Die Erfindung des Stadtmagazins - DER SPIEGEL
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Die Erfindung des Stadtmagazins Eins gegen alle

Anarchos zwecks Redaktionsgründung gesucht! Mit ehrlichen Kleinanzeigen und provokanten Themen wurde das Münchner "Blatt" in den Siebzigern zum Prototyp der Stadtmagazine. Doch die Macher brachen alle Regeln - und manchmal auch Gesetze. Ihre aufmerksamsten Leser waren deshalb Staatsanwalt und Polizei. Von Solveig Grothe
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Dauergast Staatsmacht: Die Polizei war nicht nur häufig ein Thema im "Blatt", immer öfter kamen die Beamten auch persönlich in der Redaktion vorbei - zu Durchsuchungen und Beschlagnahmungen. Die Situation spitzte sich zu, nachdem die Zeitung

über die Erschießung des Münchner Taxifahrers Günter Jendrian berichtet hatte. Jendrian war im Zuge von RAF-Fahndungen durch die Polizei getötet wurden. Die Karikatur auf der Titelseite von "Blatt" Nr. 38 stammte von Gerhard Seyfried.

Foto: Gerhard Seyfried
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Spaß bei der Arbeit: Am Layouttisch entsteht gerade die nächste Ausgabe. Die Aufnahme zeigt "Blatt"-Macher in den Redaktionsräumen an der Münchner Adelgundenstraße.

Foto: Sabine Kühn
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"das Blatt-redaktionskollektoid": So ungefähr sollen sie ausgesehen haben, die Macher der ersten alternativen Stadtzeitung Deutschlands. Der Grafiker Gerhard Seyfried gehörte mit zum Kollektiv und zeichnete diese Karikatur in den siebziger Jahren.

Foto: Gerhard Seyfried
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Beschlagnahmt: Das "41. Blatt" wurde für die Redaktion besonders teuer, hatte es doch Beschlagnahmungen und Strafverfahren zur Folge. Die Karikatur von Gerhard Seyfried auf der Titelseite zeigt ein Flugzeug, auf dessen Nase ein Emblem mit der Aufschrift "2. Juni" gezeichnet ist. Der presserechtlich verantwortliche Redakteur Anatol Gardner bekam dafür einen Strafbefehl, auch inhaltlich wurde das Heft beanstandet: Die Aktion der so genannten Bewegung 2. Juni, bei der 1975 der Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz entführt worden war, war im "Blatt" als "die bisher glänzend gelungene Befreiung der politisch Gefangenen" bezeichnet worden.

Foto: Gerhard Seyfried
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Der Dienstwagen: Direkt vor den Redaktionsräumen an der Münchner Adelgundenstraße parkt der "Blatt"-Dienst-VW, natürlich standesgemäß - ein Käfer.

Foto: Sabine Kühn
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Grund zum Feiern: Für seine 45. Ausgabe brachte das "Blatt" 1975 einen Titel zum Ende des Vietnamkrieges und zum Rückzug der US-Truppen aus dem Land - mit einer Karikatur von Gerhard Seyfried.

Foto: Gerhard Seyfried
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"Erläuterungen für die Staatsanwaltschaft": Ein "französischer Hippie (1)" köpft eine "leere Plastikmilchflasche (2)" auf einer "angenommenen Flugbahn (3)" in einen "Plastikabfalleimer (4)" mit "Unrat (5)". Die Zeichnung von Gerhard Seyfried auf der Titelseite des "69. Blatt" nimmt Bezug auf die vorangegangene Ausgabe. Die war im April 1976 auf Beschluss des Amtsgerichts München beschlagnahmt worden. Sie enthielt eine Zeichnung, auf der eine Person - nach damaliger Ansicht des Richters - einen Molotow-Cocktail wirft. Daneben stand der Spruch: "Right on". Die Beschlagnahmung wurde zwei Monate später vom Landgericht aufgehoben, das Verfahren eingestellt.

Foto: Gerhard Seyfried
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Runder Tisch: Was kommt ins Heft? Was nicht? Beraten, diskutiert, gestritten wurde am Redaktionstisch, um den sich das "Blatt"-Kollektiv regelmäßig versammelte.

Foto: Sabine Kühn
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Gegen das System: "Heil, Kontakt-Bereichsbeamter! In Nummer 88 keine besonderen Vorfälle, aber der Türke spuckt immer noch ins Treppenhaus und die Anarchisten vom 3. Stock haben gestern eine große Kiste raufschleppt, möcht nicht wissen, was da wieder drin ist." In den Siebzigern wurden die so genannter Kontaktbereichsbeamter (KOB), Polizeibeamte zu fuß, eingeführt. Den Münchner "Blatt"-Machern war das in Nummer 129 eine Titelseite wert. Cartoon: Gerhard Seyfried.

