Fussball Ost-Helden - die Karrieren der besten Fußballer und Trainer
"Feuerkopf" ist der Spitzname von Matthias Sammer - wegen seiner streichholzhaften Erscheinung (hellhäutig, Rotschopf) und mehr noch wegen seines Temperaments (hitzig). Der Mittelfeldmann, der stets vor Ehrgeiz brannte, spielte ab 1985 für Dynamo Dresden und nach der Wende für VfB Stuttgart, Inter Mailand und Borussia Dortmund. 1996 wurde er Europameister und Europas Fußballer des Jahres. Heute ist er als Sportvorstand des FC Bayern München der Meister des antizyklischen Ansprache - in schwachen Momenten die Mannschaft stark reden, nach Kantersiegen die Euphorie dämpfen. Weil er diplomatische Schnörkel gern auslässt, ist Sammer auch als "Motzki" bekannt.
Michael Ballack alias "Capitano" war als schuss- und kopfballstarker Mittelfeldspieler ungemein torgefährlich. Der geborene Görlitzer begann seine Fußballkarriere in Chemnitz, spielte in der Bundesliga zuerst für Kaiserslautern, später für Leverkusen und den FC Bayern und außerdem vier Jahre lang beim FC Chelsea. Mit der Nationalmannschaft wurde er 2002 Vize-Weltmeister, bei der Heim-WM Dritter und musste auf die WM 2010 verletzt verzichten - ein Drama um die "Wade der Nation". Seinen Job als Mannschaftskapitän stibitzte dann Philipp Lahm und wollte ihn hernach nicht wieder hergeben. Die Laufbahn des oft knurrigen Weltklassespielers endete unglücklich: Ins Nationalteam ließ ihn Trainer Löw nicht zurückkehren, bei Bayer 04 Leverkusen wurde er zuletzt 2011 und 2012 recht selten eingesetzt. Seitdem ist Ballack gelegentlich Studioexperte des US-Sportsenders ESPN.
Bernd Schneider ist auch als "weißer Brasilianer" bekannt, weil der dribbelstarke Mittelfeldspieler Gegnern die Beine verknoten konnte. Seine brillante Technik bewies er besonders beim WM-Finale 2002, als er den anderen Brasilianern zeigte, was deutsche Straßenfußballer so können. Die Welt staunte, trotzdem verlor Deutschland. Seinen weiteren Beinamen "Schnix" erwarb Schneider sich schon als junger Fußballer in Jena (schnixen steht für tricksen oder schnibbeln). In der Bundesliga spielte er zunächst für Eintracht Frankfurt, ab 1999 dann zehn Jahre lang für Leverkusen. Persönliches Pech: Er wurde ziemlich oft Zweiter, ob mit der Nationalmannschaft oder mit seinem Verein ("Vizekusen"), und stieg nach einer Rückenverletzung aus dem Fußball aus. Danach machte er einen Trainerschein, arbeitete bei Bayer Leverkusen, lebt jetzt wieder in Jena und spielt immer noch gern Fußball, freizeitmäßig und bei Turnieren.
Ulf Kirsten wurde selten Ulf genannt, für die meisten war und ist er "der Schwatte". Er war schon in der DDR ein Stürmerstar für Riesa und Dynamo Dresden, spielte ab 1990 dann 13 Jahre lang sehr erfolgreich für Bayer Leverkusen: ein echter Knipser im Strafraum. Kirsten lief für beide Nationalmannschaften auf, die der DDR und die des wiedervereinigten Deutschland. In Leverkusen arbeitete er ab 2003 auch als Trainer. Heute ist bei einer Kölner Sportagentur tätig, als Spielerbetreuer und -berater sowie im Marketing. Fußballspielen ist kaum noch drin, zu schmerzhaft: Kirstens Knie und Knöchel melden sich dann bald arbeitsunfähig.
Thomas "Thommy" Doll war einer der großen DDR-Fußballer, in seiner Jugend für Hansa Rostock, bis 1990 für den BFC Dynamo. Als Profi kickte er dann für Lazio Rom, Eintracht Frankfurt, AS Bari und den Hamburger SV, wo er nach seiner aktiven Karriere auch als Trainer der Jugend und der zweiten Mannschaft einstieg. Erstliga-Coach war Doll beim HSV und bei Borussia Dortmund. Inzwischen hat es ihn nach Ungarn gezogen: Seit 2013 ist er dort Trainer des Erstligisten Ferencváros Budapest.
Andreas Thom, nahezu gleichaltrig, ging einen ganz ähnlichen Weg: Spieler beim BFC Dynamo, dann bei Leverkusen, zuletzt bei Celtic Glasgow und Hertha BFC Berlin; im Team beider deutscher Nationalauswahlen. Und anschließend Trainer. Bei Hertha betreut Thom bereits seit sechs Jahren Jugendmannschaften.
