Deutsche Jugend - Triebtest beim Abtanzball - DER SPIEGEL
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Deutsche Jugend Triebtest beim Abtanzball

Die Jungs trugen Flanellhosen, die Mädchen Samtschleifen. Doch als SPIEGEL-Autor Matthias Matussek 1969 in Stuttgart die Tanzstunde absolvierte, brodelte es hinter der bürgerlichen Fassade bereits. Denn in Wahrheit ging es nur um eins - möglichst innigen Kontakt zum anderen Geschlecht.
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Schwofen bein Abtanzball: Der Schüler Matthias Matussek mit Tanzpartnerin 1969 beim Abschlussball in Stuttgart. Sie war Schülerin einer benachbarten Mädchenschule. Kurz darauf kam es in der Schulaula zum Revolutionsversuch, der sogar Schlagzeilen machte.

Foto: Matthias Matussek
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Betonte Lässigkeit: Die Stuttgarter Schüler lauschen beim Abschlussball in der Schulaula einem Mitschüler, der die Veranstaltung mit einer provozierenden Rede zu sprengen versucht. "Der Tanzlehrer versuchte es mit Abdrängen, dann kickte er das Mikrofonkabel aus dem Verstärker", erinnert sich Matthias Matussek (vorne links auf der Stufe sitzend), "rhythmisches Klatschen, trotziger Beifall, unser Schüler rief seine letzten Sätze in das Tohuwabohu, und dann war der Spuk vorbei." In einer Kolumne in der Frauenzeitschrift "Für Sie" ergriff der angesehene Journalist Thaddäus Troll, Vater einer der Schülerinnen, kurz darauf Partei für den Störer.

Foto: Matthias Matussek
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"Ist Omas Schlussball tot?": Der Zwischenfall beim Abtanzball seiner Tochter veranlasste den bekannten Journalisten Thaddäus Troll zu einem Zwischenruf zugunsten des Störers in der Frauenzeitschrift "Für Sie". Dessen Rede sei "ein bisschen verbaler Unflat nach Apo-Manier" gewesen. Aber: "Immerhin hatte der Sechzehnjährige den Mut zum Alleingang gezeigt und unangefochten von der Übermacht zornbebender Smokingschleifen sein Sprüchlein zu Ende gesagt. Und hatte er, vom rüpelhaften Ton abgesehen, mit seiner Kritik an Omas Schlussball nicht weitgehend recht?"

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Vater Matussek, Söhne: "Viel Fußball, unter fünf Brüdern jede Menge Wettkampf und Prügelei, aber auch innigste Geschwisterliebe", erinnert sich Matthias Matussek an seine Kindheit im Westdeutschland der Wirtschaftswunder-Ära. "Wir wurden immer knapp gehalten. Meistens gab es Eintopf. Wir trieben viel Sport. Zum Familienurlaub nach Holland radeln wir von Oberhausen aus mit dem Fahrrad."

Foto: Matthias Matussek
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Geschminkte Wahrheit: Matthias Matussek 1975 "in meiner androgynen Zwitter-Rock-David-Bowie-Phase" mit weißgeschminktem Gesicht, Lippenstift und gaaaaanz viel Kajal um die Augen.

Foto: Matthias Matussek
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Tanzstunde 1971: Seit-wärts-ran-und-Wie-ge-schritt - der Gesellschaftstanz und die dazugehörige Tanzschulbranche bewegte sich spätestens ab Ende der sechziger Jahre auf einen Abgrund zu. Foxtrott und Benimmregeln stießen bei der Jugend auf Opposition oder doch auf Desinteresse. "Damals hatte die Tanzstunde für uns nur einen einzigen Zweck", erinnert sich der frühere SPIEGEL-Kulturressortleiter Matthias Matussek, "sie gab uns Gelegenheit, Mädchen zu befühlen."

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Mit Tanzstundenmucke konnte 1969 kaum noch jemand etwas anfangen - es war "das eigentliche politische Wendejahr", erinnert sich Matthias Matussek, langjähriger Feuilleton-Chef des SPIEGEL. Es war "das Jahr, in dem jüngere Eltern begannen, stimulierenden Provokationen verstohlen zuzustimmen und womöglich heimlich kifften, während ihre Kinder mit allen anderen der westlichen Welt im Matsch saßen, im Aschehaufen, und Hendrix hörten und Crosby, Stills, Nash & Young."

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Schlottern und schlingern: Im Gefolge des Rock'n'Roll-Fiebers der fünfziger Jahre eroberte Anfang der Sechziger der Twist die Tanzflächen. Es war eine Revolution, denn jetzt berührten sich die Paare erstmals nicht mehr beim Tanz. "Sie schlottern, schlingern, kollern, taumeln, als sei ihr zentrales Nervensystem gestört", beschrieb der SPIEGEL im Januar 1962 den neuen Tanz: "Einige stoßen wilde Schreie aus und lassen die Hüften hin- und her zucken, andere kommen zu Fall." Andere Kritiker interpretierten den Tanz, bei dem besonders die Hüften wild kreisten, als "Sexualtrauma". Den Tanzschulen jedenfalls setzte der neue Freistiltanz schwer zu.

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Bundespresseball 1971: Nachdem die Jugend einmal damit begonnen hatte, breitete sich das berührungsglose Tanzen rasant aus. Bereits Anfang der siebziger Jahre war der Freistil auch in den höchsten Kreisen salonfähig - wie hier auf dem Bundespresseball 1971 in Bonn der damalige CDU-Vorsitzende Rainer Barzel mit einer großgewachsenen Blondine demonstriert.

Foto: AP
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Nahe dran und doch so fern: Der Feierschwerpunkt der Jugend verlagerte sich in den sechziger Jahren zusehends in die Partykeller der Vorstadtreihenhäuser. Dort konnte man halbwegs ungestört rauchen, trinken, schwofen und fummeln - Dinge also, die in der Öffentlichkeit noch tabu waren. Und zum "Freistil"-Tanzen im heimischen Souterrain brauchte es auch keinen Tanzstunden-Goldkurs.

Foto: Ulrich Booms
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Küsse im Keller: Eines der beliebtesten Spiele in Partykellern war das Flaschendrehen - natürlich mit Küssen. Aber auch ohne Spiel konnte man sich näherkommen, zum Beispiel beim "Stehblues", auch Engtanz genannt.

Foto: Ulrich Booms
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Mit allen Stammkunden per Du: "Wo früher einmal nach den Klängen italienischer Kapellen im 'Zigeunerkeller' Tango getanzt wurde, ist heute der Treffpunkt junger Leute zwischen 16 und 20 Jahren, die im 'Twen Club', Queeren-/Ecke Sögestraße, nach den neuesten Hits 'shaken' und 'sloppen'", berichtete der Bremer "Weser-Kurier" am 24. Januar 1964 über das veränderte Freizeitverhalten der Jugend: "Junge Kellner servieren hier in saloppen weißen Jacken Coca-Cola oder Bier, und wenn es ihre Zeit erlaubt, reihen auch sie sich unter die Masse der unermüdlichen Tänzer."

Foto: Gerhard Augustin
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?