Foto: Gerhard Seyfried
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Schwulennummer: Offen für alle und (fast) alles wollten die Münchner "Blatt"-Macher sein. Schwulen- und Lesbengruppen, kommunistische Foren und Psycho-Gemeinschaften rangen um den Platz in jeder Ausgabe. Mit "Blatt 145" schaffte es die Theatergruppe "Brühwarm" auf den Titel.

Foto: "Blatt"-Redaktion
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Kollektives Schwitzen: Die Jungs von der "Blatt"-Redaktion als eingespieltes Team - nicht nur bei der journalistischen Arbeit. In lockerer Folge traf sich das Kollektiv auch zu Freizeitaktivitäten - wie hier 1979 zum Fußball im oberbayrischen Huglfing.

Foto: "Blatt"-Redaktion
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Hobbygärtner: "Hätt' ich nicht gedacht, dass diese Radikalen mal brave Schrebergärtner würden!" Der Cannabisanbau beschäftigte die Szene in den siebziger Jahren - "Blatt" gab Tipps zum Anbau. (Karikatur: Detlef Surrey)

Foto: Detlef Surrey
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Szenetreff: Die Themen der "Blatt"-Redaktion lagen in den Siebzigern sprichwörtlich auf der Straße. Politisches Engagement war für die Journalisten der alternativen Stadtzeitung selbstverständlich. So traf sich die Szene beispielsweise zum "Frühstück gegen Mietwucher" auf dem Münchner Marienplatz.

Foto: "Blatt"-Redaktion
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"Frieden, Freude, Freiheit": Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß war für viele aus der linken Szene ein Hassobjekt. Mit ihrer Ausgabe Nummer 224 widmete die Redaktion dem Politiker 1982 eine Titelseite. (Gestaltung: Pierre Thomé)

Foto: Pierre Thomé
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Brennpunkt Uni: In den achtziger Jahren protestieren Studenten gegen Rüstungsforschung an deutschen Hochschulen. Das Thema beschäftigt auch die TU München - und "Blatt". (Titel: Pierre Thomé)

Foto: Pierre Thomé
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"Was bringt uns 1983?": Die "Blatt"-Macher schienen es zu wissen und boten in ihrer Ausgabe zum Jahreswechsel "ein bisschen Friede, ein bisschen Kohl, ein bisschen Freiheit ..." (Titel: Pierre Thomé)

Foto: Pierre Thomé
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Multikulti: Die neuen sozialen Konflikte beschäftigen auch die alternative Stadtredaktion - "Blatt" reagiert Anfang 1984 in Ausgabe 265 mit einem "Spezial: Islam, Kabul, Kultur". (Titel: Pierre Thomé)

Foto: Pierre Thomé
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"Sei immer lustig und vergnügt": Den "Blatt"-Machern scheint der Spaß vergangen. Statt "Stadtzeitung für München" führen sie in dieser Ausgabe den Untertitel "Stadtzeitung gegen die Regierung". Großes Thema ist Anfang 1983 die von der Bundesregierung geplante Volkszählung. Hunderte Bürgerinitiativen rufen zum Boykott auf. (Titel: Pierre Thomé)

Foto: Pierre Thomé
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"Peter Schult geflohen": Die Schlagzeile auf "Blatt 269" als Nachricht in eigener Sache. Der Schriftsteller und Journalist Peter Schult, zeitweise Mitarbeiter von "Blatt", war wegen homosexueller Delikte mit Kindern und Jugendlichen vom Landgericht München zu 34 Monaten Haft verurteilt worden. Anträge des zu diesem Zeitpunkt an Krebs Erkrankten auf Haftverschonung und Straferlass lehnte das Gericht ab. Im März 1984 nutzte Schult den Aufenthalt in einer Berliner Lungenklinik zur Flucht und starb etwa einen Monat später. (Titel: Pierre Thomé)

Foto: Pierre Thomé
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Letzte Warnung: "wenn sie nicht bis zum 29. februar das blatt-abo-sonder-angebot nützen!!! konvertieren wir zum islam" - die "Blatt"-Redaktion versucht ihre Leser Anfang 1984 mit einer Abo-Aktion zu aktivieren, doch die Pleite der Zeitung ist nicht mehr abzuwenden.

Foto: "Blatt"-Redaktion
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Pressefreiheit: "... ist die Freiheit der Presse beliebig viele Druckerzeugnisse herzustellen und sie anschließend gegebenenfalls wieder zu vernichten." Händeringend suchte "Blatt" im Mai 1984 neue Abonnenten. (Titel: Pierre Thomé)

Foto: Pierre Thomé
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