Wie die Zeit vergeht mit... NSA-Skandalen
"Prism" empört die Welt - doch die NSA wurde bei weitem nicht zum ersten Mal ertappt. Die US-Behörde baute ein U-Boot zum Datensauger um, bespitzelte deutsche Firmen und sorgte mit einem Flugzeugabsturz für eine Eiszeit zwischen USA und Sowjetunion. einestages erinnert an die größten Skandale.
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1919
Datenskandal - vor der NSA-Gründung: Schon 1919 schnüffelte der Staat in anderer Leute Post herum. Für die Angestellten des Telegrammdienstes Western Union war es ein tägliches Ritual: Jeden Morgen verließen schwer bepackte Soldaten ihre Geschäftsräume. Zuvor hatten die Uniformierten alle Telegramme, die ins Ausland gingen oder daher kamen, für die Postschnüffler zusammengestellt.
Die Korrespondenz landete in der sogenannten Black Chamber. In der "schwarzen Kammer" an der New Yorker Fifth Avenue nahmen Spezialisten die Post gründlich unter die Lupe. Eigentlich interessierten sich die Kryptologen hauptsächlich für diplomatische Nachrichten. Aber wo man schon dabei war, schaute man auch den Amerikanern und ihren ausländischen Korrespondenzpartnern auf die Finger.
Den Direktoren der Telegrafenfirmen bereitete das Vorgehen schlaflose Nächte - schließlich war es hochgradig illegal. Das Weiße Haus beruhigte die nervösen Chefs mit dem Versprechen von Immunität. Bis 1929 wurde so fremde Post erfasst. Dann wurde Henry L. Stimson Außenminister - und erfuhr von der "Black Chamber". Auch wenn das Vorgehen erst viel später bekannt wurde, für ihn und seine Mitarbeiter war die Lektüre fremder Telegramme ein Skandal. Er strich der "Black Chamber" die Gelder. "Ehrenmänner lesen nicht die Post anderer Leute", meinte er.
Mai 1960
Ein wirklich übler Absturz: Am 1. Mai 1960 holte die Flugabwehr der Sowjets einen amerikanischen Flieger vom Himmel. Volltreffer! Die Lockheed U2 war ein Spionageflugzeug, das im Auftrag der NSA unterwegs war. Der Pilot Francis Gary Powers vermochte es weder, kurz nach dem Treffer die Selbstzerstörung des trudelnden Fliegers zu aktivieren, noch sich selbst die vorgesehene Giftspritze zu setzen, bevor die Sowjets ihn gefangen nahmen. Warum, blieb Powers' Geheimnis. Vermutlich hing er einfach zu sehr an seinem Leben.
Für die NSA war der Zwischenfall eine Katastrophe, denn Powers wurde ausgerechnet kurz vor einem Gipfeltreffen von US-Präsident Eisenhower und Sowjetführer Nikita Chruschtschow abgeschossen. In Paris wollten sich die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs wieder einander annähern und auch über das geteilte Berlin sprechen. Chruschtschow ließ Eisenhower dann auch mächtig büßen: Er gab ihm nicht die Hand und widerrief eine Einladung nach Moskau - weil Eisenhower sich nicht entschuldigte.
September 1960
Peinliche Pressekonferenz: Der russische Geheimdienst KGB hat sich an diesem Tag sicher ins Fäustchen gelacht. Da saßen die zwei Mitarbeiter der NSA! In Moskau! Und enthüllten freiwillig alle schmutzigen Geheimnisse ihres Arbeitgebers, die sie kannten! Vor den laufenden Kameras der internationalen Presse!
William Martin und Bernon Mitchell hatten sich kurz zuvor in die Sowjetunion abgesetzt. Und was sie nun berichteten, versetzte nicht nur die anwesende Presse in helle Aufregung: Die NSA spionierte nämlich nicht nur den kommunistischen Feind aus, sondern auch "Freunde" wie Italien und Frankreich. Haarklein erläuterten die beiden Kryptologen vor laufender Kamera, wie die NSA etwa einen Code des Verbündeten Türkei geknackt hatte. Und es kam noch schlimmer: Mitchell und Martin berichteten, dass die NSA fleißig am Sturz vermeintlich befreundeter Regierungen mitarbeitete.
Warum die beiden Ex-Geheimdienstler so bereitwillig plauderten? Mitchell und Martin waren homosexuell - und fühlten sich an ihrem Arbeitsplatz diskriminiert.
1968
Umsiedeln zum Abhören: Auf einmal war ihre Heimat geheimes Sperrgebiet. 1968 begann die USA auf dem britischen Chagos-Archipel bei Mauritius mit dem Bau einer gewaltigen Militär- und Geheimdienstbasis. Damit die NSA dort ungestört ihre Lauscharbeit verrichten konnte, zwang man die Inselbewohner kurzerhand zur Umsiedlung. Die Lage des Chagos-Archipels im Indischen Ozean ist perfekt: Afrika, Australien, Indien und die Arabische Halbinsel lassen sich von dort hervorragend überwachen.
Die Chagossianer wehrten sich gegen diese Ungerechtigkeit. Ein Streit, der bis heute hin und her geht: 2000 erklärte ein britisches Gericht die Deportationen für illegal, kurz darauf verbannte die Queen die Chagossianer ganz offiziell von ihrer Insel. Dagegen entschied ein weiterer Richter. Bis heute ist ein Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof anhängig. Nur die USA sind scheinbar fein raus: Das sei allein britische Zuständigkeit.
