Landtagswahlen in Hessen Und dann kam der Typ mit den Turnschuhen
Holger Börner (3. von links, SPD) hatte sich die Entscheidung sicherlich nicht leicht gemacht: 1985 ging er als erster Ministerpräsident eine Koalition mit den Grünen ein. Joschka Fischer (Mitte) bestand damals auf Turnschuhen. Noch 1982 hatte Börner dem SPIEGEL gesagt, die Grünen seien für die SPD nicht koalitionsfähig, weil sie ihr Verhältnis zu Gewalt nicht geklärt hätten. 1984 duldeten die Grünen den Ministerpräsidenten nur - erst ein Jahr später gingen sie eine Koalition ein.
Joschka Fischer trat als Umweltminister in das Kabinett von Börner ein. Auf dem Bild probiert er das erste Mal seinen Ministersessel aus. Die erste rot-grüne Koalition hielt nur eineinhalb Jahre. Dann trennten sich Genossen und Ökos, Grund war der andauernde Atomstreit, vor allem um die Skandale im Atomdorf Hanau, der größten europäischen Ansammlung von Nuklearfirmen. Den Betreibern wurde unter anderem die illegale Lagerung von radioaktivem Material vorgeworfen.
Der Streit, der der ersten rot-grünen Landesregierung ein so jähes Ende bereitete, führte zu Neuwahlen und einer CDU-geführten schwarz-gelben Koalition unter Walter Wallmann (4. von links). Wallmann musste wenige Monate nach seiner Vereidigung einen Teil des Atomdorfs wegen Sicherheitsmängeln schließen - obwohl er während des Wahlkampfs noch angekündigt hatte, den Betrieb unbeschränkt weiterlaufen zu lassen.
Alfred Dregger hat die hessische CDU geprägt wie kein anderer. Noch immer sagt CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier, man stehe in der Tradition von Dregger - die Welt aber habe sich geändert. Auf dem Bild sitzt Dregger ganz links. Er galt als rechtskonservativer Haudegen, der es binnen wenigen Jahren schaffte, die CDU im vormals roten Hessen zu einer ernsthaften Konkurrenz der SPD zu machen. In den 70er-Jahren, zur Hochphase der Linksterroristen der RAF, trug er immer eine Waffe bei sich, was ihm den Spitznamen "Django" einbrachte. Eine Laudatio von ihm wurde in dem rechtsextremen Sammelband "50 Jahre Vertreibung - Völkermord an den Deutschen" abgedruckt.
Hans Eichel (l.) ließ die roten Zeiten in Hessen wiederaufleben, wenn auch mit - damals - eher mageren Wahlergebnissen von 40,8 (1991) und 38 Prozent (1995). 1991 schaffte er es, den CDU-Ministerpräsidenten Walter Wallmann abzulösen. Im Gegensatz zur ersten rot-grünen Koalition verstanden sich Genossen und Ökos nun. Die "taz" bescheinigte Eichel "das Charisma eines gewissenhaften Chefbuchhalters". Eichel verlor 1999 überraschend die Wahl gegen den "jungen Wilden" aus der CDU.
Roland Koch (Mitte) setzte sich 1999 gegen Hans Eichel durch. Die Landes-CDU machte Stimmung mit der Kampagne "Integration ja - doppelte Staatsbürgerschaft nein". Dieses Foto stammt jedoch aus dem Jahr 2003. Damals holte Koch die absolute Mehrheit - 48,8 Prozent der Wählerinnen und Wähler stimmten für die CDU.
Fünf Jahre später wurde die Landtagswahl für die hessischen Christdemokraten zum Desaster. 2008 verloren sie nach einer umstrittenen Law-and-Order-Kampagne zwölf Prozentpunkte. Erst nach Neuwahlen konnte sie im Jahr 2009 mit der FDP eine Koalition eingehen.
Koch trat 2010 überraschend von allen Ämtern zurück. Volker Bouffier übernahm den Landesvorsitz und das Amt des Ministerpräsidenten. Bouffiers Spitzname damals: "Schwarzer Sheriff".
Die SPD-Spitzenfrau Andrea Ypsilanti sollte die Gewinnerin der Landtagswahl 2008 in Hessen sein. Zwar lag sie mit 36,7 Prozent der Stimmen knapp hinter der CDU, die 36,8 Prozent der Wähler überzeugen konnte, doch Ypsilanti erteilte der Großen Koalition früh eine Absage. Sie wollte selbst Ministerpräsidentin werden und strebte eine rot-grüne Minderheitenregierung unter Duldung der Linkspartei an. Noch im Wahlkampf hatte Ypsilanti versichert, in keiner Form mit der Linken zu kooperieren. Das Versprechen werde sie vielleicht nicht halten können, sagte sie wenige Wochen nach der Wahl der "Welt".
In der SPD stießen Ypsilantis Pläne auf Widerstand. Trotzdem ging sie Koalitionsverhandlungen mit den Grünen ein und erarbeitete mit ihnen einen Koalitionsvertrag, der von einem Sonderparteitag bestätigt wurde. Schließlich aber weigerten sich vier SPD-Abgeordnete, Ypsilanti zur Regierungschefin unter linker Tolerierung zu machen. Die Abweichler sind hier zu sehen: Dagmar Metzger, Jürgen Walter, Silke Tesch und Carmen Everts. Nun scheidet Ypsilanti aus dem hessischen Landtag aus.
Der CDU-Mann Volker Bouffier (r.) wurde 2010 zum Ministerpräsidenten in Hessen gewählt, nachdem Roland Koch von allen Ämtern zurückgetreten war. Nach seiner Amtseinführung wandelte er sich in der öffentlichen Wahrnehmung vom konservativen Hardliner zum gemäßigten Landesvater, der 2013 die CDU zum ersten Mal in einem Flächenland in ein schwarz-grünes Bündnis führte. CDU und Grüne in Hessen waren sich einst fremd - nun duzen sich der stellvertretende Ministerpräsident Tarek Al-Wazir (r.) und Bouffier und wünschen sich offenbar beide, das schwarz-grüne Bündnis auch nach Sonntag fortsetzen zu können.
Auf diesem Bild sieht man die Spitzenkandidaten der Parteien, die aller Wahrscheinlichkeit nach am Sonntag den Einzug in den Landtag schaffen: René Rock von der FPD, Janine Wissler von der Linken, der grüne stellvertretende Ministerpräsident Tarek Al-Wazir, Rainer Rahn von der AfD, Ministerpräsident Volker Bouffier von der CDU und SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Rennen um den zweiten Platz. Einige Demoskopen sagen voraus, dass die Grünen vor der SPD landen könnten.