Das Autojahr in Bildern Stotterstarts und Staatsschotter
Teslas Produktionsprobleme, Deutschlands Dieselsorgen, der Verkauf einer Traditionsmarke und SUV ohne Ende: Diese Themen beherrschten 2017 die Autobranche. Ein Rückblick in Bildern.
Das Kartell
Die deutschen Autohersteller Volkswagen, Audi, Porsche, BMW und Daimler haben sich in geheimen Arbeitskreisen umfassend über Technik, Kosten, Zulieferer und sogar über Details der umstrittenen Abgasreinigung ihrer Dieselfahrzeuge ausgetauscht. Das berichtete der SPIEGEL in einer aufsehenerregenden Titelgeschichte im Juli. Der Verdacht lautet: Bildung eines Kartells . Aufgeflogen sind die Absprachen durch Selbstanzeigen beteiligter Konzerne. Bis zu einer endgültigen Entscheidung, ob es sich um ein illegales Kartell handele, könne es noch Jahre dauern, sagte EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager dem SPIEGEL - der Fall sei komplex.
PSA kauft Opel
Der traditionsreiche Autohersteller Opel wechselte im Juli den Besitzer. Nach 88 Jahren unter dem Dach von General Motors gibt nun der französische Autohersteller PSA den Ton bei den Rüsselsheimern an. Als ersten Schritt kündigte PSA-Chef Carlos Tavares (links, mit dem neuen Opel-Chef Michael Lohscheller) eine Sanierung der Marke an, die er dem deutschen Management überlassen will. Seit 1999 hatten die Rüsselsheimer und die zum Unternehmen gehörende britische Marke Vauxhall keinen operativen Jahresgewinn mehr abgeliefert. Mit der Übernahme ist PSA nach Volkswagen nun der größte Autohersteller in Europa.
Foto: Arne Dedert/ dpa
Volvos Abschied vom Diesel (auf Raten)
Volvo sagt sich als erste Traditionsmarke von Benzin- und Dieselmotoren los . Der schwedische Hersteller kündigte im Juli an, dass ab 2019 jeder Volvo einer neuen Modellreihe einen Elektromotor haben wird. Dabei könne es sich dann um rein batterieelektrische Autos handeln oder verschiedene Arten von Hybriden. In ältere Modelle werden solange Verbrennungsmotoren eingebaut, bis diese dann von einer Nachfolgegeneration abgelöst werden, so Vorstandschef Hakan Samuelsson (Foto).
Foto: Uli Deck / dpa
Der Dieselgipfel
Das Treffen von Politikern, Automanagern und anderen Industrievertretern in Berlin hätte auch unter dem Motto "Rettet den Diesel" stattfinden können. Beschlossen und verkündet wurden dort Anfang August unter anderem Software-Updates für Selbstzünder-Pkw, deren Wirkung auf die Abgasminderung umstritten ist und die zudem in den meisten Fällen auf freiwilliger Basis erfolgen. Ein Hilfsfonds für Städte mit hoher Luftverpestung wurde aufgelegt, damit die Kommunen zum Beispiel Elektrobusse kaufen können. Erst waren es 500 Millionen Euro, aber rasch war klar, dass diese Summe angesichts der nötigen Investitionen lächerlich klein ist; der Fonds wurde auf eine Milliarde Euro aufgestockt. Die wichtigste Erkenntnis des Gipfels: Es herrscht Hilflosigkeit . Die Autobranche klammert sich weiter an den Diesel, und die Politik lässt sie dabei gewähren.
Foto: Maurizio Gambarini/ dpa
Abwrackprämie reloaded
Im Kampf gegen die drohenden Fahrverbote in Städten dachte sich die Autoindustrie außerdem folgendes Rezept aus: Alte Autos sollen durch neue Autos ersetzt werden. "Umweltprämie" nennt sich das, und der Deal geht so: Besitzer von Dieselautos können ihren Gebrauchtwagen (soweit er die Abgasnorm 1 bis 4 hat) in Zahlung geben und bekommen dafür je nach Hersteller zwischen 2000 und 10.000 Euro Preisnachlass bei Kauf eines Neuwagens. Wird dadurch die Umwelt gerettet? Im Zweifel eher nicht, denn erstens produzieren auch die neuen Modelle eine Menge Abgase, und zweitens hat sich in einigen Fällen herausgestellt, dass die Stickoxidausstöße von Euro-6-Dieseln immer noch weit über den Grenzwerten liegen.
