DDR-Design Das ABC des Ostens
A wie Alfi: Mitte der sechziger Jahre brachte der VEB Aluminiumwerke Fischbach (AWF) eloxierte Tischwaren aus Aluminium in poppigen Farben auf den Markt - und läutete in der DDR mit den praktischen und schicken Produkten eine Renaissance des Aluminiumgeschirrs ein. Das kannte jeder nur als Alfi, auch wenn die AWF den Namen des 1914 gegründeten Fischbacher Unternehmens, das nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet und 1949 im westdeutschen Wertheim wiedergegründet wurde, ab 1962 offiziell nicht mehr verwenden durfte.
B wie Beirette: Woldemar Beier gründete 1926 in Freital in Sachsen eine Kamerafabrik. Sie überstand den Krieg und meldete 1963 die Kleinbildkamera "Beirette" zum Patent an. Die kam 1969 mit Plastikgehäuse und "SL-System" (für Schnellladesystem) in die Läden, für gerade einmal 60 Mark der DDR. Abertausende DDR-Bürger hielten mit der praktischen Knipskiste die Jugendweihe der Kinder und den Urlaub im FDGB-Ferienheim fest - es musste eben durchaus nicht gleich Carl Zeiss Jena sein.
C wie Colditzer Porzellan: Nach der Wende wurden die Geschirrservice des Reichsbahn-Ablegers Mitropa auf gesamtdeutschen Trödelmärkten zum vielgehandelten Kultobjekt. Der eigentliche Klassiker der traditionsreichen Colditzer Porzellanmanufakturen aber war das 1972 vorgestellte Hotelgeschirr "rationell". Es entstand aus der Zusammenarbeit des Ost-Berliner "Amts für Formgestaltung" mit Experten aus dem Gaststättensektor und setzte konsequent auf das Baukastenprinzip - alle Teile sollten miteinander kombiniert werden können und ineinander stapelbar sein. Schön waren sie auch noch.
D wie Diamant: Seit 1885 wurden im sächsischen Chemnitz unter dem Namen "Diamant" Fahrräder gebaut. 1953 wurden im VEB Fahrradwerke Elite-Diamant 767.600 Fahrräder zusammengeschweißt, mehr als 2000 an jedem einzelnen Tag. Und wer bei Diamant nur an schwere Stahlrohre und geschwungene Damenrahmen denkt, irrt - 1958 und 1959 wurde DDR-Radsportidol Täve Schur auf Diamant-Rennern zweimal Straßenweltmeister.
E wie Erika: Schreibmaschine, dein Name ist Erika. So dachten viele tippende Zeitgenossen, als Briefe wie Bücher noch entstanden, indem man Schrifttypen per Hebelwirkung durch ein Farbband auf Papier hämmerte. Die "Erika" war konsequent als Reiseschreibmaschine konzipiert und war somit so etwas wie der Laptop des Analogzeitalters. Die Volkspolizei etwa nutzte die kompakten Erikas, um gleich vor Ort Unfallprotokolle zu verfertigen. Heiß begehrt war Erika auch bei Dienstreisenden aller Art, Studenten und Journalisten - auch wenn sämtliche Schreibmaschinen von der SED-Obrigkeit einzeln registriert waren, um im Fall des Falles Autoren staatsfeindlichen Schrifttums dingfest machen zu können.
F wie Florena: Eine Hautcreme in einer runden, blauen Dose mit weißen Blocklettern darauf? Nein, doch nicht Nivea! Florena hieß die Marke des Vertrauens für schönheitsbewusste DDR-Bürger, der dem Werbeslogan "... und Sie fühlen sich wohl in Ihrer Haut" vertraute. Und da sage einer, die DDR-Produktgestalter seien nicht mit der Zeit gegangen: In den fünfziger Jahren schrieb sich Florena-Hautkreme noch mit "k" und war nur in Tuben erhältlich. Erst 1960 kam es auch in den runde Dosen auf den Markt und wurde, nicht nur dem Äußeren nach, zur "Nivea des Ostens".
G wie Gemol: Hergestellt wurde es in einem ehemaligen Persilwerk in Genthin, das 1946 verstaatlich wurde, aber das Waschmittel Gemol war eine echte DDR-Erfindung. 1954 kam Gemol rapid auf den markt, "die neue Bleichsoda zum Enthärten und Einweichen". Gemol kam vor der Wäsche in das Wasser und entzog ihm die Hartmacher. Mit dem Siegeszug der Waschmaschinen auch in der DDR wurde es nach und nach überflüssig. 1968 kam das DDR-eigene Vollwaschmittel "Spee" auf den Markt. Aber das gute, alte Gemol wurde noch zwanzig Jahre lang, bis 1988, weiter produziert.
