DDR-Architektur Erinnerungen ans Einheitswohnen
Gleichheit, auch beim Wohnen: Die DDR sicherte ihren Bürgern ein Recht auf Wohnraum zu. Der sozialistische Grundwert der Gleichheit war bei den Plattenbauten dann auch unverkennbar. Um wenigstens ein bisschen Abwechslung zu schaffen, griffen die Bewohner oft zu leuchtenden Farben, um ihre Balkone zu verschönern.
Vor dem Abriss: In den achtziger Jahren wurde die jahrhundertealte Innenstadt von Greifswald, hier die Bachstraße, dem Erdboden gleichgemacht und durch Plattenbauten ersetzt. Foto von 1986.
Die Fotos wurden von der
Fotoagentur Lumabytes
zur Verfügung gestellt.
Ende des sozialistischen Stolzes: Während einige der sozialistischen Wohnanlagen in der Hauptstadt nach der Wende saniert und optisch aufgewertet wurden, verfallen andere zunehmend.
Aufbau Ost: Robert Conrad fotografierte nicht nur die abgerissenen historischen Gebäude der Hansestadt Greifswald - sondern auch jene modernen Plattenbauten, die an ihrer Stelle hochgezogen wurden. Als der Fotograf später nach Berlin zog, kam er nur ungern in seine Heimatstadt zurück und mied die Altstadt - so sehr ärgerte er sich über die Baupolitik der DDR in Greifswald.
Wenn der Postmann keinmal klingelt: Zerschlagene Fensterscheiben und kaputte Briefkästen in einem Plattenbau von Berlin.
Was der Krieg nicht schaffte: Die historische Altstadt von Greifswald blieb im Zweiten Weltkrieg größtenteils vor Schäden verschont, auch weil die Stadt 1945 kampflos an die Sowjetarmee übergeben wurde.
Umso ärgerlicher finden Bauhistoriker, dass die DDR nach dem Krieg rund 50 Prozent der alten Fachwerkhäuser und Gründerzeitvillen verfallen ließ. Systematisch drängte der Staat die Menschen aus ihren urigen Wohnungen und ersetzte die leerstehenden Wohnungen nach und nach abreißen und durch Plattenbauten.
Plattenkritik: Plattenbauten boten in Zeiten ihrer Entstehung oft die ersten Wohnungen mit Zentralheizung und wurden zudem wegen ihrer günstigen Mieten geschätzt. Trotzdem setzte sich in der DDR die spöttische Bezeichnung "Arbeiterschließfächer" durch.
Teststadt Greifswald: Blick auf den historischen Stadtkern der Hansestadt um 1985. Neben Gotha und Bernau war Greifswald eine jener Städte, in der die alte Bausubstanz möglichst vollständig durch Plattenbauten ersetzt werden sollte.
Schweriner Mauer: Um das Betreten dieses Gebäudes zu verhindern, wurde der Eingangsbereich kurzerhand zugemauert.
Baupolitischer Tunnelblick: Bis zur Wende verschwand etwa die Hälfte der historischen Gebäude in Greifswald. Der Staat rückte jedoch von seinem ursprünglichen Vorhaben ab, selbst das enge, mittelalterliche Straßennetz komplett aufzugeben - und es durch breite Boulevards zu ersetzen.
Schützenswert: Nach der Wende konnte Fotograf Robert Conrad endlich Architektur studieren, was ihm das SED-Regime zuvor verwehrt hatte. Das Studium veränderte auch seine Sicht auf die sozialistischen Plattenbauten, die er als Jugendlicher lange verabscheut hatte, weil sie in vielen DDR-Städten jahrhundertealte Häuser verdrängt hatten. Heute findet er jedoch, dass "die Plattenbauten ebenso schützenswerte Architekturzeugnisse sind wie es die mittelalterlichen Fachwerkhäuser in meiner Heimatstadt Greifswald waren".
Chronist des Verfalls: Empört über die Baupolitik der DDR, die historische Altstadtkerne verkommen ließ, entschied sich Robert Conrad Ende der achtziger Jahre, die Missstände zu dokumentieren. Systematisch fotografierte er das langsame Sterben der Greifswälder Altstadt.
Vom 1. September 2012 bis zum 31. Januar 2013 werden Conrads Aufnahmen aus Greifswald in einer Ausstellung im Pommerschen Landesmuseum Greifswald gezeigt; ein weiterer Fotoband ist geplant.
Nach dem Systemwechsel: Plattenbausiedlung in Greifswald, aufgenommen 2011. Seit nunmehr zehn Jahren zieht Robert Conrad durch die ehemalige DDR und dokumentiert fotografisch die riesigen Wohnanlagen, bevor sie verfallen oder abgerissen werden. "Plattensterben" nennt er seine Arbeit etwas pathetisch.
Der Preis der Moderne: Neben dem Ideal der sozialen Gerechtigkeit spielten beim Umbau der Städte in der DDR auch wirtschaftliche Zwänge eine Rolle. Der Neubau von vorgefertigten Plattenbauten war schlicht billiger als die Sanierung der Altbauten.
Plattenbausiedlung in Hoyerswerda: Für die Arbeiter des nahe gelegenen Braunkohleveredelungswerks musste Wohnraum geschaffen werden. So entstanden ab 1957 zehn Wohnkomplexe mit mehreren 10.000 Wohnungen in Großblock- und Plattenbauweise.
Mit schwerem Gerät: Abriss der historischen Altstadt Greifswald um 1985. Fotograf Robert Conrad wohnte seit 1979 in zehn solcher alten Häuser, bevor die Bulldozer kamen. Meist ging die Hausbesetzung nur Monate gut, doch manchmal dauerte es Jahre, bis die leerstehenden Wohnungen abgerissen wurden.
Architektur im Wandel: Auch in Jena wurde ab 1957 die Großblockbauweise eingeführt. Viele der Plattenbauten sind inzwischen wegen Einsturzgefahr gesperrt, andere wurden zu Studentenwohnheimen umfunktioniert.
Einer vom Fach: Schon als Teenager besetzte Robert Conrad mit einigen Freunden die dem Abriss geweihten Fachwerkhäuser und Gründerzeitvillen in Greifswald. Im Gegensatz zu den Hausbesetzern im Westen mussten die Jugendlichen allerdings möglichst unauffällig bleiben - anstelle...
...von politischen Plakaten hängten sie in den Häusern lieber Gardinen aus Großmutters Zeiten auf, um unentdeckt zu bleiben.
Abriss in Jena: Diese Plattenbauten waren nicht mehr zu retten. Aber im Vergleich zu anderen ostdeutschen Städten blieb die Einwohnerzahl in Jena seit der Wende relativ konstant, und die Stadt versucht, die alten Siedlungen neu zu beleben.
Wohnraum für die Massen: Der Aufbau von Halle-Neustadt als "Chemiearbeiterstadt" wurde 1963 vom Politbüro der SED beschlossen. 1981 wohnten hier mehr als 93.000 Menschen in Plattenbauten. Den Bedarf an Wohnraum hatte man dennoch bis 1990 nicht decken können.