Stammbaum-Schwindel Doch kein Mann aus der Morgenröte
Falscher Affenmensch: 1908 entdeckte der Hobbyarchäologe Charles Dawson ein menschlich wirkendes Schädeldach und 1912 ein eher affenähnliches Kieferfragment in der Nähe des Dörfchens Piltdown in der Grafschaft Sussex.
Die beiden Funde in einem Kiesbett schienen von Farbe und Struktur perfekt zueinander zu passen und galten als Weltsensation: Endlich war das lange gesuchte Verbindungsglied in der Entwicklung vom Affen zum Menschen entdeckt worden. Der "Piltdown-Mensch" wurde zum Star der Paläontologie - bis der Fund 41 Jahre später mit neuen Methoden der Altersbestimmung als Fälschung überführt wurde.
Die hier abgebildete Rekonstruktion stammt von dem britischen Paläontologen Arthur Smith Woodward, der den Schädel 1912 der begeisterten Fachwelt als Sensation präsentiert hatte. Die braunen Flächen stellen die gefundenen Fragmente dar.
Erlesener Forscherkreis: Unterstützung erhielt der Finder Charles Dawson vor allem von Arthur Smith Woodward, der als Kurator der geologischen Abteilung des Britischen Museums und Präsident der renommierten Geological Society of London unter Fachleuten ein hohes Ansehen genoss. Er begleitete Dawson bei seinen Ausgrabungen und stellte den Fund gemeinsam mit ihm beim Treffen der Geological Society of London vor. 1915 malte der Künstler John Cooke dieses Gemälde von Dawson und Woodward mit einigen ihrer Kollegen. Im Hintergrund ist in dem gerahmten Bild ein anderer berühmter Brite zu sehen: der Evolutionstheoretiker Charles Darwin. Damit war klar, auf welcher Stufe sich die "Piltdown"-Forscher sahen.
Hintere Reihe von links: Frank O. Barlow, Grafton Elliot Smith, Charles Dawson und Arthur Smith Woodward. Sitzend von links: Arthur Swayne Underwood, Arthur Keith, William Plane Pycraft und Sir Ray Lankester.
Der Ur-Brite: Besonders erstaunlich war der Piltdown-Fund durch das große Gehirn in Kombination mit einem affenartigen Kiefer. Dadurch sahen einige Wissenschaftler ihre Theorie bestätigt, dass dem größer werdenden Gehirn beim Menschen allen anderen Entwicklungen voran gegangen sind - andere Forscher hingegen hatten genau die umgekehrte Reihenfolge der Entwicklung erwartet: erst ein größerer Kiefer, dann die Evolution des Gehirns.
Diese Rekonstruktion des Piltdown-Mensch wurde 2012 im naturhistorischen Museum in London gezeigt.
Vermeintlicher Frühmensch: Diese zeichnerische Rekonstruktion vom Piltdown-Menschen wurde 1913 im "Popular Science Magazin" veröffentlicht. Gut 40 Jahre galt der Schädelfund von Charles Dawson als der so lange gesuchte "missing link" in der gemeinsamen Entwicklung vom Affen zum Menschen - bis der Fund zum Synonym für Schwindel in der Wissenschaft wurde.
"Dawsons Mensch der Morgenröte": Den Schädel und Kieferknochen, hier als Rekonstruktion im altehrwürdigen National History Museum in London, entdeckte Dawson zusammen mit einigen Knochen von Elefanten, Flusspferden und Bibern in einer Kiesgrube nahe des Dorfs Piltdown. Nach seinem Entdecker wurde der vermeintliche Frühmensch "Eoanthropus dawsoni" getauft. Das bedeutet, grob übersetzt, so viel wie "Dawsons Mann der Morgenröte" und sollte eine angemessene Metapher für die Weltsensation sein: ein Mann aus der Morgenröte der Menschheitsgeschichte!
Auf alt getrimmt: Die Rekonstruktion des Piltown-Kopfes, ausgestellt in einer Vitrine des naturhistorischen Museums in London. Mit einem Fluortest konnte 1949 festgestellt werden, dass die Knochenfragmente deutlich jünger waren als bisher vermutet. Statt womöglich 500.000 Jahren stammte das menschliche Schädeldach aus dem Mittelalter; der Unterkiefer gehörte einem Orang-Utan aus Borneo, fern der britischen Heimat, und war lediglich 500 Jahre alt.
Spurensuche: Der New Yorker Anthropologie-Professor Dr. Frank Spencer betrachtet am 5. Juni 1990 einen Kieferknochen des Fossilien-Rätsels "Piltdown-Mensch". In seinem Buch "Piltdown: A Scientific Forgery" von 1990 geht er auf die wissenschaftliche Suche nach dem Ursprung der Fälschung ein.
Verdächtige gab es nach der Entdeckung des Schwindels im Jahr 1953 zu Hauf, vom Fossilienjäger Charles Dawson bis hin zum Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle. Unzählige Publikationen sind über Piltdown veröffentlicht worden, eindeutig überführt werden konnte jedoch bis heute niemand.
Ehrung einer Fälschung: Im Juli 1938 wurde an dem Ort, an dem der Piltdown-Mensch 1912 von Charles Dawson entdeckt wurde, ein Gedenkstein eingeweiht - hier präsentiert vom Gutsverwalter Jack Rogers 1955. Die Widmung auf dem Stein lautet: "Hier im alten Flusskies fand Mr. Charles Dawson, FSA, 1912-1913 den fossilen Schädel des Piltdown-Menschen. Die Entdeckung wurde von Herrn Charles Dawson und Sir Arthur Smith Woodward im Quarterly Journal of the Geological Society 1913 - 15 beschrieben." Erst 15 Jahre später stellte sich der Fund als Betrug heraus.