H wie Heiko: Schreiben lernen mit Heiko - kaum ein DDR-Pennäler, der seine ersten Schulhefte nicht mit dem "Pionierfüller" der VEB Füllhalterfabrik in Wernigerode vollgeschrieben hätte. In Wenrigerode wurden allerdings auch hochwertige Schreibgeräte produziert wie der Füllhalter "Filius" mit vergoldeter Feder oder Füller mit Glasfedern. Und nicht zu vergessen "Plastspitzenschreiber".
I wie Ines: Eine Abend mit Ines zu verbringen - davon träumte manch DDR-Bürger. Ines' Maße waren nicht üppig, die Bildschirmdiagonale betrug nur 47 Zentimeter, die große Schwester Stella hatte 59 zu bieten. Aber Ines' Röhre war implosionsgeschützt und das Plastikkleid in diversen, knalligen Farben erhältlich. Allerdings hatte diese Beziehung ihren Preis. Wer Ines mit nach Hause nehmen wollte, musste dafür zwischen 1560 und 2120 DDR-Mark locker machen. Und bunt war nur das Äußere von Ines, das Bild war schlicht schwarz-weiß.
J wie Jenaer Glas: Glas aus Jena - wer dabei an optische Linsen von Carl Zeiss denkt, hat das naheliegende nicht im Blick. DDR-Bürger dachten bei Jenaer Glass zu allererst an die praktischen Industrieglasprodukte von Schott - Teekannen, Auflaufformen, Babyflaschen. Alles extrem hitzebeständig, leicht zu reinigen und formschön, zum Teil von berühmten Designern wie Ilse Decho entworfen. Auch im Westen war Jenaer Glas heiß begehrt. Der DDR-Zoll registriert 1959, dass mit Jenaer Glas "ein schwunghafter illegaler Handel" betrieben werde. Etwa 200.000 "Geschenkpakete" waren demnach allein im ersten Halbjahr 1959 in den Westen expediert worden.
K wie Komet: Handrührer, Elektrorasierer, Haartrockner - solche Dinge kamen in der DDR aus dem VEB Elektrogeräte Suhl und trugen den Markennamen "Komet". Sogar Geschirrspüler wurden hier gefertigt, aber der Schwerpunkt des Programms lag auf Küchenmaschinen. Zum Beispiel der KM 6 von 1963, die neben dem Antriebsteil neun Zubehörteile hatte, mit denen die Hausfrau 30 unterschiedliche Dinge tun konnte.
L wie Litera: Als das Wort Hörbuch noch nicht erfunden war, versorgte der VEB Deutsche Schallplatten die DDR unter dem Markennamen "Litera" mit literarischen Werken, Theaterstücken und politischen Dokumentationen auf Vinyl. Auch Schallplatten für Kinder gehörten zum Programm, beispielsweise die Märchen der Gebrüder Grimm.
M wie Malimo: "Malimo siegt!", soll SED-Chef Walter Ulbricht gerufen haben, als er 1963 auf der Leipziger Messe Malimo gezeigt bekam - einen Stoff, der nicht gewebt wird, sondern durch ein Nähwirkverfahren entsteht. Bald wurden nicht mehr nur Geschirrtücher und Tischdecken aus Malimo gefertigt, sondern auch Kleider, die als knitterarm und formbeständig gerühmt wurden. Eine große Werbekampagne, die Mitte der sechziger Jahre durch die DDR rollte, verkündete: "Malimo - Zeichen für Güte und textilen Fortschritt".
N wie "Neue Juwel": Experten aus der DDR und dem Tabaklieferantenland Bulgarien hatten sich viel Arbeit gemacht - aber das Ergebnis mundete den Ostdeutschen nicht. Die liebten ihre "Juwel"-Zigaretten aus Dresden, und als 1972 ein Klon namens "Juwel 72" in die Tabakläden kam, die der Juwel verblüffend ähnlich schmecken sollte, ließen sie sich nicht täuschen. "Neue Juwel" oder "Schweine Camel" wurden die neuen Glimmstengel bald genannt, die auch noch zu fest gestopft waren und vor dem Anrauchen erst einmal durch rollen auf dem Tisch aufgelockert werden mussten.
