Chinas letzter Monarch Kaiser, Kriegsverbrecher, Kommunist
"Sohn des Himmels": Puyi (r.) im Alter von etwa zwei Jahren mit seinem Vater Prinz Chun II. und seinem jüngeren Bruder Pujie in der "Verbotenen Stadt" - wie der Kaiserpalast im Zentrum Pekings genannt wurde, weil dem Volk der Zutritt in die Anlage verwehrt war. Eine reguläre Schule hatten die beiden Dynastie-Kinder nie besucht: Sie wurden von einem Privatlehrer unterrichtet.
Im "Kerker": Puyi wuchs abgeschirmt von der Außenwelt in der Verbotenen Stadt auf, während sich das Land außerhalb der Palastmauern dramatisch veränderte. Als er älter wurde und sein schottischer Lehrer seine Neugierde auf die Welt und besonders den Westen weckte, empfand Puyi seine Residenz mit ihren 9000 Palasträumen immer mehr als einen golden Käfig. Er kam sich vor "wie eingeschnürt", schrieb er später und bezeichnete den Palast als seinen "Kerker".
Babymonarch: Puyi, dessen kaiserlicher Name Xuantong lautet, wurde 1906 im Alter von zwei Jahren und zehn Monaten auf den Drachenthron in der Verbotenen Stadt gehievt. Stundenlang musste er die endlosen Huldigungen und Kotaus der Würdenträger seines Hofstaates entgegennehmen - und tat, was ein Kind in diesem Alter tut: er schrie und schrie und schrie.
Die Regierungsgeschäfte führten derweil andere in seinem Namen; erst im Alter von 15 Jahren hätte Puyi als volljährig und damit regierungsfähig gegolten - doch da war er längst schon wieder abgesetzt und das Kaisertum in China abgeschafft.
Ende einer uralten Tradition: Der letzte Kaiser von China, Puyi, im Alter von 25 Jahren. Pu Yi entstammte dem mandschurischen Fürstengeschlecht der Aisin Gioro, die seit 1644 als Qing-Dynastie das Kaiserreich China beherrschten. Nach mehr als 350 Jahren endete die Herrschaft der Qing am 12. Februar 1912, als die neu gegründete Republik China die Abschaffung des Kaisertums erzwang. Insgesamt endete mit diesem historischen Datum in China eine 2133-jährige Tradition des Kaisertums.
Signatur im Bundesarchiv: Bild 102-12644
Machtlos: Zur Zeit dieser Aufnahme war die Zeit Puyis als Kaiser von China bereits vorbei - vor 100 Jahren, am 12. Februar 1912, war er von der gerade gegründeten Republik China zur Abdankung gezwungen worden. Dennoch durfte Puyi noch zwölf Jahre lang in der Verbotenen Stadt in Peking residieren und seinen Titel als Kaiser behalten. Die Republik China sicherte ihm vertraglich zu, ihn genauso respektvoll wie einen ausländischen Monarchen zu behandeln - Puyi war damit der wohl machtloseste Kaiser der Weltgeschichte.
Umgeben von Würdenträgern: Puyi am 24. März 1932 bei den Feierlichkeiten seiner Amtseinführung als Präsident des japanischen Marionettenstaates Mandschukuo, der von den Japanern besetzten Mandschurei. Kaum ein Land erkannte diesen Kunststaat diplomatisch an.
Die Zeremonie fand in Changchun, Hauptstadt des neuen Staates, statt. 1934 wurde Puyi sogar zum Kaiser Mandschukuos erhoben - zum dritten Mal in seinem Leben war er nun Kaiser, blieb aber erneut ohne wirkliche Macht.
Vor der Krönung: Dieses Portrait zeigt Puyi kurz vor seiner Einsetzung als Kaiser des Marionettenstaats Mandschukuo im Jahr 1934. Das Bild wurde dem japanischen General Ting als Anerkennung für die erbrachten Dienste übergeben.
Er sei "außer sich vor Freude" gewesen schrieb Puyi über seinen Antritt als neuer Kaiser, "berauscht von meiner eigenen Würde". Erst später sei ihm bewusst geworden, dass er "mit Kriegsverbrechern", die die Mandschurei widerrechtlich besetzt hätten, kollaboriert habe. Für die Zusammenarbeit wurde Puyi nach dem Zweiten Weltkrieg neun Jahre in ein Umerziehungslager gesteckt.