Jens Jeremies wurde als zweikampfstarker Abwehrspieler berühmt bis berüchtigt. An seiner Spielweise bemängelten feingeistige Fußballfans, er habe allzu oft gegnerische Spieler ziemlich anlass- und humorlos umgetreten. "Jerry" wurde beim FC Bayern intern auch "Kartoffel" genannt, verriet Sepp Maier einmal im einestages-Interview - vielleicht weil er mit seinen Grätschen so flott und gründlich den Fußballacker umpflügen konnte. Lange spielte er bei Dynamo Dresden, ab 1995 dann erst bei 1860 und dann bei Bayern München sowie sieben Jahre lang in der Nationalmannschaft, als Mann fürs Grobe. Heute lebt er in Ottobrunn bei München, arbeitet bei einem Vermarkter und hat eine Jugendstiftung gegründet. Fun Fact: 2012 traten die Toten Hosen in seinem Wohnzimmer auf, Jeremies hatte sich für das Konzert beworben - er forderte eine Entschädigung dafür, dass er der Band trotz ihres Songs "Bayern" die Treue gehalten habe ("Es kann so viel passieren, es kann so viel geschehen / nur eins weiß ich hundertprozentig / Nie im Leben würde ich zu Bayern gehen").
Olaf Marschall war ein eher zurückhaltender, an sich friedfertiger, aber vor dem Tor doch brandgefährlicher Stürmer. Er spielte lange für Lokomotive Leipzig, dann für Dynamo Dresden und von 1994 bis 2002 für Kaiserslautern, bevor er seine Karriere in Katar ausklingen ließ. Danach arbeitete er im Management, Amateur- und Co-Trainer. Inzwischen ist Marschall Chefscout bei FSV Frankfurt.
Mittelfeldspieler und Freistoßspezialist Stefan Beinlich, den alle immer "Paule" nannten, wurde 1972 in Ostberlin geboren und spielte dort für BFC Dynamo. Seine weiteren Stationen waren Rostock, Leverkusen, Hertha BSC und der HSV. Wegen zahlreicher Verletzungen lief er nur fünfmal für die Nationalmannschaft auf. Nach dem aktiven Fußball war Beinlich zwei Jahre lang Manager bei Hansa Rostock und ist inzwischen Geschäftsführer eines Leichtathletikvereins, ehrenamtlich.
Carsten Jancker, als 1,93 Meter hoher Stürmer eher grob- als feinmotorisch veranlagt, zog gelegentlich Fan-Spott auf sich, vor allem in der rumpelfüßigen Ära der deutschen Nationalmannschaft in den späten Neunzigerjahren. Er spielte in seiner Jugend in Wismar und Rostock, ab 1991 dann beim FC Köln. Anschließend kam Jancker viel herum, seine Stationen: Wien, München, Udinese, Kaiserslautern, Shanghai sowie zum Karriereende 2010 Mattersburg in Österreich. Dort blieb er gleich als Trainer und ist heute Co-Trainer bei Rapid Wien.
Berühmt durch ein Tor wurde Jürgen Sparwasser: als er, hier zu sehen, am 22. Juni das Siegtor der DDR gegen die Bundesrepublik schoss, die einzige Begegnung der beiden Nationalmannschaften. Die DDR schied bei der WM danach trotzdem aus, die Bundesrepublik wurde Weltmeister - so hatten alle was davon. Sparwasser war aber auch Leistungsträger beim 1. FC Magdeburg, ebenfalls 1974 Europapokalsieger. In den Neunzigerjahren arbeitete er als Trainer in Frankfurt, Darmstadt und Walldorf, später bei einer Versicherung und als Spielerberater.
Joachim Streich galt vielen Fußballfans als bester DDR-Fußballer ever, wegen seiner vielen Tore für den 1. FC Magdeburg, Hansa Rostock und die Nationalmannschaft. Man nannte ihn auch "Gerd Müller des Ostens", er hält mehrere Torjägerrekorde für die Ewigkeit. Wermutstropfen: Ausgerechnet beim legendären Spiel BRD-DDR '74 kam er nicht zum Einsatz, machte sonst aber über 100 Länderspiele. Später arbeitete Streich als Trainer, dann als Verkäufer in einem Magdeburger Sportgeschäft und musste gelegentlich noch Autogramme geben.