O wie Orwo: "Original Wolfen", kurz "Orwo" - ein Markenname, der bei Film- und Fotofans immer einen guten Klang hatte. Nicht nur die DDR, ganz Osteuropa versorgte der VEB Film- und Chemiefaserwerk Agfa Wolfen mit Filmen für alles, was Bilder machen konnte - von Kleinbild- über Kino- bis hin zu Röntgen- und Reprofilmen. Auch in Westdeutschland wurden Orwo-Filme verkauft, unter dem Namen des Vertreibers Neckermann. Während die Schwarz-Weiß-Filme gerühmt wurden, hatten die Colorfilme von Orwo so ihre Tücken, es kam zu unbeabsichtigten Farbeffekten. Um die auszugleichen, ließ die DDR den Objektivhersteller Carl Zeiss Jena seine Linsen auf die Orwo-Filme justieren - wer ein Ost-Objektiv hatte, wurde fortan auch mit den Ost-Farbfilmen glücklich.
P wie Piko: Für sein Spielzeug rührte der VEB Piko Sonneberg kräftig die Werbetrommel - das war nötig, weil die ferngesteuerten Polizeiautos, Plastiknähmaschinen oder Spielzeugbohrmaschinen der Marke "Pionier-Konstruktion" zwar formschön, aber auch äußerst anfällig waren. Kein DDR-Kind, das nicht erlebt hätte, wie ein Piko-Produkt allzu schnell zu Schrott wurde - und das trotz stolzer Preise: Eine Nähmaschine aus Plaste kostete 1985 immerhin 67,50 Mark der DDR. Also schickte der Hersteller seine Mitarbeiter in die ostdeutschen Warenhäuser, um zu erklären, wie etwa die Batterien doch noch Kontakt bekämen - bloß versagten die kleinen bunten Dinger regelmäßig auch bei der Vorführung durch die Experten.
Q wie QL: Dieses Ding war alles andere als eine Luftnummer - radikal neu im Design und zudem technologisch eine echte Innovation. Anstatt eines Propellers, der beim klassischen Ventilator leicht mal als Schredder wirken konnte, brachte der "QL" (für Querstromlüfter") des VEB Elektro-Installation Oberlind von 1969 die Luft mit einer Art Fächerwalze in Bewegung - was das Gerät nicht nur schöner und sicherer macht, sondern auch noch deutlich leiser als herkömmliche Ventilatoren.
R wie Rondo: Der Kaffeekonsum der Ostdeutschen war legendär - für den Bohnentrank gaben sie doppelt so viel aus wie etwa für Schuhe. Am liebsten tranken die DDR-Bürger zwar Westkaffee, das begehrte Mitbringsel deckte rund ein Drittel des DDR-Verbrauchs - dennoch waren die Ausgaben für importierten Kaffee Mitte der siebziger Jahre zu einem der größten Posten in der DDR-Außenhandelsbilanz geworden. Au dem heimischen Angebot war Rondo-Kaffee eine der beliebtesten Sorten - so beliebt, dass sie 1997 wieder auf den Markt gebracht wurde, mit dem alten DDR-Geschmack.
S wie Stern-Radio: Wer Anfang der siebziger Jahre zur Jugendweihe von der lieben Verwandtschaft mit Geld bedacht worden war, machte sich nicht selten so schnell wie möglich auf den Weg zum nächsten Geschäft, um für die stolze Summe von 880 Ost-Mark einen Radio-Recorder R 160 vom VEB Stern-Radio Berlin zu erwerben. Damit nämlich konnte man all die Hits im Westradio nicht nur hören, sondern auch noch mitschneiden. Illegal? Scheißegal! Das Kassettenteil leierte? Genauso scheißegal!
T wie Trolli: Wie wenig proletarisch und wie hochgradig kleinbürgerlich die DDR im Kern war, wurde nicht zuletzt am Verhältnis ihrer Bewohner zu Rasenflächen deutlich. Die nämlich waren nach Volksmeinung kurz und akkurat zu halten. Der dafür unabdingbare Rasenmäher hieß Trolli und wurde ab 1963 vom VEB Transformatorenwerk "Karl Liebknecht" in Berlin-Oberschöneweide gefertigt - ohne An-/Ausschalter, auf Kinderwagenräder montiert und mit nur 15 Meter Kabellänge eher für Kleingärtner ausgelegt. Über 100.000 elektrische Rasenmäher sollen Anfang der siebziger Jahre von DDR-Bürgern jährlich gekauft worden sein.
