DDR-Kultband AG. Geige Pappnasen, Synthesizer und tanzende Maiskolben
Transmediale in Frankfurt nach der Wende: "Wir hörten oft, dass unsere Kostüme an die amerikanische Band The Residents erinnern würden", erinnert sich Sänger Jan Kummer. "Deren Musik kannten wir zwar, aber haben sie in der DDR natürlich nie zu Gesicht bekommen. Alle Ähnlichkeit war Zufall."
In Paris nach der Wende: Frank Bretschneider, Jan Kummer und Olaf Bender (v. l. n. r.) in der französischen Hauptstadt. Kummer erzählt: "Als noch gar nicht klar war, wie es nach dem Mauerfall mit der DDR weitergehen würde, engagierte sich Frankreich für den Erhalt einer Zweistaatlichkeit. Danielle Mitterand lud damals hundert DDR-Undergroundkünstler nach Paris zu einem Festival "L'autre Allemange" ein. Als wir in Paris ausgestiegen sind in unseren Lumpen, muss es den Eindruck gemacht haben, man habe sich irgendwelche Wilde einfliegen lassen. Unser Auftritt ging ziemlich in die Hose, die russische Technik harmonierte nicht mit der französischen vor Ort."
Galerie Oben in Chemnitz: "Die Galerie besaß landesweit einen sehr guten Ruf", sagt Kummer. "Wir befanden uns in einem Umfeld voller Kunstfreaks. Daher verwandten wir bewusst extrem alberne Kostüme, um das Artifizielle als eine Art Faschingsband zu konterkarieren."
Noch mehr Kostüme: Links neben Jan Kummer ist seine Frau Ina zu sehen. Kurz nach der Wende kam das Aus für AG. Geige. Kummer ist heute bildender Künstler, seine Frau ist in der Sozialarbeit tätig.
Anti-Wireless: Die komplette Verkabelung der Band dauerte mitunter Stunden. Und ohne bezahlbare Sampler wurden Klangschleifen mithilfe tschechischer Tonbandgeräte erzeugt. Improvisation spielte eine große Rolle - ob auf der Bühne oder beim Transport der Gerätschaften.
In der Maske: AG. Geige besaßen den Ehrgeiz, sich für ihre Bühnen-Optik immer wieder was Neues einfallen zu lassen.
Ungeschminkt: Frank Bretschneider und Jan Kummer ohne exzentrisches Bühnen-Make-up. Jan Kummers Söhne sind zurzeit mit ihrer Band "Kraftklub" in Deutschland sehr erfolgreich.
Braves Erscheinungsbild: Im extra aufgeräumten Look erschien AG. Geige für den öffentlichen Auftritt vor Publikum im "Klub der Intelligenz Dresden", bei dem eine SED-Kommission anwesend war, die die "Spielerlaubnis" ausstellen konnte. Nach dem Konzert waren die Gutachter jedoch so verwirrt, dass sie sich um ein Urteil drückten - immer und immer wieder.
Filesharing in der DDR: Die Veröffentlichung "Trickbeat" von AG. Geige erschien zunächst nur in Form handkopierter Musikkassetten mit Siebdruck-Booklet in einer Auflage um die 200. Tatsächlich war die Verbreitung jedoch weit größer, da die Kassettenhörer unter der Hand Kopien weitergaben.
Konzert zu DDR-Zeiten: Pro Auftritt bekam die Band nach ihrer Anerkennung als "Volkskunstkollektiv" 300 Mark plus Fahrtkosten - egal, wie viele Zuschauer tatsächlich kamen.
Selbstgebastelt: Eine AG. Geige-Bandinfo mit eigenhändig geschnippelter Collage. Die Band bot ihren Mitgliedern in vieler Hinsicht Gelegenheit, sich kreativ auszutoben.
Auf die DDR beschränkt: Über Umwege erhielt AG. Geige schließlich die ersehnte Einstufung des SED-Regimes, um ganz offiziell Live-Auftritte spielen zu dürfen. Doch die Einstufung reichte nicht aus, um auch Booking-Anfragen aus dem Ausland folgen zu können.
Tourbus: Fortbewegung mit der Band war ein Dauerthema für die Bandmitglieder der AG. Geige. Kummer: "Die Rostlaube von Wartburg war trotz allem ein Juwel damals. Die Papiere dazu habe ich vererbt bekommen."
Auf Tour: Jan Kummer mit seiner damals schwangeren Frau Ina auf Tour in der DDR.
1990 noch nicht abgewickelt: Ein Zulassungsschein, der überhaupt erst das Recht verleiht, "Unterhaltungskunst" zu betreiben. Da in den ersten Jahren eine qualifizierte Spielerlaubnis als Musikband fehlte, ging man zuvor...
...den Umweg über die Kunst und erreichte, dass man zumindest als "Volkskunstkollektiv" eine Auftrittsberechtigung erhielt.