Foto: Michael Probst/ AP
Fehlstart von Teslas Hoffnunsgträger
Im Frühjahr überflügelte der E-Mobil-Hersteller Tesla die größten Autokonzerne der USA. Zumindest an der Börse. Dass die Aktie der Kalifornier mehr wert war als die von GM und Ford, lag vor allem an den Erwartungen, die an das Model 3 geknüpft waren: Das erste massentaugliche Auto von Tesla, nur etwa halb so teuer wie Model S und Model X, aber genauso sexy und statussymbolträchtig. Im Sommer lief die Produktion an, Tesla-Chef Elon Musk versprach 1500 fertiggebaute Exemplare bis zum Herbst, im Winter sollte die Produktion dann auf monatlich 20.000 Model 3 hochgefahren werden. Über die Nachfrage musste sich Musk keine Sorgen machen, mehr als 400.000 Kunden hatten das E-Mobil vorab geordert. Doch die Wartenden müssen sich gedulden. Nur 260 Exemplare verließen bis September die Werkhallen, Probleme in der Batteriefabrik und der Karosseriefertigung sorgten für Verzögerungen. Erfüllt werden die hochgesteckten Ziele laut Musk nun erst im nächsten Frühjahr. Experten warnen bereits, dass Tesla seine Vorreiterrolle einbüßt. Der Aktienwert ist jedenfalls bereits wieder gesunken; und auch sonst holt die Konkurrenz auf.
Foto: Andrej Sokolow / dpa / picture alliance
Lange Haftstrafe für VW-Manager
Oliver Schmidt war bei VW ein Mann aus der dritten Reihe - und trotzdem wurde er zum Gesicht des Dieselskandals. Ein US-Richter verurteilte ihn zu sieben Jahren Haft. Der Vorwurf: Verschwörung zum Betrug und Verstoß gegen Umweltgesetze. Schmidt war bei Volkswagen Chef der US-Abteilung für Technologie und Umwelt und damit zuständig für den Kontakt des Autokonzerns mit Behörden. Diese hatte er belogen, als es Fragen zur Betrugssoftware gab. Seine Mittäterschaft stritt er zunächst ab. Dafür bekam er im Dezember die maximale Härte der Justiz zu spüren. Vor Gericht sagte Schmidt aus, dass nicht nur ein paar Ingenieure und Manager wie er von dem jahrelangen Betrug wussten, sondern auch der VW-Vorstand. Das bringt die ehemaligen Herrscher des Konzerns in Erklärungsnot, Männer wie Ex-Konzernchef Martin Winterkorn. Gut möglich, dass der Dieselskandal noch ein anderes Gesicht bekommt.
Foto: REUTERS/Courtesy of Broward County Sheriffs Office
Die Post blamiert Daimler
Es war der Überraschungserfolg des Jahres: Der von der Deutschen Post zusammen mit der Technische Hochschule Aachen entwickelte Elektrotransporter Streetscooter machte sich auf den Straßen breit. Mitte des Jahres waren bereits mehr als 3000 Exemplare des Lkw im Einsatz. Und wegen drohender Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in den Städten ist die Nachfrage gestiegen; der Bau einer zweiten Streetscooter-Fabrik ist bereits beschlossene Sache. Der Wagen kam genau zur richtigen Zeit und erwischte Autohersteller wie VW und Daimler eiskalt. Denn die Post hatte bei diesen Konzernen vergebens angefragt, ob sie einen Lieferwagen mit Elektroantrieb entwickeln könnten. Für Daimler wurde es später noch peinlicher: Wie sich herausstellte, hatte der Hersteller extra eine Tarnfirma gegründet, um ein Exemplar des Streetscooters anzumieten und auszuspionieren. Ob der Hersteller etwas gelernt hat, wird sich nun zeigen: Mittlerweile hat auch Mercedes einen E-Transport auf dem Markt, aber die Post muss erst einmal eingeholt werden.
Foto: Deutsche Post_DHL
Ehrlich jetzt, Spritverbrauch?
In der EU gilt seit dem 1. September eine neue Sprit- und Abgasmessung. Der sogenannte NEFZ (Neuer Europäischer Fahrzyklus) wurde durch den WLTP (Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure, zu Deutsch "weltweit einheitliches Leichtfahrzeuge-Testverfahren") ersetzt. Dessen überarbeitete Testbedingungen und Fahrprofile könnten die Diskrepanz zwischen offiziellen und realen Verbrauchswerten etwa halbieren, erwarten Forscher der Umweltorganisation International Council on Clean Transportation (ICCT) . Derzeit verbrauchen Neuwagen laut einer Studie im Schnitt rund 42 Prozent mehr Sprit als vom Hersteller angegeben. Der WLTP unterscheidet sich vom NEFZ durch ein deutlich realistischeres Fahrprofil.
Foto: Volkswagen
Wissman wackelt
Mehr als eine Dekade war er das Sprachrohr der Automobilindustrie, doch 2017 war nicht das Jahr von Matthias Wissmann. Der Vorsitzende des Verbands der Automobilindustrie hatte es sich mit den Autobossen verscherzt, allen voran mit Daimler-Chef Dieter Zetsche. Im Zusammenhang mit den Vorwürfen zum Teil illegaler Absprachen zwischen den deutschen Herstellern hatte der oberste Autolobbyist Wissmann einen Kulturwandel in der Branche sowie eine "Null-Fehler-Toleranz" gefordert. Zetsche hatte daraufhin erklärt: "Ich war überrascht über diese Stellungnahme." Wissmann wird seine Vertrag 2018 nicht verlängern, als möglicher Nachfolger wird der ehemalige Ford-Chef Bernhard Mattes gehandelt.
Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS
Ohne Ende SUV
Die Autowelt befindet sich nach wie vor im Voll-SUV. Das Segment der mehr oder weniger Pseudo-Geländewagen wächst weiter - und das strengeren CO2-Grenzwerten oder drohenden Dieselfahrverboten zum Trotz. Rational lässt sich der Erfolg der Trumme nur schwer erklären, denn vergleichbar große Limousinen wären den Blechriesen in Verbrauch und Aerodynamik überlegen. Der Gipfel des SUV-Irrsinns markierte 2017 die Vorstellung des Lamborghini Urus dem mit 305 km/h schnellsten SUV der Welt. Ein Sportwagen in Elefantenoptik - was soll man dazu noch sagen?
Foto: Lamborghini
VW-Chef fordert Abschaffung der Dieselsubventionen
2016 hatte mehr als die Hälfte der in Deutschland verkauften VW-Autos einen Dieselmotor - und 2017 fordert VW-Chef Matthias Müller, dass die Steuervergünstigungen für den Kraftstoff dieser Autos abgeschafft werden. "Geht's noch", dürften sich da viele Kunde gefragt haben, FDP-Generalsekretärin Nicola Beer ließ ihrem biblischen Zorn freien Lauf und bezeichnete Müller gar als "Diesel-Judas". Aus Sicht von Verbrauchern ist der Vorwurf des Verrats zunächst nachzuvollziehen, und dass ausgerechnet VW sich dafür einsetzt, dass den wertverlustgeplagten Dieselbesitzern auch noch eine Vergünstigung von 18,41 Cent pro Liter gestrichen wird, ist fast schon grotesk. Viele Umweltschützer und Marktexperten sind dagegen voll des Lobes für Müllers Vorstoß. Denn der forderte auch, dass die Gelder, die dem Staat durch wegfallende Subventionen zufließen, direkt in den Aufbau einer Ladeinfrastruktur für E-Mobile fließen. Zukunftsweisender als die Förderung einer alten Technologie wäre das allemal.
Foto: Christophe Gateau/ dpa
Bestellungsstopp für Erfolgsmodelle
Wunschauto nicht verfügbar: Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Autohändler, wollen viele Tausend Euro auf den Tisch legen, und der Händler nimmt Ihre Bestellung einfach nicht an. So ist es 2017 einigen Porsche-Interessenten ergangen, die einen Panamera des Typs 4S Diesel oder Diesel Sport Turismo kaufen wollten. Grund für den Bestellstopp waren laut Porsche zusätzliche Überprüfungen der Fahrzeuge. Auslöser für die gesteigerte Sorgfalt ist der Dieselskandal, der den Konzern nunmehr seit 2015 beschäftigt. Auch Kunden anderer Marken waren von Bestell- oder Auslieferungsstopps im Zuge der Abgasaffäre betroffen. So stellte beispielsweise VW die Auslieferung des beliebten VW-Busses T6 mit Dieselmotor an die Händler ein . Volkswagen hatte bei der Zulassung des Fahrzeugs zu niedrige Stickoxidwerte angegeben.
Foto: Volkswagen
Ridesharing ist in Deutschland angekommen
In Deutschland gibt es zunehmend die Möglichkeit, mit fremden Menschen Taxi zu fahren und sich dann die Kosten zu teilen. So startete beispielsweise Mytaxi den Dienst mytaximatch in Hamburg, bei dem sich Taxikunden über eine App für eine Tour zusammenschließen können. Einen vergleichbaren Service bietet dort auch die Taxi-Genossenschaft Hansa-Taxi an. In Berlin baut Daimler zusammen mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) ein System für flexible Mitfahrangebote auf. Die moderne Art von Sammeltaxi soll im kommenden Frühjahr zunächst als Pilotprojekt starten. Dabei bucht der Kunde per Handy-App eine Fahrt und nennt Start- und Zielpunkt. Im Hintergrund berechnen Algorithmen permanent, welches Fahrzeug in der Nähe ist und den Kunden am besten mitnimmt und welche weiteren Fahrgäste mit ähnlichen Wünschen noch mitfahren können - entsprechend wird die Route zwischen zwei im System definierten Haltepunkten geplant. Fahrpläne gibt es nicht. Zig ähnliche Projekte sind in der Pipeline zum Beispiel Moia, ein Mobilitätskonzept von Volkswagen, das 2018 in Hamburg erprobt werden soll.
Foto: Wolfram Steinberg/ picture alliance / dpa
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