Radler E-Bikes - die Geschichte der elektrischen Trethilfe
Michaudine velocipedes: Der Franzose Pierre Michaux gilt als möglicher Erfinder des Pedalantriebs beim Fahrrad. Doch vom ersten Tag an produzierte seine Fabrik ab 1869 auch Fahrräder mit Hilfsmotor. Michaux setzte dabei auf spiritusbetriebene Dampfmaschinen. Das Konzept floppte jedoch, weil der Hintern beim Fahren zu heiß wurde - der Fahrer saß quasi auf der Dampfmaschine. Bereits wenig später entstanden die ersten E-Bikes.
Daimlers Reitwagen: In Deutschland gilt das bizarre Fahrzeug von 1885 als erstes Motorrad. Das ist eine willentlich verkürzte Sicht, die nur auf den Benzin-Verbrennungsmotor schaut - das erste Dampfmotorrad fuhr spätestens 1867, das (erheblich elegantere) E-Tricycle von Gustave Trouvé bereits ab 1881 durch Paris. Dazu kamen Modelle mit anderen Verbrennungsmotoren, die teils ebenfalls auf Kolbenhub setzten.
Trouvés Elektro-Konzept wurde schnell kopiert, denn Elektroantriebe waren Verbrennungsmotoren leistungsmäßig deutlich überlegen - aus physikalischen Gründen, aber auch, weil sie älter und ausgereifter waren. Das Ayrton & Perry Electric Tricycle fuhr ab 1882 durch Londons Straßen. Doch Dreiräder waren groß und ungelenk.
As erstes, echtes E-Fahrrad gilt das 1895 von Ogden Bolton in den USA patentierte Fahrzeug. Bolton setzte auf einen Radnabenmotor - ganz so wie viele moderne E-Bikes heute. Die Idee, das Zweirad mit einem E-Motor zu kombinieren, lag regelrecht in der Luft, wie eine ganze Reihe sehr ähnlicher Patente in den Folgejahren zeigen sollte.
Auch Hosea W. Libbey platzierte die extrem schweren Batterien nahe am Mittelpunkt des Rades. Bei seinem Rad von 1897 lag der Motor jedoch direkt darunter und sorgte so für einen tiefen Schwerpunkt. Die Kraftübertragung lief über ein fixes Gestänge, das die Drehung vom Motor auf die Hinterachse übertrug - ein Konzept, das er sich bei Dampfloks abgeschaut haben dürfte.
Der Tüftler John Schnepf reichte 1898 ein Patent ein, das ihm im Folgejahr gewährt wurde und erheblich leichter daherkam. Auch er verspannte die Batterien im Rahmen. Pfiffig war der Antrieb: Der lag direkt auf dem Reifen auf. Ein Drehkörper übertrug als Reibrad sein Drehmoment auf das Hinterrad - ein einfaches Friktions- oder Walzkörpergetriebe. Es funktionierte so gut, dass es noch bis 1969 durch ergänzende Patente weiterentwickelt wurde.
Im Februar 1899 meldete der deutsche Ingenieur Albert Hänsel ein so filigranes wie revolutionäres Konzept zum US-Patent an: Sein Rad (hier das Damenmodell) kam mit kleinem Akku aus, weil der bei Abwärtsfahrten wieder aufgeladen wurde - Hänsel erfand das Prinzip der Kraftrückgewinnung. Autobauer begannen vor knapp zehn Jahren, es als revolutionär neues Konzept zu vermarkten.
Manche Quellen geben an, dies sei ein E-Tandem der französischen Firma Clerc & Pingault (1900). Tatsächlich wurde das Gefährt von der britischen Firma Humber von 1897 bis 1904 in Serie gefertigt. Das Bild (mit zwei französischen Radrennfahrern) stammt ursprünglich aus einer Anzeige für die Stanley Show, die 1878 als Fahrradmesse begann, 1905 zur Autoshow umgewidmet und bis 1919 jährlich veranstaltet wurde.
Bei diesem E-Bike mit Seitenwagen (Paris, 1941) lief die Kraftübertragung über ein Kettengetriebe. Notwendig ist das, weil der Motor hier hoch, direkt hinter dem Sattel befestigt ist - ein umständliches Design, das unnötige Belastungen verursachte.
Ungewöhnlich waren E-Bikes da längst nicht mehr. Das hier im Februar 1941 im Pariser Kaufhaus Lafayette ausgestellte Modell hatte einen E-Motor mit Friktionsantrieb, der direkt auf das Vorderrad wirkt, und zwei Akkublocks, deren Gewicht man wie Gepäcktaschen am hinteren Rahmen, direkt über den Hinterrad verteilt. Wenn der Saft ausging, kam man per Pedalantrieb weiter.
Simplex-Philips-E-Bike von 1932: Hier hängt die Batterie so tief wie möglich, was die Fahrstabilität und Straßenlage verbessert haben dürfte. Der Motor unter dem Sattel treibt per links geführter Kette das Hinterrad an. Auch hier kann man mitstrampeln oder eben weiterkommen, wenn der Strom ausgeht, denn rechts geführt gibt es auch noch einen Pedalantrieb.
B. G. Bowdens Fahrrad von 1947 bot nicht nur futuristisches Design. Es setzte auch auf Albert Hänsels Konzept der Kraftrückgewinnung: Bergab gewann das Rad Elektrizität, die es für die Bergauf-Strecke dann wieder abgab.
Sportgerät: Wie ein "bockender Broncho", berichtete die Presse am 30. Oktober 1940, benehme sich dieses elektrische Fitness-Fahrrad. Den Damen vom amerikanischen Ambulanzdienst in Großbritannien scheint ihr neues Trainingsgerät - Vorläufer ungezählter, als Fitnessgeräte verkaufter E-Staubfänger - jedenfalls Spaß gemacht zu haben.
Frank Paul, ein Pionier der Post: Der Briefausträger nahm 1999 als einer von 75 Testern an einem Feldversuch teil, um die Tauglichkeit von E-Bikes im Zustelldienst zu prüfen. Wir wissen, wie es ausging: Heute ist kaum ein Briefträger mehr ohne E-Kraft.
Inzwischen sind E-Bikes so allgegenwärtig, dass herkömmliche Modelle nicht mehr als Prestigeobjekt taugen. Matthias Brodas Holzrad kam Ende 2014 auf den Markt, es ist heute im Vertrieb einer Berliner Firma und kostet satte 4499 Euro.