fünfmal suchte er selbst den Abschluss, drei seiner Schüsse kamen auf das Tor. Im Vergleich: Real Madrid brachte es in 90 Minuten lediglich auf vier Versuche auf das Tor von Juventus-Schlussmann Gianluigi Buffon.
Der Führungstreffer resultierte ebenfalls aus einer Aktion von Tévez. Seinen flachen Schuss in der 8. Minute konnte Reals Torwart Iker Casillas gerade noch parieren - allerdings genau vor die Füße von Álvaro Morata, der aus kurzer Distanz zum 1:0 vollendete (8. Minute).
Die Grafik zeigt, wie geduldig der italienische Champion, der am Wochenende seinen 31-Titel perfekt machte, sein Spiel aufbaute, bis sich schließlich auf der rechten Außenbahn eine Lücke öffnete. Es war der Höhepunkt der stärksten Phase von Juventus: Bis zur achten Minute hatte Real gegen die druckvollen Italiener schon vier gegnerische Torschüsse hinnehmen müssen - so viele, wie in beiden Viertelfinalduellen gegen Atlético zusammen.
Beinahe spiegelbildlich dazu der 1:1-Ausgleichstreffer für Real Madrid (27.): Auch hier wurden ausgiebig die Flügel bespielt und immer wieder die Seiten verlagert. Am Ende der Kette kam der Ball über Daniel Carvajal (15) und James Rodríguez (10) zu Cristiano Ronaldo (7), der sich mit seinem 76. Treffer an die Spitze der ewigen Champions-League-Torjägerliste setzte.
Es blieb jedoch die einzige erwähnenswerte Offensivaktion des Portugiesen. Bis auf einen Lattenkopfball von Rodríguez (41.) blieben auch Ronaldos Teamkollegen ungefährlich. Im zweiten Durchgang gelang nicht ein einziger Abschluss auf das Tor von Juventus.
Das lag zum einen daran, dass das 4-4-2-System von Madrid insgesamt zu leicht ausrechenbar war. Rodríguez (rechts) und Isco (links) wurden wieder und wieder auf den Außenpositionen gesucht, in der Heatmap gut zu sehen an den beiden roten Hotspots in der gegnerischen Hälfte. Die Grafik zeigt außerdem, dass Real die zentrale Achse fast komplett preisgab was natürlich auch am gelungenen Doppelspiel zwischen Andrea Pirlo und Arturo Vidal lag.
Exemplarisch lassen sich die Zuspiele Iscos in seinen 63 Spielminuten betrachten. Keine Passkombination wurde häufiger gespielt als die von Reals Marcelo auf Isco, der dann jedoch meist den Weg zurück oder ins Zentrum wählen musste (grün: erfolgreiche Pässe, rot: Fehlpässe, gelb: Torschussvorlagen). Die bereits angesprochene Ausnahme war die Vorbereitung für Rodríguez in der 41. Minute. Ansonsten kam von den Flanken wenig.
Die taktischen Umstellungen von Reals Coach Carlo Ancelotti änderten daran nichts. Mit Javier "Chicharito" Hernández brachte er nach einer guten Stunde den Matchwinner des Viertelfinals. Doch auch im 4-3-3 tat sich Madrid gegen eine engagierte und routinierte Juventus-Mannschaft schwer, Juves Coach Massimiliano Allegri hatte sie in der Schlussphase zudem durch die Einwechslung von Andrea Barzagli mit einem zusätzlichen Verteidiger verstärkt.
Wie diszipliniert Juventus seinen Plan umsetzte, verdeutlicht diese Grafik. Zu sehen sind sämtliche 21 Fouls, die die Italiener in 90 Minuten begingen. Bemerkenswert ist dabei, dass sie in der Zone etwa 25 bis 30 Meter vor dem eigenen Tor Foulspiele komplett vermieden und damit Real auch kaum Standard-Möglichkeiten anboten.
Was bleibt? Real bekommt von Juventus einerseits seine Grenzen aufgezeigt, reist aber gleichzeitig mit dem so wichtigen Auswärtstor ab. Ein 1:0 im Rückspiel im Estadio Santiago Bernabeu reicht bereits für den Finaleinzug. Allerdings: Nach einem 1:2 in einem Halbfinalhinspiel ist Real Madrid bislang immer ausgeschieden. 1973 gegen Ajax Amsterdam wie auch 2012 gegen den FC Bayern.