Tanzstunde Tango, Foxtrott und "Anti-Blamier-Programm"
Leger und festlich: Heute, wo nicht mehr die Mütter ihre Kinder zur Tanzschule , kann jeder so erscheinen, wie es ihm gefällt - die einen in festlicher Montur, die anderen in Jeans und Turnschuhen. Premierenparty bei der Tanzschule Beuss in Lüneburg.
Prickelnde Begegnung: Filme oder Serien - wie etwa der anrührende Streifen "Anna" über die amourösen Verwicklungen der gleichnamigen Tänzerin von 1988 - lösten immer wieder regelrechte Tanzbooms aus.
"Glaube und Schönheit": Ihren eigenen Idealen ordnete das Nazi-Regime alles unter - auch das Tanzen. Gymnastik und Tanz war zwar wichtig, diente aber vor allem der Erziehung zur "körperlich vollendet durchgebildeten Trägerin nationalsozialistischen Geistes", so der Anspruch der 1938 gegründeten Gruppe "Glaube und Schönheit". Die Tanzschulen wurden hingegen mehr und mehr gegängelt, was in der Ächtung des Swing gipfelte. Das Foto von etwa 1938 zeigt tanzende Mädchen bei der Unterorganisation des Bunds Deutscher Mädel, der Gruppe "Glaube und Schönheit".
Der mit dem Nylonhemd tanzt: John Travolta tanzt neben seiner Partnerin in einer Disco-Szene des Films "Saturday Night Fever" von 1977. "Schluss mit den politischen Selbsterfahrungstrips - raus auf die Tanzfläche!", lautete das Motto der Disco-Ära, die den Tanzschulen genauso zusetzte wie die Beatwelle, die Achtundsechziger-Bewegung und der Twist.
Musik verbindet: Ein Raver-Pärchen bei der elften Love Parade in Berlin 1999 - mit Walzer, Tango und Konsorten will diese gigantische Partybewegung nichts zu tun haben, auch wenn hier wild abgetanzt wird.
Musical "Hair": Die Hippies, hier in Aktion beim Musical "Hair", tanzten zwar wie wild - mit der guten alten Tanzstunde wollten sie jedoch nichts zu tun haben.
Headspin: Dicker Schädel statt heiße Sohle - Der Breakdancer Paco of Waterloo führt in der Metro High School im Rahmen eines Sommer-Kunstworkshops einen "Headspin" vor.
Im Tango-Kurs: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der wohlig-anrüchige Tango aus den Bordellen und Hafenkneipen Argentiniens in der Oberschicht sehr beliebt. Das preußische Kaiserpaar war jedoch weniger begeistert von den lasziven Bewegungen und der Mode, die diese erlaubte. Am 20. November 1913 erließ Wilhelm II. daher ein Verbot für Offiziere in Uniform Tango zu tanzen.
Früh übt sich: Brust raus, Bauch rein - voller Stolz trippelten diese Grundschüler bei ihrer ersten Tanzstunde im Jahr 1972 übers Parkett.
"In Pulli und Jeans": "Tanzstunde in Pulli und Jeans" titelte die "Zeit" im Jahr 1971 erfreut und stellte fest, dass zu den Opfern von Frauen- und Achtundsechziger-Bewegung auch die etablierte Kleiderordnung in der Tanzstunde gehörte. Die Jugend ließ fortan Anzug und Krawatte, Kleider, Röcke und Blusen zu Hause im Schrank hängen und erschien in Jeanshosen und Miniröcken. Allerdings hielten sich neben den "reformierten" Tanzschulen auch noch immer die traditionellen Institute.
