Hausbesetzer in Caracas Realsozialistisches Experiment im Turm
Der Torre de David - Turm von David - in der Altstadt von Caracas: 190 Meter ist der Wolkenkratzer hoch, ein Projekt des Bankiers David Brillembourg. In den neunziger Jahren ging seine Metropolitano Bank pleite. Was blieb, war die halbfertige Bauruine.
Auf der einen Seite ist die Bauruine teilweise mit einer Fassade verkleidet - auf der anderen steht nur das rohe Betongerippe.
2007 besetzen Anhänger des sozialistischen Präsidenten Hugo Chávez den unfertigen Turm. Heute leben dort 2500 Menschen. In Caracas mit seinen acht Millionen Bürgern ist bezahlbarer Wohnraum Mangelware.
Zum Turmkomplex gehört auch eine zwölfstöckige Hochgarage. Die Hausbesetzer parken dort ihre Motorräder und Autos.
Der Haupteingang des Torre de David: Vor dem weißen Metalltor wacht ein Mann namens Oswaldo mit Walkie-Talkie darüber, wer rein- und rausgeht.
Innen haben sich die Bewohner provisorisch in dem Betongerippe eingerichtet - Wände gezogen, Türen eingebaut. In dieser Wohnung hat ein Fußballfan die Fotos seiner Lieblingsclubs aufgehängt.
Die Hausbesetzer leben gefährlich: Hier klafft ein großes Loch im Beton. Einmal fiel ein Kind aus einem der oberen Stockwerke in die Tiefe, erzählt eine Bewohnerin. Der Bauherr hatte die Wände zum Innenhof noch nicht fertiggestellt.
Viele der Hausbesetzer gehen ganz normalen Berufen nach. Wer keine Arbeit draußen hat, versucht es im Turm mit einem kleinen Geschäft: Auf vielen Stockwerken haben Kioske, Friseure und Internetcafés geöffnet.
45 Stockwerke hat der Torre der David, bis zur 28. Etage haben sich die Besetzer inzwischen vorgearbeitet. Es gibt Platz für einen Basketballkorb...
...und einen überdachten Bolzplatz. Für Ruhe und Ordnung im Turm sorgt das Kollektiv der Hausbewohner. Es kassiert auch eine Art Miete, von der Strom und Wasser bezahlt werden.
Im ersten Stock des Parkhauses liegt die Kirche der Wolkenkratzer-Kooperative. Der Priester der Gemeinde, Alexander Daza, ist auch Chef der Kollektive. Sein Wort ist Gesetz. Er selbst nennt den Turm "befreites Territorium", die Gesellschaft der Besetzer eine "Basisdemokratie".
Drei Stunden dauert der Gottesdienst der Turm-Evangelikalen. Eine Bewohnerin im besten Sonntagsstaat kneift beim Beten die Augen zusammen.
Der Gottesdienst endet mit Gesang - dann umarmen sich die Gläubigen. Harmonie im Turm? Wenn es Streit gibt, greifen die Aufseher des Kollektivs ein, die Coordinadores. Wer gegen die ungeschriebenen Gesetze verstößt, fliegt aus dem besetzten Wolkenkratzer.