Kaiser und Militär: Puyi mit japanischer Mannschaft während seiner Regentschaft in Mandschukuo - auch wenn er in der Öffentlichkeit häufig in Uniform auftrat, war er ohne wirklichen Einfluss auf die militärischen Entscheidungen der japanischen Generalität.
Tragischer Herrscher: So blieb Puyi, hier während seiner Regentschaft als Kaiser von Mandschukuo, der Welt in Erinnerung - bleich, emotionslos, undurchdringlich. Sein Leben lang wurde er von unzähligen Beratern, Einflüstern und Emporkömmlingen instrumentalisiert. Als Kind konnte er nicht selbstständig politische Entscheidungen treffen; als Erwachsener fehlte ihm die Kraft und der Mut dazu.
Relikt eines Kunststaates: Das Konterfei von Puyi ziert eine Briefmarke des japanischen Marionettenstaats Mandschukuo, an dessen Spitze er von 1932 bis 1945 stand. Im August 1945 wurde der Monarch kurz vor seiner geplanten Flucht nach Japan von sowjetischen Truppen in der Mandschurei gefangengenommen und in die UdSSR gebracht. Dort verbrachte er fünf Jahre in einem Gefängnis, in dem ihn seine ebenfalls gefangenen Bediensteten und Familienmitglieder immer noch als "Majestät" ansprachen und seine Kleider bügelten.
Kaiser ganz in Weiß: Nur auf dem Papier war Puyi als Kaiser des international nicht anerkannten Staates Mandschukuo mächtig. In Wahrheit benutzten die Japaner ihn nur, um ihren Kunststaat einen gewissen Anstrich von Legitimation zu verleihen und mögliche Unruhen der Chinesen zu verhindern. Puyi hatte also viel Zeit - und vertrieb sie sich gerne beim Tennis.
Wan Rong: Die Tochter aus gutem Hause wurde am 1. Dezember 1922 mit Puyi verheiratet und damit die letzte Kaiserin von China. Die Ehe war arrangiert; Puyi hatte Wan Rong zuvor nicht kennengelernt, sondern nur ein Foto von ihr (und anderen Kandidatinnen) gesehen.
Ein Jahr lang hatten verfeindete Cliquen am Kaiserhof versucht, Puyi ihre jeweilige Favoritin anzupreisen. Um die verschiedenen Gruppierungen zufriedenzustellen, entschied sich Puyi schließlich zu einer Doppelhochzeit und ehelichte gleichzeitig noch eine kaiserliche Nebenfrau, die sich aber später von ihm scheiden ließ. Wan Rong starb 1946 opiumsüchtig.
Auf hohem Ross: Puyi, ehemaliger Kaiser von China und anschließend Präsident und Kaiser des Marionettenstaats Manschukuo, reitet auf seinem weißen Lieblingspony durch die Vororte der Hauptstadt Changchun. Anders als in seiner Kindheit und Jugend in Peking zeigte sich der Herrscher im Dienste Japans besonders gerne in moderner westlicher Kleidung.
Cineastisches Denkmal: Bernardo Bertolucci verfilmte 1987 die Biografie Puyis, die unter dem Titel "Der letzte Kaiser" in den Kinos lief. Das Werk wurde mit neun Oscars ausgezeichnet.
Der "neue Mensch": Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte der ehemalige Kaiser als "Genosse Puyi" im kommunistischen China in Freiheit - Mao hatte den als Kriegsverbrecher Inhaftierten 1959 begnadigt. Damit endete eine neunjährige Internierung in einem Umerziehungslager.
Und der Entlassene tat, was die chinesische Regierung von ihm erwartete: Artig bedankte er sich für die Milde und den Großmut der Kommunisten und lobte den Aufschwung Chinas. Er geißelte sich selbst als grausamen Kriegsverbrecher im Dienste Japans, der erst durch die Weitsicht der Kommunisten geläutert und zum "neuen Menschen" geworden sei.
Zuletzt führte Puyi in Peking ein einfaches Leben als Gärtner und Archivar. Am 17. Oktober 1967 starb er im Alter von 61 Jahren an Nierenkrebs.