Deutsche TV-Straßenfeger - DER SPIEGEL
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Deutsche Fernsehgeschichte Von Mördern und Vaterlandsverrätern

Was für ein Hingucker: Als 1962 der Sechsteiler "Das Halstuch" lief, saß ganz Deutschland vor der Glotze. Der Krimi prägte die Ära der Straßenfeger - und machte einen Kabarettisten zum Volksfeind Nummer eins. einestages über die größten Quotengiganten der TV-Geschichte.
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Wer ist der Halstuchmörder?: Die ARD-Krimireihe "Das Halstuch" des britischen Autors Francis Durbridge elektrisierte im Januar 1962 die Fernsehzuschauer und erzielte sagenhafte Einschaltquoten von durchschnittlich fast 90 Prozent. Hochgerechnet waren das etwa 15 bis 20 Millionen Krimifans, die sich einzeln oder in Gruppen vor die damals noch seltenen Fernsehgeräte setzten. In sechs Folgen versuchte Heinz Drache, rechts, als smarter Inspektor Harry Yates in dem kleinen, fiktiven Ort Littleshaw herauszufinden, wer die junge Schöne Faye Collins mit einem Halstuch erdrosselte. Der Maler John Hopedean, gespielt von Dieter Borsche, links, galt als einer der Hauptverdächtigen.

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Mörder-Raten und "Massenhypnose": Erica Beer als Tänzerin Kim Marshall und Albert Lieven als Verleger Clifton "Terry" Morris sorgen für weitere Verwirrung in dem Straßenfeger-Krimi. Das Raten um die Identität des Halstuchmörders ergriff bald die ganze Bundesrepublik. Das öffentliche Leben lag brach an den Ausstrahlungsabenden der Sendung. Kinos blieben leer, Umfragen beherrschten die Medien, Sportvereine verschoben ihre Trainingsstunden und Fabriken drosselten ihre Produktion - Abend- und Nachtschichten wurden gestrichen, damit die Arbeiter dem Krimi-Wahn beiwohnen konnten. Diese "Massenhypnose" erreichte ihren traurigen Höhepunkt mit zwei ganz realen Halstuchmorden, die unmittelbar nach Ausstrahlung der Sendung geschahen.

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Auflösung: Der Kabarettist und Schauspieler Wolfgang Neuss veröffentlichte am 15. Januar 1962, kurz vor der Ausstrahlung des letzten Teils des "Halstuchs" diese Anzeige in der Berliner Zeitung "Der Abend" und verriet darin den Namen des Täters - Dieter Borsche alias John Hopedean. Neuss wollte die Zuschauer dazu bringen, statt vor dem Fernseher zu sitzen ins Kino zu gehen - dort lief sein neuer Film "Genosse Münchhausen" an.

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Spielverderber: Indem Wolfgang Neuss, links, in seiner Anzeige den Namen des Halstuchmörders preisgab, sorgte er für einen öffentlichen Skandal und wurde von der "Bild"-Zeitung sogar als "Vaterlandsverräter" beschimpft. Er selbst behauptete zeit seines Lebens, die Identität des Mörders nur erraten zu haben. Das Bild zeigt ihn zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Müller in einer Szene des Films "Der Maulkorb" von 1958.

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"Tim Frazer": Francis Durbridge lieferte ein Jahr nach dem "Halstuch" mit dem Drehbuch zu dem Krimi "Tim Frazer" einen weiteren Fernseherfolg ab. Der Sechsteiler mit Einschaltquoten von bis zu 93 Prozent wurde 1963 ausgestrahlt. Max Eckard alias "Tim Frazer" ist in der Serie auf der Suche nach seinem Freund Harry Denston und dem geheimnisvollen Mr. X. Das Bild zeigt Max Eckard und Marianne Koch in einer Szene der Serie.

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"Raumpatrouille Orion": Die Crew der ersten deutschen Science-Fiction-Serie, von links: Wolfgang Völz als Leutnant Mario de Monti, Dietmar Schönherr als Major Cliff Allister McLane, Eva Pflug als Leutnant Tamara Jagellovsk, Friedrich G. Beckhaus als der Astrogator Atan Shubashi und Ursula Lillig als Leutnant Helga Legrelle, auf der "Orion" zuständig für die Raumüberwachung. Die ARD zeigte die sieben Folgen der Serie ab dem 17. September 1966. Mehr als 50 Prozent der Deutschen schalteten "Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion" ein, das heute vor allem dank seiner legendären Tricktechnik Kult ist.

Foto: WDR/Bavaria / WDR / Bavaria / picture alliance / dpa
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"Stahlnetz": Die Vorgängerserie des "Tatort" zog ab 1958 die deutschen Fernsehzuschauer in ihren Bann - und kam laut NDR auf Quoten von bis zu 92 Prozent. Wohl nahezu jeder fernsehaffine Bundesbürger konnte deshalb den Vorspann jeder Folge im Schlaf mitsprechen:

"Dieser Fall ist wahr! Er wurde aufgezeichnet nach den Unterlagen der Kriminalpolizei..."

Erfolgsfaktoren der Serie waren vor allem die realen Hintergünde, auf denen die Handlungen beruhten, sowie die von Folge zu Folge wechselnden bekannten Schauspieler. Das Bild zeigt Werner Pochath in der Episode "Der fünfte Mann" von 1966.

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"Babeck": Der dreiteilige ZDF-Krimi reihte sich 1968 mit Einschaltquoten von über 70 Prozent in die Reihe der erfolgreichsten deutschen Fernsehproduktionen ein. Manfred Krupka, gespielt von Helmuth Lohner, versucht in dem Mehrteiler, den mysteriösen Kriminellen Babeck zu finden, den er für das Verschwinden seines Vaters verantwortlich macht.

