DFB-Einzelkritik Risiko Aogo, Retter Cacau
Tim Wiese (Tor, Werder Bremen): Nach zehn Minuten versuchte der Bremer sich an einer Patrick-Battiston-Gedächtnis-Aktion, als er ungestüm aus seinem Tor herausstürzte wie einst Toni Schumacher 1982 - ohne allerdings jemanden zu verletzen. Kurze Zeit später ließ er diesen Eindruck mit einer Rettungsaktion auf der Linie vergessen. Ein ordentliches Länderspiel vor heimischer Kulisse.
Dennis Aogo (Abwehr, Hamburger SV): Ließ sich vor dem Führungstor auf dem Flügel ausspielen, als sei er kein hochbezahlter Bundesligaspieler, sondern ein Bezirksliga-Kicker. Der Hamburger war bemüht, aber das ist ja nicht unbedingt ein Kompliment. Auch das 2:0 der Franzosen fiel über seine Seite. Philipp Lahm muss wohl erst fehlen, damit man weiß, was die Nationalmannschaft an ihm hat.
Holger Badstuber (Abwehr, Bayern München, bis 46. Minute): Das Stellungsspiel des Bayern-Verteidigers wird oft unterschätzt. Badstuber steht meistens richtig, fängt viele Bälle des Gegners in die Spitze frühzeitig ab. Beim Gegentreffer stand er allerdings irgendwo, aber nicht beim Torschützen Giroud. Nach 45 Minuten war Schluss für ihn.
Mats Hummels (Abwehr, Borussia Dortmund): Auch der Dortmunder sah beim Gegentreffer, als die Abwehrzentrale plötzlich ein einziges großes Loch war, nicht glücklich aus. Ansonsten souveräner als bei Länderspielen der Vergangenheit.
Jérôme Boateng (Abwehr, Bayern München): Der Münchner Verteidiger wird in seinem Leben kein Flankengott mehr werden. Man ahnt, warum er lieber in der Innenverteidigung spielt. Seinen Ausflügen auf den Flügel haftet stets etwas Unbeholfenes an. In der zweiten Hälfte tat ihm der Bundestrainer den Gefallen, ihn ins Zentrum zu stellen. Dort spielte er besser.
Sami Khedira (defensives Mittelfeld, Real Madrid, bis 70. Minute): Emsig, mit vielen Ballkontakten. Der Real-Profi wird nie der Taktgeber des deutschen Spiels sein. Aber Khedira gehört zu den effektivsten Profis, die Joachim Löw zur Verfügung hat. Er ist zumindest immer ein Anwärter aufs Fleißkärtchen. In der 70. Minute kam für ihn Lars Bender.
Toni Kroos (defensives Mittelfeld, FC Bayern München): Der Münchner wird sich wehmütig an den verstrichenen Herbst erinnern, als Fußballspiele Kroos-Festspiele waren. Davon ist er derzeit weit entfernt. Kroos war unauffällig: wo er das Offensivspiel vor sich hätte hertreiben wollen, verspielte er sich ein-, zweimal in der eigenen Hälfte. Vielleicht fehlt ihm Bastian Schweinsteiger als Nebenmann doch mehr, als man denkt.
André Schürrle (Mittelfeld, Bayer Leverkusen, bis 45. Minute): Auf der linken Seite machte er die ersten Minuten über Dampf, dann war nur noch wenig von ihm zu sehen, er nährte sich dem Bayer-Leverkusen-Modus. Auffälligste Szene war noch die Aktion, als er sich im Mittelfeld verletzte und mit einer Blessur im Gesicht schon nach 41 Minuten gegen Thomas Müller ausgetauscht werden musste.
Mesut Özil (Mittelfeld, Real Madrid): Wurde vor dem Anpfiff noch als Nationalspieler des Jahres 2011 geehrt. Er muss mehr tun, wenn er auch Spieler des Jahres 2012 werden will. Für seine Verhältnisse eine eher schwache Partie. Kurz vor dem Seitenwechsel hätte er mit einem Distanzschuss allerdings fast den Ausgleich erzielt.
Marco Reus (Mittelfeld, Borussia Mönchengladbach, bis 70. Minute): Erstmals in der Startelf, ein Experiment, das der Bundestrainer künftig ruhigen Gewissens wiederholen kann. Der Noch-Mönchengladbacher versuchte auf der rechten Seite einiges, nicht alles gelang, vor allem in der zweiten Hälfte. Stand einmal kurz vor seinem ersten Länderspieltor, aber scheiterte an Frankreichs starkem Keeper Hugo Lloris. Siehe Klose.
Miroslav Klose (Sturm, Lazio Rom, bis 46. Minute): Hatte sich in ein Privatduell der Mannschaftskapitäne mit Frankreichs Torwart verstrickt, der dies deutlich für sich entschied. Allein in der ersten Halbzeit stand Klose dreimal frei vor Hugo Lloris. Dreimal hatte der Franzose irgendein Körperteil noch am Ball und verhinderte, dass Klose dem Gerd-Müller-Rekord wieder ein bisschen näher gekommen wäre. Zur zweiten Hälfte gegen Gomez ausgetauscht.
Thomas Müller (Mittelfeld, FC Bayern München, ab 45. Minute): Von dem Münchner hat man schon viele bessere Spiele gesehen. Eigentlich alle, die er bisher gemacht hat. Sehr, sehr unauffällig.
Benedikt Höwedes (Abwehr, FC Schalke 04, ab 46. Minute): Kam in der zweiten Halbzeit für Badstuber. Höwedes hatte am Schalttag Geburtstag, und Frankreichs Coach machte ihm das Geschenk, dass er Franck Ribéry, der den Schalker am Sonntag noch schwindelig gespielt hatte, zur Pause aus dem Spiel nahm. Fiel durch seine Gesichtsmaske auf, sonst durch wenig.
Mario Gomez (Sturm, FC Bayern München, ab 46. Minute): Erbte von Klose nicht nur dessen Position, sondern auch noch die Kapitänsbinde. Ansonsten sind diese Wochen keine Gomez-Wochen. Noch unauffälliger als Müller.
Cacau (Sturm, VfB Stuttgart, ab 70. Minute): Als der Stuttgarter nach 70 Minuten für Reus ins Spiel kam, rief einer auf der Pressetribüne: Jetzt kann uns nur noch Cacau retten. Die Ironie war nicht zu überhören. Aber: Er machte das Tor. Der erste Treffer gegen Frankreich seit 1990. Cacau, der Retter.
Lars Bender (defensives Mittelfeld, Bayer Lerverkusen, ab 70.): Wenn der eine Bender wegen Verletzung nicht kann, kommt eben der andere ins Spiel. Immerhin ein Länderspiel mehr für die Familienchronik.