Krieg den Tanzschulen! "Weg mit dem Establishment!", tönten die Achtundsechziger und sagten - unter anderem - auch der traditionellen Tanzstunde den Krieg an. Weil die Jugend lieber in die Disco um die Ecke ging als sich in der Tanzstunde abzumühen, fehlten den Tanzschulen die Mitglieder - zahlreiche mussten schließen. Doch spätestens Mitte der siebziger Jahre, so Ingeborg Bäulke-Schubert, hatten sich die Revoluzzer beruhigt und strömten zurück in die Tanzstunde. Das Foto zeigt eine der modernen Tanzschulen im Jahr 1971, wo die Frauen in kurzen Röckchen erscheinen durften. Die Männer hingegen trauten sich - zumindest hier - noch nicht, den Anzug abzulegen.
Küss' die Hand: Während die Tanzstunde Anfang der siebziger Jahre als bürgerlich und rückständig verschrien war, feierte sie bald darauf schon wieder ihr Comeback. Heute sieht es gut aus für die Tanzschulen: Laut dem Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV) wächst die Zahl der Tanzschulbesucher seit 2000 jährlich um zehn Prozent. Die Jugend, so Ingeborg Bäulke-Schubert, will nicht nur die Schritte lernen, sondern auch die Grundregeln der Umgangsformen - ein Bedürfnis, dem der ADTV mit seinem "Anti-Blamier-Programm" nachkommt.
Volkstanz: 1933 konnten die modernen Tänze zwar nicht mehr abgeschafft werden, doch verboten die Nationalsozialisten Neuerungen wie etwa die Rumba. Statt der als "Niggertänze" verpönten afro-amerikanischen Schritte beharrte das Regime auf traditionellen Tänzen wie Rheinländer, Polka und Walzer. Damit verlor die deutsche Tanzkultur den Anschluss an die internationale Szene. Das Foto von 1937 zeigt deutsche Männer und Frauen beim Volkstanz.
Schlottern und schlingern: Wie ein Erdbeben erschütterte der Einzeltanz Twist die Tanzkultur, durften sich doch erstmals die Paare nicht mehr berühren. "Sie schlottern, schlingern, kollern, taumeln, als sei ihr zentrales Nervensystem gestört. Einige stoßen wilde Schreie aus und lassen die Hüften hin- und her zucken, andere kommen zu Fall", beschrieb der SPIEGEL im Januar 1962 den neuen Tanz aus Übersee; moralinsaure Kritiker charakterisierten den Tanz, bei dem die Hüften Schwerstarbeit zu leisten hatten, als "Sexualtrauma". Ebenso wie die Beatwelle und die Achtundsechziger-Bewegung setzte der Twist den Tanzschulen stark zu.
Flatternde Röcke: Während die meisten Tanzschüler sich mit Grund- und Fortgeschrittenen-Kurs zufrieden geben, um auf Hochzeiten keine allzu schlechte Figur abzugeben, ertanzen sich die Begabtesten auch noch höhere Weihen. Das Foto von 2002 zeigt ein Pärchen beim Tanz um die Deutsche Meisterschaft der Professionals in Standardtänzen.
Protest-Akrobatik: Neue Tanzstile - wie hier etwa der Rock 'n' Roll - waren immer auch eine Form des Protests der Jugend gegen die etablierten Werte der Elterngeneration. Aufgekommen in den fünfziger Jahren, zeichnet sich der Rock 'n' Roll durch eine enorme Akrobatik aus. Das Foto von 1955 zeigt ein Pärchen beim Rock 'n' Roll-Tanzen in der Westberliner "Badewanne" in der Nürnberger Straße.
Tanztee: Im Jahr 1939 schwoften die Hamburger auf der Terasse des Orchideen-Cafés im Park "Planten un Blomen", die meisten Männer trugen Uniform. Auch heute können Tanzbegeisterte dort im Park noch ihre Passion ausleben - das Café Seeterassen lädt jeden zweiten Sonntag im Monat zum Tanztee.
Tanzdynastie Bäulke: Luise und Theodor Bäulke, die Großeltern von Ingeborg Bäulke-Schubert. Sie übernahmen die Tanzschule Ende des 19. Jahrhunderts.