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"Das Millionenspiel: Der Fernsehfilm "Das Millionenspiel" versetzte 1970 Fernsehdeutschland in Aufruhr. Die Macher zogen alle Register, um den Film als echte TV-Show zu verkaufen. In der "Show" ließ sich der Kandidat Bernhard Lotz, gespielt von Jörg Pleva, eine Woche lang von Auftragskillern, der Köhler-Bande, jagen, um den Preis von einer Million Mark zu gewinnen. Durch Passanten-Interviews, Dieter Thomas Heck als Moderator und gefakete Werbeeinblendungen hielten einige Zuschauer das makabre Spektakel dann auch tatsächlich für real - und riefen an, um sich als Kandidat zu bewerben. Im "Millionenspiel"-Studio kommentierte der Showmaster Thilo Uhlenhorst alias Dieter Thomas Heck die Menschenjagd wie ein Sportereignis. Die Einschaltquoten lassen sich nur schätzen - doch der Film ist eines der größten Ereignisse der deutschen TV-Geschichte.

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"Die Konsequenz": Bernd Eichinger produzierte den Fernsehfilm "Die Konsequenz" 1977 unter der Regie von Wolfgang Petersen nach dem autobiografischen Roman von Alexander Ziegler, der selbst eine Nebenrolle übernahm. In dem Drama lernt der homosexuelle Häftling Martin Kurath, alias Jürgen Prochnow, rechts, den noch minderjährigen Thomas Manzoni kennen, gespielt von dem damals noch völlig unbekannten Schauspieler Ernst Hannawald, und verliebt sich in ihn. Nach seiner Haftentlassung zieht er mit dem Sohn des Gefängnisaufsehers zusammen. Das soziale Umfeld der beiden versucht, das Paar zu trennen.

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Ohne Bayern: "Die Konseqenz" war schon vor der Ausstrahlung Tagesgespräch in Deutschland. Jeder wollte die Tabubrüche sehen, die Prochnow und Hannawald begehen würden - und schalteten ein. Fast zwölf Millionen sahen nach ARD-Angaben zu, für das Jahr 1977 eine außergewöhnliche Zuschauerzahl. Die Aufreger waren die homosexuelle Beziehung eines Mannes mit einem Jugendlichen und der im Film gezeigte Kuss der beiden Schauspieler - zuviel für den Bayerischen Rundfunk, der sich weigerte, den Film bei seiner Erstausstrahlung in der ARD am 8. November zu senden.

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"Am laufenden Band": Rechts neben Moderator Rudi Carrell freut sich die Siegerin der Wahl zur Miss Germany, Andrea Hontschik, in der ARD-Show "Am laufenden Band" am 28. Mai 1979 über ihren Titel. Die Quizsendung, zusammenkopiert aus holländischen und englischen Vorbildern, wurde auch dank des genialen Carrell zum Straßenfeger. Zwischen 1974 und 1979 kam die Show auf über 60 Prozent Einschaltquote.

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"Einer wird gewinnen": Nachdem Moderator Hans-Joachim Kulenkampff, links, die Sendezeit der ARD-Quizsendung meist um mindestens eine halbe Stunde überzogen hatte, reichte ihm am Ende jeder Folge der ersten Staffel Produzent Martin Jente als Butler verkleidet unter ironischen Kommentaren Schal und Hut. Die Schlusspointe wurde zum Kult der Sendung. "EWG" lief ab dem 25. Januar 1964 im Ersten und erreichte oft mehr als 80 Prozent Einschaltquote.

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"Spiel ohne Grenzen": Die Aufnahme vom 4. September 1974 zeigt eine Szene der Generalprobe zum "Spiel ohne Grenzen" in Bayreuth. Thema dieser Folge der Show waren die Stücke von Richard Wagner. Hier versucht sich "Tristan" mit einem Fabelwesen im Aufsammeln von Rosen. Ein Wettbewerb bestand aus mehreren Sendungen und wurde jedes Jahr von einem anderen Land veranstaltet, beginnend am 26. Mai 1965 mit Deutschland. In jedem Land fanden zuvor Wettbewerbe unter einzelnen Städten statt. Das Konzept war ein Straßenfeger - im Schnitt schauten mehr als 50 Prozent zu.

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"Tante Jutta aus Kalkutta": Die Aufnahme vom 6. August 1990 zeigt die Darsteller des Schwanks "Tante Jutta aus Kalkutta" von May Reimann und Otto Schwartz. Von links Willy Millowitsch, Tom Thoelke, Peter Millowitsch, Eugen May und Gerda-Maria Jürgens. Die Komödie war 1962 als Fernsehübertragung aus dem Millowitsch-Theater in Köln mit einer Einschaltquote von 88 Prozent ein Zuschauermagnet. Ähnlich große Erfolge feierten die damals gezeigten Produktionen des Hamburger Ohnsorg-Theaters.

Foto: WDR/Kratzer
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Spiel der Rekorde: Der deutsche Nationalspieler Mesut Özil, links, im Zweikampf mit dem Spanier Sergio Busquets am 7. Juli 2010. Das Halbfinale der Fußball-WM in Durban, Südafrika, wurde zum meistgesehenen TV-Ereignis der deutschen Fernsehgeschichte. Die absoluten Zahlen sind unglaublich: 31,1 Millionen oder 83,2 Prozent schauten zu, als das DFB-Team 0:1 gegen den späteren Weltmeister verlor und ausschied. Als Rekordhalter abgelöst wurde ebenfalls ein WM-Halbfinale: 2006 hatten 29,66 Millionen Zuschauer die Niederlage gegen Italien verfolgt.

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