Tragisch endete das Leben von Lutz Eigendorf, in den Siebzigerjahren Abwehrspieler bei BFC Dynamo. 1979 setzte er sich bei einem Stadtbummel nach einem Freundschaftsspiel gegen Kaiserslautern in den Westen ab, spielte in Kaiserslautern und Braunschweig. Die DDR versuchte vergeblich , ihn zur Rückkehr zu bewegen, und ließ ihn von der Stasi beobachten. Er starb 1983 bei einem Verkehrsunfall unter Umständen, die nie vollständig aufgeklärt wurden. Es blieb der Verdacht einer Stasi-Beteiligung oder eines Auftragsmordes.
Peter Ducke wurde mit Jena dreimal DDR-Meister und trat in den Sechziger- und Siebzigerjahren 68 Mal für die DDR-Nationalmannschaft an. Man nannte den trickreichen Mittelstürmer auch "Schwarzer Peter" - wegen seiner Haarpracht und auch wegen seiner Diskussionsfreude mit den Schiedsrichtern. Später arbeitete Ducke in Jena als Trainer und flog 1980 aus dem Verein, Vorwurf: unerlaubte Westkontakte. Er war lange Schulsportlehrer...
...und veranstaltete Fußballcamps, lebt heute nahe Jena und ist 75 Jahre alt. Dass man dann nicht mehr kicken kann, hält er für ein Gerücht (hier eine Aufnahme von 2014).
Trainer Eduard Geyer sagte einmal: "Wenn die Bundesliga nicht zu mir kommt, gehe ich eben zu ihr." Und so geschah es. In den Sechzigerjahren war er als beinharter Verteidiger mit Dynamo Dresden zweimal Meister geworden. Umstritten ist seine Stasi-Mitarbeit in den Siebzigerjahren. Ab 1975 war Geyer Trainer, ab 1986 Dresdner Cheftrainer und 1989/1990 DDR-Nationaltrainer. Energie Cottbus führte er von der Regionalliga bis in die Erste Bundesliga, wo sich der finanzschwache Verein immerhin drei Jahre lang halten konnte. Danach arbeitete "Ede" Geyer, wegen seiner feldwebelhaften Attitüde nicht bei allen Spielern beliebt, noch in Dubai, in Leipzig und Dresden, jeweils nur kurz. Inzwischen ist er 71 Jahre alt und lehnte vor einigen Jahren ein Angebot als Trainer in Vietnam ab - seine Frau sagte nein.
Jörg Berger zählte zu den wenigen ostdeutschen Trainern, die sich in der Bundesliga durchsetzen konnten. In den Sechzigerjahren spielte er in Leipzig in der DDR-Oberliga und auch in drei Länderspielen, musste nach einer Verletzung aber aufhören und wurde Trainer. Ein Spiel in Jugoslawien wählte er 1979 zur Flucht in den Westen und übernahm das Zweitligateam von Darmstadt 98. Als "Republikflüchtling" bekam er Morddrohungen und berichtete später auch über einen möglichen Stasi-Giftanschlag 1986, nachdem sich die Berliner Spieler Falko Götz (später ebenfalls Trainer) und Dirk Schlegel ebenfalls abgesetzt hatten. "Meine zwei Halbzeiten" nannte er seine Autobiografie. Berger trainierte, oft als "Feuerwehrmann" und Motivationsspezialist, viele Teams von Eintracht Frankfurt bis zum 1. FC Köln, von Schalke 04 bis Arminia Bielefeld. 2010 starb er an Krebs.
Hans Meyer ist einer der erfolgreichsten und beliebtesten Trainer mit Wurzeln im Osten. Als junger Abwehrmann kickte er in Jena und wurde dort 1971 mit 28 jüngster Trainer der DDR-Oberliga ("Das war, als ob ein 18-Jähriger Schiedrichter wird und dann noch aus der Leichtathletik kommt"). Ab 1999 trainierte er ein Jahrzehnt lang in der Bundesliga, bei Mönchengladbach, Hertha und Nürnberg. Nach seiner letzten Trainerstation wurde er immer wieder mit neuen Ämtern in Verbindung gebracht, die er aber nie antrat. Bekannt machten Meyer auch sein eckiger Humor, seine Qualitäten als zuverlässiger Sprüchelieferant à la "Bis 1990 habe ich nicht für Geld, sondern für den Sozialismus gearbeitet". Oder: "Im Trainingslager haben wir ein Kicker-Turnier gemacht, vielleicht war das der Schlüssel zum Erfolg." Oder: "Der Fußball hat bei uns einen Stellenwert, der gar nicht statthaft ist - für das bisschen Arschwackeln." Oder: "Ich musste lesen, dass sich der Meyer für klassische Musik interessiert. Da lachen sich ja alle, die mich kennen, halbkrank! Fürs Kulturelle ist eher meine Frau zuständig." Oder: ¿Meyer ist kein Name, sondern ein Sammelbegriff.¿
(Texte: Jochen Leffers)