1975
Belauschte Vietnamkriegsgegner: Auch in den siebziger Jahren legten Telekommunikationsfirmen offenbar wenig Wert auf den Schutz ihrer Kunden. 1975 flog eine gewaltige Operation namens "Projekt Shamrock" auf. Jahrelang waren NSA-Mitarbeiter in den Unternehmen ein- und ausgegangen. In ihren Taschen: Disketten und Magnetbänder mit den Kopien von Telegrammen. Alle Schwergewichte des Telegrafendienstes wie Western Union oder auch die Kommunikationssparte von ITT lieferten der NSA zu. Die Amerikaner waren empört, die NSA blamiert. Einige zehntausend US-Bürger waren bespitzelt worden, darunter viele Gegner des Vietnamkriegs.
Die Folge: Seit 1978 muss ein Gericht namens "Foreign Intelligence Surveillance Court" jedem Lauschangriff auf US-Bürger im Inland zustimmen. Das taten die Richter jedoch recht freimütig: Bis 2006 stimmten sie 19.000 Überwachungen zu. Nur fünf Mal lehnten sie einen Lauschangriff ab.
NSA Direktor Lew Allen Jr. sagt 1975 bei einer Senatsanhörung aus.
1989
Spion mit Plastiktüte: Ungefähr sechs Jahre lang waren die Tüten von James Hall beim Verlassen eines NSA-Gebäudes ziemlich schwer. Tausende Blatt streng geheimer NSA-Unterlagen schmuggelte der US-Soldat in Einkaufstüten aus den Diensträumen. Gegen Bezahlung lieferte er das Geheimmaterial an die Stasi, die auch dem KGB stolz Einblick gewährte. In seiner Wohnung machte Hall mit Hilfe eines DDR-Spions Abzüge der Unterlagen an einem kleinen Kopierer. Danach kehrten die Originale wieder an ihren Ursprungsort zurück.
1988 flog Hall auf und ging für 40 Jahre in den Knast. Der eigentliche Skandal ereignete sich aber erst danach: Die Unterlagen, die er der NSA gestohlen hatte, zerstörte die Stasi bei der Wende nicht. Doch die hochbrisanten Akten, die das Ausmaß der NSA-Schnüffelei enthüllen, verschwanden still und heimlich aus der Gauck-Behörde. Bundesdeutsche Beamte lieferten sie klammheimlich an die NSA aus.
2003
Freund hört mit: Über zwanzig Jahre hatte Mark Klein, Techniker beim amerikanischen Telefonanbieter AT&T, still und ruhig seinen Job gemacht. 2003 trat er ins Rampenlicht - mit einer schockierenden Information: Die NSA, erklärte er, habe sich gleich neben einer der wichtigsten Schaltzentralen für Kommunikationsverkehr in San Francisco eingemietet. Dort hätte man sich mittels einer Abfanganlage in die Kommunikation der Amerikaner eingeklinkt. Angeblich sollen mehr als zehn solcher Anlagen über die USA verstreut sein, wie ein NSA-Mitarbeiter eingestand.
Klein nahm in amerikanischen Nachrichtensendungen Platz und berichtete, wie große Unternehmen wie AT&T der NSA behilflich waren oder ihre Aktivitäten duldeten. Zwei Jahre nach den Terroranschlägen von New York, konnte die Regierung die aufgebrachten Gemüter aber schnell beruhigen. In Krisenzeiten erfordere die nationale Sicherheit eben solche Maßnahmen.
2005
Lauschangriff per Atom-U-Boot: Seit 2005 kann die NSA sogar in den Tiefen der Ozeane im Internet herumschnüffeln. Per Spezialausrüstung soll das U-Boot "Jimmy Carter" in der Lage sein, Unterseekabel anzuzapfen und die Daten in ein NSA-Büro zu leiten. Die Kommunikation von Millionen Menschen muss auf diese Weise nicht an Internetknotenpunkten an Land oder gar per Spionageprogramm auf den heimischen Rechnern abgesaugt werden.
Mit mehr als zwei Milliarden Dollar Baukosten ist die "Jimmy Carter" ein selbst für die NSA teures Spielzeug. Absurderweise wurde das U-Boot obendrein nach einem ehemaligen US-Präsidenten benannt, der sich auch heute noch seinen Einsatz für die Bürgerrechte auf die Fahnen schreibt. Beim Stapellauf war Carter dennoch anwesend.
2004
High-Tech-Spionage in Oberbayern: 2004 war Schluss auf der NSA-Station in Bad, die Amerikaner zogen ab. Die Abhörbasis mit den charakteristischen Radomen war ein Teil des weltweiten Spionagesystems "Echelon" - und ging nun zum Freundschaftspreis an die Bundesrepublik. Kurz zuvor wurde die Station auf Empfehlung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses geschlossen.
Die EU hatte einen Skandal publik gemacht und der NSA so unangenehme Publicity beschert: Akribisch listet ein ellenlanger Bericht auf, wie die NSA systematisch deutsche und andere europäische Unternehmen ausspioniert hat - und US-Unternehmen den einen oder anderen nützlichen Hinweis gegeben haben soll.
2013
Der letzte NSA-Skandal - vorerst: Der Whistleblower Edward Snowden, der das Geheimnis um das Überwachungsprogramm "Prism" gelüftet hat, ist das bisher letzte Glied in der Kette von NSA-Skandalen. Ob es der Behörde schadet, ist zweifelhaft. Zurzeit ist die NSA gerade mit dem Bau eines neuen Datenzentrums im US-Bundesstaat Utah beschäftigt. Für nahezu zwei Milliarden Dollar soll dort eine Anlage entstehen, die auch komplizierteste Verschlüsselungen knacken kann - und, wie Experten befürchten, einen Großteil des Datenstroms im Internet speichern soll.
Von Marc von Lüpke