Defa-Filmkinder Als Gage einen Wellensittich
Heiße Liebe zum kalten Mann: "Afrikanische Kinder für Hauptrolle in Defa-Film gesucht" - so lautete die Zeitungsannonce, die der kleinen Hadiatou Barry zu Ruhm verhalf. Die 1966 in Leipzig geborene Tochter eines Chemikers aus Guinea und einer Ostdeutschen war zehn Jahre als, als sie in "Ein Schneemann für Afrika" die kleine Asina spielte: ein afrikanisches Mädchen, dass sich mit einem per Schiff in die Gluthitze gereisten Schneemann namens Kasimir anfreundet. Ein Jahr nach der Premiere...
...siedelte Hadiatou Barry mit ihrer Familie von Leipzig nach Hamburg über. Auf Anraten ihres Vaters nahm sie Abstand von ihrem Wunsch, Schauspielerin zu werden und studierte Architektur. Heute arbeitet Barry als Bausachverständige in einem Hamburger Ingenieurbüro. Das Foto zeigt sie mit ihrem Ende 2010 geborenen Sohn Manuel Jamiro.
Trümmerkind, Kinderstar, "Tatort"-Ermittler: Berlin lag noch in Schutt und Asche, als die soeben gegründete Defa 1946 ihren ersten Kinderfilm in Auftrag gab. Protagonist des von Regisseur Gerhard Lamprecht gedrehten Werks "Irgendwo in Berlin": Charles Knetschke. Der Elfjährige spielte den kleinen Gustav, der durch die Trümmerlandschaft tobt und mit einer Mutprobe die Ehre seines Vaters, eines gebrochenen Weltkriegsveteranen, wiederherstellen will. Später legte Charles Knetschke seinen Nachnamen ab und nannte sich
fortan Charles Brauer und sang sich als "Tatort"-Kommissar Peter Brockmöller an der Seite von Manfred Krug in die Herzen der deutschen Fernsehzuschauer. Anders als Charles Brauer wandten sich die meisten der einstigen Defa-Filmkinder von der Schauspielerei ab und ergriffen andere Berufe.
Für eine bessere Welt: Anders als die meisten Defa-Filmkinder hatte Lars Herrmann bereits in mehreren Filmen mitgewirkt, 1976 entdeckte ihn Regisseur Hans Kratzert für die Hauptrolle in "Ottokar der Weltverbesserer". Herrmann (vorne, links) spielt einen vorbildlichen, hilfsbereiten Schüler, der stets an das Gute im Menschen glaubt und gerade deshalb so häufig scheitert, was ihn...
...oft zerknirscht dreinblicken lässt. Nach der Schule absolvierte "Ottokar"-Darsteller Lars Herrmann eine Klempner-Lehre und sattelte dann auf Lkw-Fahrer um.
Schulmüder Lebensretter: Der Viertklässler Thomas hat keine Lust, die Schulbank zu drücken und stromert lieber durch Berlin. Auf der Fischerinsel entdeckt er einen Wohnungsbrand, alarmiert die Feuerwehr - und rettet so zwei Kindern das Leben. "Der tapfere Schulschwänzer" heißt der Kinderfilm von 1967, in dem André Kallenbach als "Thomas" brilliert. 1968 wurde "Der tapfere Schulschwänzer" als bester Kinderfilm des Jahres mit der Goldenen Flimmerkiste des DDR-Fernsehens ausgezeichnet, für seine Leistung als bester Kinderdarsteller erhielt Kallenbach ebenfalls eine Goldene Flimmerkiste, die er...
...trotz seiner Grippeerkrankung euphorisch entgegennahm, wie er im einestages-Interview erzählt. Schauspieler wollte André Kallenbach trotzdem nicht werden: Er lernte zunächst Automechaniker, heute arbeitet er als Anzeigenverkäufer für einen Berliner Zeitungsverlag. Auf den "tapferen Schulschwänzer" wird er heute noch oft angesprochen - etwa von einer wildfremden Zahnärztin. "Als ich auf ihrem Stuhl saß, hat sie mich an den Augen und natürlich an den Zähnen erkannt", sagt Kallenbach.
Heimkind: Sabine, ein siebenjähriges Mädchen, wächst im Heim auf, weil seine Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen gekommen sind. Als ihre Erzieherin schwanger wird, büxt sie aus, zieht zwei Tage lang durch Berlin und lernt unter anderem diese uniformierten Kerle kennen. "Sabine Kleist, 7 Jahre" lautet der Titel des 1982 gedrehten Kinderfilms, die Rolle der "Sabine" übernahm die damals siebenjährige Petra Lämmel. Der Film war ungeheuer erfolgreich und machte Lämmel über Nacht zum Star. Mit 14 Jahren bekam sie noch einmal eine Filmrolle angeboten, lehnte aber ab - den Trubel von einst wollte sie auf keinen Fall noch einmal haben, erzählt sie im einestages-Interview. Statt...
...Schauspielerin zu werden, erlernte Petra Lämmel den Beruf der Zahntechnikerin. Heute arbeitet die 36-Jährige in einem großen zahntechnischen Labor in Berlin und hat einen elfjährigen Sohn.