U wie Unimix: Dieses Designstück aus heimischer Produktion bekamen die DDR-Bürger eigentlich nur auf Umwegen zu sehen - der Automatic-Toaster E 1000 von 1966 galt als so formschön, dass fast die komplette Produktion in den Export ging, um dort Devisen für den Arbeiter- und Bauernstaat zu verdienen. Der Hersteller, die Dresdner Kurt Rönsch KG, produzierte auch das beliebte Rührgerät Unimix Junior und andere Elektrogeräte. Die Firma, die 1962 stolze 77 Prozent ihres Umsatzes mit Exporterlösen erwirtschaftete, galt den Genossen als Musterbetrieb. Dennoch wurde sie 1972 endgültig verstaatlicht.
V wie Veritas: Da die Ostdeutschen in den Sechzigern nicht so richtig warm wurden mit elektrischen Nähmaschinen wie der Veritas "Zick-zack", spendierte der Arbeiter- und Bauernstaat Käufern schon mal unentgeltlich einen Nähkurs mit der "Elektrischen", einschließlich Lerneinheiten zu Wartung und Pflege. Angesichts der dauernden Mangelwirtschaft hatte die SED ein Interesse daran, die Selbstversorgung zu fördern. Wie viele DDR-Marken war die Veritas-Nähmaschinen keine realsozialistische Erfindung - die erste war schon 1908 in Wittenberge gebaut worden, in einem Werk, das die amerikanische Firma Singer dort bereits 1903 errichtet hatte.
W wie Wolpryla: "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit" lautete die Propagandaparole, unter der die SED 1958 ihr großes "Chemieprogramm" anschob. Das machte sich alsbald in Form von allerlei synthetischen Stoffen im Alltagsleben der DDR-Bürger bemerkbar - zum Beispiel mit Wolpryla, einer Kunstfaser mit "wollähnlichen Eigenschaften". Verkauft wurde sie als "wolliges Wunder der Chemie" unter Produktbezeichnungen wie "Flausch", "Sirius", "Prewon" oder "Pegasus" und löste in den Sechzigern einen Strickboom in der DDR aus.
Y wie Yvette: Schönheit, Sauberkeit, Sozialismus - für die DDR-Oberen ein gefälliger Dreiklang. Als sich die sexuelle Revolution Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre auch im Paarungsverhalten der Arbeiter und Bauern bemerkbar machte, brachte das VEB Chemisches Kombinat Miltiz 1971 die Intimpflegeserie "Yvette" für die moderne Frau auf den Markt - und warb in Anzeigen wie auf der Verpackung mit geradezu ins Erotische spielenden Motiven - in der prüden DDR-Öffentlichkeit bis dahin eher selten zu sehen.
Z wie Zekiwa: Zeitz+Kinder+Wagen=Zekiwa. Das war die Kurzformel für die gemütlich schunkelnden Gefährte, in denen wohl fast jeder DDR-Bürger einen Gutteil seiner ersten Lebensmonate verbrachte. Den 20. DDR-Geburtstag 1969 feierte das VEB Zekiwa mit gleich sechs neuen Modellen - darunter der erste Plaste-Kinderwagen. Solch edles Material schlug im Preis zu Buche; für eine Kunststoffkarre waren bis zu 100 Mark mehr hinzublättern als für ein herkömmliches Modell. Nicht nur deshalb erwies es sich als formschöner Flop - die ostdeutschen Müttern fanden es schlicht zu unhandlich.
Sanduhr im DDR-Design: Diese Sanduhr wurde in der DDR gern als Eieruhr verwendet - hergestellt in der Firma Manfred Großmann, Böhlen in Thüringen. Der damalige Preis: 0,80 M.
Z wie Zeiss: Der Name "Carl Zeiss Jena" stand nicht nur in der DDR für Innovation und Hightech (Bucheinband von 1988) - ATA als bewährtes Putzmittel hatte einst auch im Westen einen guten Ruf - das Päckchen ATA, einst auch im Westen als Scheuermittel bewährt, erstand Eberhard Tiefenstädter ebenfalls 1988 in der DDR - zum Einheitspreis von 0,13 M.