Gekentertes Kreuzfahrtschiff Chronologie: Die Havarie der "Costa Concordia"
Instabile Seitenlage: Der Kreuzfahrtriese "Costa Concordia" kenterte am 13. Januar 2012 - nach einer verhängnisvollen Kette von Mängeln, Missverständnissen und Unterlassungen. Was in der Nacht und danach geschah: eine Chronik.
13. Januar 2012 19 Uhr - Auslaufen
Die "Costa Concordia" verlässt den Hafen Civitavecchia in Richtung Savona. Für manche Passagiere ist es der Auftakt einer einwöchigen Mittelmeer-Kreuzfahrt, für andere die letzte Etappe ihres Urlaubs. An Bord sind mehr als 4200 Menschen, darunter etwa 1000 Besatzungsmitglieder.
Es ist ein angenehmer Abend, die See ist ruhig. Um kurz nach 19.30 Uhr steuert Kapitän Francesco Schettino das Schiff dicht an die Küste der Insel Giglio heran. Er habe einen ehemaligen Costa-Kapitän grüßen wollen, der ein Haus auf Giglio besitzt, wird Schettino später zu Protokoll geben. "Verneigung" wird das Manöver in der italienischen Seefahrt genannt - und das Grüßen von Küstenbewohnern mit der Sirene ist keine Seltenheit. Erst im August 2011 hatte die "Costa Concorida" Giglio ähnlich dicht passiert. Doch damals ging alles gut.
Bei Kapitän Schettino auf der Brücke soll sich neben Costa-Mitarbeiterin Domnica Cemortan aus der Republik Moldau auch ein Oberkellner befinden, der auf Giglio geboren ist. "Antonello, schau mal, wir liegen direkt vor deiner Insel", soll jemand gesagt haben. "Achtung, wir sind ja total nah an der Küste", hat der Mitarbeiter laut "Corriere della sera" angeblich geantwortet.
13. Januar 2012 21.45 Uhr - Kollision
Die "Costa Concordia" fährt mit etwa 15 Knoten gegen einen Felsen unter Wasser, der Rumpf wird auf einer Länge von 70 Metern aufgeschlitzt. Viele Passagiere sitzen in Abendgarderobe im Restaurant, an der Bar oder im Atrium. Die fatale Kollision erleben die Passagiere - vermutlich abhängig vom Aufenthaltsort - höchst unterschiedlich. "Es fühlte sich an, als wenn man mit einem Fahrrad über einen Huckel fährt", erinnert sich Peter Honvehlmann. Andere sprechen von einem "Riesenknall" und umherfliegenden Gegenständen. Wenig später geht das Licht aus, der Strom ist ausgefallen.
Auf der "Costa Concordia" herrscht Verunsicherung, die Passagiere werden zunächst nicht aufgeklärt. Wenige Minuten nach der Kollision meldet der Erste Offizier dem Kapitän: Der Maschinenraum ist überflutet. Das Schiff verliert an Geschwindigkeit. Die Crew wendet sich mit einer Durchsage an die Passagiere: "Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit", tönt eine Frauenstimme aus den Lautsprechern. "Wegen technischen Problemen haben wir gerade einen Blackout. Es besteht kein Grund zur Panik, bitte bleiben Sie ruhig. Unsere Techniker arbeiten schon daran, um das Problem zu lösen."
Was Kapitän Schettino in dieser Zeit tut, ist zunächst nicht klar. Manche Passagiere bleiben in ihren Kabinen, andere ziehen sich Rettungswesten an. Laut der Zeitung "Il Fatto quotidiano" ruft eine verzweifelte Mutter ihre Tochter an und berichtet, sie sei in Seenot und trage eine Rettungsweste, das Schiff neige sich immer mehr auf die Seite. Die Tochter alarmiert die Polizei, die schließlich die Hafenkommandantur in Livorno benachrichtigt.
13. Januar 2012 22.12 Uhr - Blackout
Ein Beamter der Hafenkommandantur ruft auf der Brücke der "Costa Concordia" an und fragt, was los sei. Sein Gesprächspartner wiegelt ab: "Wir haben einen Stromausfall", sagt er. "Wir sind dabei, die Ursachen zu überprüfen." Man habe durch einen Verwandten eines Besatzungsmitglieds erfahren, dass den Passagieren "während des Abendessens Dinge auf den Kopf gefallen sind", sagt der Mitarbeiter der Hafenwache. Auf die Frage, ob die Passagiere angewiesen worden seien, ihre Schwimmwesten anzulegen, antwortet der Mann auf der "Costa Concordia" ebenfalls ausweichend: "Wir überprüfen, was es mit dem Stromausfall auf sich hat." Mehr sagt er nicht.
Ein Boot der Finanzpolizei nähert sich dem Unglücksort. Die "Costa Concordia" bekommt durch den Wassereinbruch immer mehr Schlagseite. Das Schiff wendet und fährt auf den Hafen der Insel zu.
Der Neigungswinkel des Schiffes liegt bereits bei 20 Grad. Alle in der Gegend verfügbaren Schiffe werden zum Unglücksort gerufen. Schettino weigert sich allerdings weiter, eine Evakuierung des Schiffes vorzubereiten. Auf der Brücke kommt es offenbar zu einer Meuterei der Offiziere. Roberto Bosio, ein Kapitän, der als Gast an Bord ist, gibt den ersten Räumungsbefehl.