Ewiger Pechvogel: Als "Alfons Zitterbacke", ein oft zerknirscht dreinblickender Lausbube, der ein Missgeschick nach dem anderen erdulden muss, begeisterte Helmut Rossmann 1966 die Kinder in der DDR. Für die Dreharbeiten bekam der Junge 30 Mark pro Tag, von denen
sich Helmut Rossmann ein "Diamant"-Sportrad mit 3-Gang-Renak-Schaltung und Alu-Felgen leistete. Später studierte Rossmann Physik und widmete sich der Grundlagenforschung im Institut für Halbleiterspektroskopie. Noch heute nennen ihn viele "Alfi" - den gestreiften Pullover, den Rossmann als "Alfons Zitterbacke" stets trug, hütet seine Mutter wie einen Schatz. Das Foto zeigt "Alfons Zitterbacke"-Darsteller Rossmann und dessen Filmfreundin "Micki", verkörpert von Claudia Mögenburg. Sie arbeitet heute als Erzieherin.
Der Berühmteste: Brüllende Löwen, prachtvolle Paläste, und mittendrin ein kleiner knopfäugiger Held, der phantastische Abenteuer erlebt - "Die Geschichte vom kleinen Muck" verzauberte Generationen von Kindern nicht nur in der DDR und wurde zur erfolgreichsten Defa-Produktion überhaupt. Muck-Darsteller Thomas Schmidt feierte seinen elften Geburtstag genau an dem Tag, als das Märchen Premiere feierte. Zwei Jahre später
zog er mit seinen Eltern in den Westen und bekam daher gar nicht mit, dass der "kleine Muck" in seiner alten Heimat so ungeheuer beliebt werden sollte. Erst im Alter erfuhr Schmidt, der in Hannover als Präventivmediziner tätig war, wie sehr der kleine Held mit dem riesigen Turban die Kinder in der DDR begeistert hatte. Thomas Schmidt starb 2008 im Alter von 66 Jahren. Ihm hat Filmjournalist Knut Elstermann sein Werk über die Defa-Filmkinder gewidmet.
Lautes, fieses, verletztliches Mädchen: "Die dicke Tilla", 1982 von Regisseur Werner Bergmann gedrehter Defa-Kinderfilm, handelt von einem lauten, korpulenten Mädchen, das seiner Mitschülerin Anne die Brille zertrümmert - und am Ende doch Freundschaft mit ihr schließt. Verkörpert wurde die "Tilla" (hier beim Zubereiten von Kartoffelpuffern) von der Potsdamerin Carmen Sarge, die Filmarbeiten fanden in den Sommerferien 1981 statt - kurz vor Carmens elftem Geburtstag. Heute ist Carmen Sarge...
...verheiratet, heißt mit Nachnamen Seehafer und arbeitet als Pastorin in Bitterfeld. Als Kind wäre es ihr lieber gewesen, wenn der Film einen anderen Titel gehabt hätte, doch heute ist es für sie in Ordnung. "Jeder Mensch muss sich annehmen, wie er ist", sagt sie im einestages-Interview. Die "dicke Tilla" zu spielen, habe ihr damals enorm viel Spaß gemacht, erzählt sie - auch wenn der Filmfigur charakterlich überhaupt nicht nahestand.
"Insel der Schwäne": Stefan muss aus seinem Heimatdorf wegziehen und hat Probleme, in Berlin-Marzahn Fuß zu fassen. Zwar gibt es hier, in der neuen Wohnung, warmes Wasser aus dem Hahn, ansonsten vermisst das Schlüsselkind im Neubau-Moloch jedoch menschliche Wärme. "Insel der Schwäne" heißt der Defa-Kinderfilm von 1983, die Hauptrolle bekleidete Axel Bunke, der auch...
...knapp 30 Jahre später an seinen hohen Wangenknochen und den schräg stehenden, blauen Augen noch immer gut zu erkennen ist. Axel Bunke hat den Namen seiner Frau angenommen und heißt heute Sommerfeld. Der studierte Toningenieur arbeitet beim Deutschlandradio.
Der Realität davonfliegen: Peter Welz spielte die Hauptrolle des neunjährigen Matthias in dem Defa-Film "Ikarus", der 1975 in den DDR-Kinos anlief. Das Scheidungsdrama...
...wurde seines gesellschaftskritischen Tenors wegen von staatlicher Stelle "im Kinderprogramm der Kinos versteckt", wie Defa-Experte Knut Elstermann schreibt. Nachdem "Matthias"-Darsteller Peter Welz zunächst Arzt werden wollte, arbeitet er heute als Regisseur in Berlin.
Mini-Promi: Lars Herrmann (Mitte) spielte sich 1977 als "Ottokar der Weltverbesserer" in die Herzen der Kinder - und wurde zum kleinen Star. Das Foto zeigt den Elfjährigen bei einer Autogrammstunde.
Drehpause für Tilla: Kritisch blickt die fast elfjährige Carmen Sarge dem "Dicke Tilla"-Regisseur Werner Bergmann (2.v.li.) und seinem Team bei der Arbeit über die Schulter. "Mir tat die Tilla leid", sagt die heute 40-Jährige über die Filmfigur des dicken, lauten und gemeinen, aber auch sehr verletzlichen Mädchens Tilla.
"Große Spielerei": Gern erinnert sich Petra Lämmel an die Arbeit mit "Sabine Kleist"-Regisseur Helmut Dziuba (li., im Gespräch mit seiner siebenjährigen Protagonistin vertieft). Er habe mit ihr Lieder gesungen, Hausaufgaben angeschaut, das große "M" geübt und sie jeden Drehtag behutsam in die Geschichte eingeführt. Das ganze sei eine "große Spielerei" gewesen, erinnert sich Lämmel im einestages-Interview.