"Yoganastik" in der DDR "Absonderliche Stellungen"
Yoga als Allheilmittel: Im sächsischen Meißen hielt Károly Gerner schon in den Siebzigerjahren Hatha-Yoga-Lehrgänge ab. In der Ingenieurschule demonstrierten Studenten verschiedene Posen auf dem Lehrpult.
"Sonnengruß": Erst gegen 1988 fand Yoga allmählich größere Akzeptanz in der DDR. In diesem Jahr veröffentlichte die Frauenzeitschrift "Guter Rat" diese praktischen Tipps für die "Selbstmeisterung von Körper und Geist".
Praktischer Nutzen: In offiziellen Darstellungen wurde Yoga in der DDR nicht mit Spiritualität und Bewusstseinserweiterung in Verbindung gebracht, sondern vor allem mit handfesten Nutzfaktoren wie dem Verbrennen von Kalorien.
"Gekreuzter Kuhsitz": Der Leipziger Yogakursleiter Roland Bier in Yoga-Sitzhaltung auf dem Titel der Zeitschrift "Deine Gesundheit".
Anleitungen zur Selbstkontrolle: 1986 veröffentlichte die Zeitschrift "Deine Gesundheit" eine Yoga-Sondernummer. Wer es schaffe, seine Mimik und seine Handbewegungen zu beherrschen, werde auch mit "negativen Emotionen" fertig, versprachen die Autoren des Hefts.
"Sportart für innere und äußere Harmonie: Yoga galt der DDR-Führung als zu spirituell und passte auch nicht in das offizielle Konzept von Leistungssport. Um die Bildung privater Yoga-Zirkel zu verhindern, wurde Ende der Siebzigerjahre "Yoganastik" als gesundheitsfördernder Sport propagiert. Eine von dem Tennismeister Horst Stahlberg verfasste Broschüre fand vor allem bei Frauen reißenden Absatz.
Stilsicher: Die Mode dieser DDR-Yoginis erinnert sicher nicht zufällig an einen anderen, eher westlich geprägten Fitnesstrend der Achtzigerjahre - die Aerobicwelle.
Bloß nicht durcheinanderkommen: Im DDR-Magazin "Guter Rat" waren alle Übungen durchnummeriert.
Selbstbeherrschung: Auf einer Yoga-Tagung in Leipzig 1981 wird hier der Lotussitz vorgeführt.
Drehsitz: Als Bibliothekar kam der Biologe Eckart Andrees in Jena an Yoga-Bücher, zu denen andere DDR-Bürger keinen Zugang hatten. In seinem Haus und im Garten praktizierte er regelmäßig Körperübungen, sogenannte "Asanas".
Kurz vor dem Start: Swami Vishnudevananda am frühen Morgen des 15. September 1983 auf dem West-Berliner Flugplatz Gatow. Sein Leichtflugzeug brachte ihn über die Mauer bis nach Weißensee.
Spektakuläre Friedensmission: Am 15. September 1983 flog Yogameister Swami Vishnudevananda (2.v.r.) mit einem motorisierten Drachensegler von West- nach Ost-Berlin. Wegen starken Nebels landete er nicht auf dem Alexanderplatz, sondern auf einem Acker in Weißensee. Dort traf er den Bauern Albert Kotschote (2.v.l.).
Gymnastik mit Mutti: Anleitungen zu "Yoganastik" - Übungen wurden zuerst 1977 in der Magdeburger Zeitung "Volksstimme" abgedruckt. Begeisterte Leserinnen schnitten die Beiträge aus und klebten sie - wie hier - in Schreibhefte. Auch die Modezeitschrift "Sibylle" veröffentlichte eine "Yoganastik"-Serie. "Fast täglich trainiere ich mit meiner Mutti", schrieb eine 18-Jährige an die Redaktion.
Schönheitskur: Viele Frauen in der DDR waren begeistert von "Yoganastik". Denn die Mischform aus Yoga und Gymnastik sollte nicht nur gesund, sondern auch gut für die Figur sein.
"Ich will mein Flugzeug zurück": Da der Yogi Swami Vishnudevananda vorsätzlich den Luftraum der DDR verletzt hatte, wurde sein Flieger von den Behörden "entschädigungslos eingezogen". Wenige Tage nach dem Mauerfall im November 1989 fuhr er nach Ost-Berlin, um den damaligen Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz (r.) um die Rückgabe des Leichtflugzeugs zu bitten.
Denunziantentum: Der Ethnologe Heinz Kucharski gründete 1979 in Leipzig den "Arbeitskreis für Yoga und altindische Medizin". Wie die Übungen funktionieren, demonstrieren auf diesem Foto die indischen Sportlehrer Sudarsan Bhowmick und Mohinder Singh Chikara sowie Inge Lehmann, die als Yoga-Model auch im Fernsehen auftrat. Kucharski durfte seine Aktivitäten unbehelligt fortsetzen, weil er kontinuierlich sein gesamtes Umfeld bespitzelte und Yoga-Übende bei der Stasi anschwärzte.
"Zielgröße Entspannung": In den Achtzigerjahren untersuchte der Mediziner Dietrich Ebert (l.) mit dem Yogalehrer Surenji Goyal, wie Yoga am besten beim Stressabbau helfen könnte.
Fragwürdige Methoden: Heinz Kucharski, Leipziger Gründer des "Arbeitskreises für Yoga und altindische Medizin", verfolgte ausdrücklich das Ziel, Yoga wissenschaftlich zu untermauern. Dies scheiterte jedoch bereits daran, dass er auf Tagungen nie Quellen zitierte.
Gezügelte Leidenschaften: Die DDR-Yoga-Expertin Esther Jahn erklärte 1987 in der Fernsehsendung "AHA", Ziel der Übungen sei es, "eine ruhige Gemütslage" zu erreichen.
Vorreiter Bulgarien: Bereits 1965 brachten Assen Milanow und Ivanka Borisova in Sofia ein populärwissenschaftliches Yoga-Buch heraus. Viele Bulgaren wurden dadurch animiert, die Übungen selbst auszuprobieren. Auch in vielen anderen Ostblockländern war Yoga nicht so verpönt wie in der DDR.
Das Fremde als Bedrohung: 1975 erschien in der DDR das Buch "Ich bin nun mal kein Yogi". Autor Joachim Walther aus Chemnitz qualifizierte Yoga als faules Nichtstun ab. Der Ich-Erzähler lässt sich von der Niederländerin Shireen becircen, die auf dem Weg nach Indien ist. Als sie ihn in das tantrische Liebesspiel einweihen will, ist er heillos überfordert.