13. Januar 2012 22.44 Uhr - Auf Grund
Das Patrouillenboot der Finanzpolizei schlägt Alarm: Die Steuerbordseite des Kreuzfahrtschiffes hängt auf Grund fest. Die "Costa Concordia" kentert in der Nähe des Hafenbeckens von Giglio.
13. Januar 2012 22.58 Uhr - Evakuierung
Das Evakuierungssignal ertönt. An Bord bricht Panik aus. Teilweise prügeln sich Passagiere um die Plätze in den Rettungsbooten. Menschen flüchten ins Meer, um an Land zu schwimmen. Augenzeugen berichten hinterher von chaotischen Zuständen während der Evakuierung. Einige Passagiere sollen in bereits überfüllte Rettungsboote gesprungen sein. Die Schräglage des Schiffes erschwert es zusätzlich, die Rettungsboote auf der Backbord-Seite ins Wasser zu lassen.
Auf Giglio eilen die Einwohner zum Hafen, sie bringen heiße Getränke und Decken für die Schiffbrüchigen. In den Rettungsbooten werden Tausende Passagiere in Sicherheit gebracht. Viele finden in der Kirche eine Notunterkunft. Schettino gibt an, noch seien rund 300 Menschen an Bord der "Costa Concordia". Vermutlich noch vor Mitternacht verlässt auch er das Schiff - und verstößt damit gegen den Ehrenkodex der Kapitäne. Er habe bei der Evakuierung geholfen und sei dann in ein Rettungsboot gestolpert, wird er später behaupten.
Der Hafenkommandant versucht laut der Zeitung "La Repubblica", den Kapitän an Bord zu erreichen. Niemand antwortet. Das Patrouillenboot fordert zusätzlich Hubschrauber an, um die letzten 70 bis 80 Passagiere zu retten, die noch an Bord sind.
14. Januar 2012 1.46 Uhr - Telefonat
Gregorio de Falco von der Hafenkommandantur in Livorno erreicht Schettino auf dem Handy. In einem dramatischen Telefonat fordert er den Kapitän auf, an Bord zurückzukehren. Sein wütender Befehl, "Vada a bordo, cazzo!", (auf deutsch etwa: "Kehren Sie an Bord zurück, verdammt noch mal!") verpufft: Schettino kehrt nicht zurück.
14. Januar 2012 3.05 Uhr - Erste Todesopfer
Es gibt erste Berichte über Todesopfer. "An Bord soll es fünf Verletzte und drei Tote geben", heißt es vom Patrouillenboot der Finanzpolizei. Knapp anderthalb Stunden später wird die Rettungsaktion vorläufig beendet. Schettino hat es da längst wohlbehalten an Land geschafft. Ein Taxifahrer erzählt, er habe den Kapitän am Morgen zu einem Hotel gebracht: "Er sah aus wie ein geprügelter Hund, frierend und verängstigt."
Bei Tagesanbruch suchen die Rettungsmannschaften weiter nach Vermissten. Bis zum Mittag sind 4179 Gerettete an Land registriert. Auch in den folgenden Tagen hangeln sich Rettungstaucher immer wieder vorsichtig durch das Wrack - auf der Suche nach den Vermissten. Die Staatsanwaltschaft wirft Schettino fahrlässige Tötung, Havarie und das Verlassen der "Costa Concordia" während der Evakuierung vor.
19. Januar 2012 - Inspektion
Taucher der italienischen Polizei inspizieren den angeschlagenen Luxusliner. Noch immer werden mehrere Personen vermisst.
17. September 2013 4 Uhr - Bergung
Erstmals nach 20 Monaten liegt die havarierte "Costa Concordia" wieder aufrecht vor der italienischen Insel Giglio. Die Bergungsaktion, bei der das Schiff zunächst gegen weiteres Abrutschen gesichert und dann in die Vertikale gezogen wurde, hatte am Morgen des Vortages begonnen.
23. Juli 2014 - Überführung
Das Wrack verlässt die Insel Giglio. Vier Schlepper und zehn Begleitschiffe bringen die "Costa Concordia" in ihren Heimathafen nach Genua. Die Überführung, bei der eine Strecke von rund 350 Kilometern zurückgelegt werden muss, dauert knapp vier Tage.
27. Juli 2014 - Im Hafen von Genua
Das Wrack hat den Hafen von Genua erreicht. Die Demontage des Schiffes soll voraussichtlich zwei Jahre dauern.
12. Februar 2015 - Urteil
Kapitän Francesco Schettino soll für 16 Jahre ins Gefängnis. Das Gericht im italienischen Grosseto macht den 54-Jährigen verantwortlich für den Tod von 32 Menschen und die Havarie des Kreuzfahrtschiffs.
Im Strafmaß enthalten sind zehn Jahre für mehrfache fahrlässige Tötung, fünf Jahre für das fahrlässige Verursachen des Schiffbruchs, ein Jahr für das Zurücklassen Minderjähriger oder hilfsbedürftiger Personen sowie ein Monat dafür, dass er nicht Meldung erstattet hat.
Schettino selbst zeigt sich "enttäuscht" von der Tatsache, dass er wegen vorzeitigen Verlassens des Schiffs verurteilt wurde. "Ich werde kämpfen, um zu beweisen, dass ich die 'Costa Concordia' nicht verlassen habe", sagt er. Im Prozess hatte er erklärt, er sei nicht willentlich von Bord gegangen, vielmehr habe ihn "die Schwerkraft" in ein Rettungsboot gezogen. Schettino will in Berufung gehen.