Drei tanzende Generationen: Bei der Tanzschule Bäulke unterrichten derzeit drei Generationen: die 74-jährige Seniorchefin Ingeborg Bäulke-Schubert (Mitte), Sohn Udo Schubert (re.) und Enkelin Sinikka (li.).
Traumpaar: Ingeborg Bäulke-Schubert mit ihrem Mann Horst. 1962 übernahm das Paar die Tanzschule Bäulke in Darmstadt. Heute führt Sohn Udo Schubert hier die Geschäfte.
Swing-Importeur: Ewald und Anny Bäulke, die Eltern von Ingeborg Bäulke-Schubert, Seniorchefin der ältesten Tanzschule Deutschlands. Sie führten die Tanzschule in Darmstadt seit 1933. Im Zweiten Weltkrieg in Paris stationiert, lernte Vater Ewald den Swing lieben und importierte ihn kurzerhand, als "kleinen Foxtrott" verkleidet, nach Darmstadt. 1942 kam die Gestapo dahinter - und ließ die Tanzschule Bäulke schließen.
Tänzer, Träumer, Transvestiten: Selten tanzten und feierten die Deutschen so ausgiebig wie in den Goldenen Zwanzigern. Josephine Baker, die schwarze Tänzerin im Bananenröckchen, brachte "Charleston" und "Black Bottom" nach Deutschland, sehr zum Unwillen schlechtgelaunter Moralhüter. Zeitgleich mit den neuen Tänzen aus Übersee machte die "Neue Frau" Furore - auch die Transvestiten genossen während der Weimarer Republik die vorübergehenden Freiheiten. Das Foto von 1926 zeigt ein Grüppchen von Männern im Frauengewand, die sich im Berliner Transvestitenlokal "Eldorado" in der Motzstraße amüsieren. Links vorn befindet sich übrigens die einzige Frau der Gruppe.
Feierlicher Ball: So sieht es aus, wenn Tanzschüler heute einen Ball feiern. Impression vom Ball in der Lüneburger Tanzschule Beuss.
Männlein trifft Weiblein: In Zeiten, in denen die Schulen oftmals noch nach Geschlechtern getrennt waren, bestand der besondere Reiz der Tanzstunde in der Entdeckung des anderen Geschlechts - mit vor Aufregung schwitznassen Händen, kneifendem Konfirmationsanzug und rasendem Puls. Das Foto aus den sechziger Jahren zeigt junge Darmstädter beim Mittelball der Tanzschule Bäulke.
Tanze Samba mit mir! Latein- und nordamerikanische Tänze wie etwa die Samba, der Cha-Cha-Cha und die Rumba, sorgten in den Jahren vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Europa für Furore. So leicht bekleidet wie diese Sambatänzerin auf dem Karneval in Rio des Janeiro wagte sich allerdings damals noch keine Vertreterin dieser Stilrichtung aufs Tanzparkett.
Der Nelkenstrauß war ein Muss: Teils leicht angespannt, teil eher belustigt warten die jungen Damen beim Abschlussball der Tanzschule Behr in der Reichshalle in Neumünster auf ihre Partner. Der Nelkenstrauß war 1965 ebenso obligatorisch wie die weißen Tanzschuhe.
Tanzschule Bäulke, Abschlußball: Auf dem Bild sind wir, die jungen Leute (jedenfalls damals), sichtbar stolz. Wir hatten gerade mit Erfolg den gefürchteten Wiener Walzer vor den strengen Augen von 50 Elternpaaren und schlimmer noch denen von Inge und Horst Schubert absolviert. Erfolg, weil wir im Anschluß daran eine goldene Ehrennadel aus der Hand von Inge Schubert (rechts im Bild) verliehen bekamen und dazu noch einen Gutschein für einen Fortgeschrittenen-Kurs. Das Schönste daran war, dass dadurch der Abschlussball für uns nicht das Ende war!
Das Foto wurde 1961 in der Tanzschule Bäulke aufgenommen und zeigt rechts im Bild die Interviewpartnerin der einestages-Redaktion Ingeborg Schubert-Bäulke.