Clausnitz Eine sonderbare Idylle
Ich stehe auf einer Straße oberhalb des Dorfes und hebe die Kamera für ein allererstes Bild. Ist es das Brüllen eines Betrunkenen. das die Landschaft zerschneidet? Es ist sehr laut und sehr aggressiv. Es ist ein Laut, mit dem man Vieh verjagt. Er ist nicht zu orten, aber er gilt mir.
Die Straßen sind ausgestorben. Man sieht sie nicht, sie sehen. Sie wissen noch Tage später, welcher Fremde wann durchs Dorf gefahren ist. Sie wussten nicht, wann Flüchtlinge kommen.
Als ich an einem Sonntagmorgen das Dorf durchstreife, sehe ich eine junge Frau, die eine Kutsche mit Blumen schmückt. Gemeinsam reist sie mit ihrem Mann am Mittag durch die Landschaft. Später möchte ich ihn fotografieren. Bürgermeister Funke ist behilflich und kommt gleich mit. Auf einer Anhöhe bemerkt der Bürgermeister erstaunt, dass er dort noch nie war. Aus Sichtweite ruft er zu Hause an. Seine Frau reicht Kaffee und Kekse in unsere Kutsche.
Als wir auf die Dämmerung warten, zeigt mir Thomas Hetze zweitausend Urlaubsbilder in seinem Haus am Waldrand. Im umfunktionierten Transporter reiste er mit Frau und Kindern wochenlang quer durch Nordafrika. Er schätzt die Menschen und die Kulturen. Seine Erfahrungen brachte er in einem benachbarten Heim ein. In Clausnitz ist er als Heimleiter Augenzeuge am Tag der Ankunft der Flüchtlinge. Und er ist Mitglied der AfD. Das Landratsamt stellt ihn kalt. Er muss die Stelle räumen und wird von einer Beschäftigung zur nächsten versetzt.
Silko, der Kutscher, liebt nicht nur seine Pferde. Er pflügt die Furchen der Agrargenossenschaft, jeder Mitarbeiter hat seine eigene. Auch die zugezogenen Flüchtlinge haben Furchen bekommen, ein Angebot zur Integration. Was wollten sie anbauen? "Pfirchsichbäume und Ananas", sagt Bürgermeister Funke lächelnd, mit einem Blick in die Ferne.
Nicht oft sehe ich Leute mit Hausschuhen auf der Straße. Abends geht Herr Neitzke gern noch einmal aus. Zu sehen gibt es ansonsten nichts, glaube ich. Selten fährt jemand vorbei.
Ein Bild von Ronny an seinem Lieblingsort setzt Kondition voraus. "Bring' Wanderschuhe mit", rät er mir am Telefon. "Drei bis vier Stunden werden wir unterwegs sein." Er ist gern draußen, liebt die Jahreszeiten, seine Familie, sein Stück Land. Detailgenau erklärt er mir die unscheinbarsten Gattungen. Fremde verirren sich wohl nie hierhin.
Mein Kollege Takis Würger braucht einen langen Atem: Wochenlang spricht niemand mit ihm, auf dem Dorffest bieten sie ihm Prügel an. Das erste Mal treffe ich ihn bei Thomas Hetze am Grill. Am Sonntag sind wir zum Mittagessen eingeladen, ein Erfolg vierwöchiger Hartnäckigkeit. Zur Belohnung knabbern wir ein hartes Kaninchen.
Der Fotograf Sven Döring arbeitet regelmäßig für den SPIEGEL. Es war seine erste Geschichte mit Takis Würger, seit dieser intensiven Recherche sind sie befreundet.