Paul Singer und Thyssenkrupp Ein Investor, der den Streit sucht
Paul Elliott Singer: Der 73-Jährige kauft Aktien von angeschlagenen Unternehmen oder Anleihen von Staaten, die kurz vor der Insolvenz stehen. Erholt sich das Unternehmen, kann der promovierte Jurist und studierte Psychologe die Aktien gewinnbringend verkaufen. Im anderen Fall zerschlägt er den Betrieb und verklagt den Schuldner. Dabei zeigt er eine ungeheure Ausdauer und Unnachgiebigkeit.
Neu auf der Liste von Singers Opfern steht Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger: Der Elliott-Fonds besitzt zwar seit Ende Mai nur einen Anteil von weniger als drei Prozent; das hinderte Singer aber nicht daran, mit drastischen Forderungen vorzupreschen - darunter die Ablösung von Hiesinger. Der bat Anfang Juli nun tatsächlich um Auflösung seines Vertrags.
Bei Hyundai Motor griff Singer ebenfalls massiv ein: Im April 2018 kaufte er Hyundai-Aktien im Wert von einer Milliarde Dollar - und startete sofort eine Kampagne gegen die geplante 8,8 Milliarden Dollar teure Restrukturierung. Der südkoreanische Autohersteller knickte schließlich ein. Der geplante Umbau hätte der Hyundai-Gründerfamilie mehr Kontrolle über wichtige Unternehmensteile gegeben.
Nebenbei ärgert Elliott den finnischen Energieversorger Fortum, der gerade das von Eon ausgegliederte Geschäft mit klassischen Kraftwerken übernehmen will. Singers Fonds stieg im Dezember 2017 bei Uniper ein, während das Übernahmeangebot von Fortum lief. Zusammen mit dem Uniper-Management ärgert er jetzt die Finnen mit allerlei Schikanen und treibt den Preis für eine Mehrheitsübernahme hoch.
Im August 2017 knickte der weltgrößte Bergbaukonzern BHP Billiton ein. Nach mehreren bösen Briefen von Singers Anwälten trennt sich das britisch-australische Unternehmen von seinem Schieferölgeschäft in den USA. Und das, obwohl Singer lediglich fünf Prozent der Aktien besitzt. Singer hatte den Druck auch mit öffentlichen Vorwürfen verstärkt. Der BHP-Führung warf er vor, durch schlechtes Management mehr als 40 Milliarden Dollar Aktienwert vernichtet zu haben.
Beim deutschen Arzneimittelhersteller Stada ist Singer im Juli als Großaktionär eingestiegen - gerade, als der Übernahmekampf verschiedener Finanzinvestoren entschieden schien. Die Käufer Bain Capital und Cinven zahlten am Ende einen deutlichen Aufschlag für das 15-Prozent-Paket, ohne das sie Stada nicht hätten übernehmen können.
Klaus Kleinfeld: Der ehemalige Siemens-Chef musste im April seinen Posten als CEO des US-Metallkonzerns Arconic räumen. Kleinfeld hatte zuvor einen Brief an Elliott geschrieben, und darin Singer direkt angegriffen, der monatelang einen Umbau des Führungsgremiums gefordert hatte. Doch mit dem Brief überschritt Kleinfeld eine rote Linie. Inzwischen hat sich der Deutsche gütlich mit Arconic geeinigt und eine neue Karriere gestartet: als Manager eines milliardenschweren Entwicklungsprojekts in Saudi-Arabien.
Auch bei dem Lübecker 3D-Druckspezialisten SLM Solutions, den der US-Konzern General Electric 2016 kaufen wollte, schoss Singer quer. Doch diesmal ging die Strategie nicht auf: Nachdem Elliott 20 Prozent der SLM-Aktien gekauft hatte, blies GE die Übernahme ab - und kaufte stattdessen den Konkurrenten Concept Laser.
Auch der Porsche-Clan stand schon auf der Liste des umtriebigen Hedgefonds: Singer hatte von der Übernahme Volkswagens durch Porsche profitieren wollen, verlor aber viel Geld nachdem der Angriff gescheitert war. Neben der Porsche Holding verklagte der Milliardär danach auch Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche persönlich auf 1,8 Milliarden Euro Schadensersatz.
Bei der Übernahme des Pharmahändlers Celesio durch den US-Konzern McKessen mischte Singer ebenfalls mit. Der Deal scheiterte im ersten Anlauf vor allem, weil sich Celesio-Aktionär Singer querstellte, um den Preis für seine Anteile in die Höhe zu treiben. Dass hinter den Kulissen wenig später doch noch eine Lösung gefunden wurde, dürfte insbesondere daran gelegen haben, dass ein Scheitern des Geschäfts auch für den Hedgefonds teuer geworden wäre.
Kabel Deutschland gehört ebenso zu den Opfern Singers: Nachdem Vodafone im Juni 2013 seine Übernahmeofferte für den deutschen Netzbetreiber abgegeben hatte, begann Singers Elliott-Fonds sukzessive seinen Anteil an Kabel Deutschland aufzustocken. Gleichzeitig versuchte Elliott, das Geschäft über die Medien zu torpedieren. Singers erkennbares Ziel dabei erneut: Den Preis für die Kabel-Aktien in die Höhe zu treiben.
Doch nicht nur Unternehmen macht Singer das Leben schwer, sondern auch ganzen Staaten. Legendär ist die Auseinandersetzung mit Argentinien. Als das südamerikanische Land 2001 Insolvenz anmeldete, kaufte Elliott zahlreiche Staatsanleihen auf. Während ein Großteil der Gläubiger später dem Land den Großteil seiner Schulden erließ, verklagte Singer Argentinien auf Zahlung von 1,3 Milliarden Dollar - und gewann. Seine Rendite: über 1000 Prozent.
In der Republik Kongo ging Singer ähnlich vor: Ende der 1990er Jahre kaufte Elliott zu einem Schnäppchenpreis Staatsanleihen im Nennwert von 30 Millionen Dollar. Wieder klagte er auf vollständige Rückzahlung. Schließlich entschied ein britisches Gericht, dass der Schweizer Rohstoffkonzern Glencore 39 Millionen Dollar, die das Unternehmen eigentlich an den Kongo für zwei Öllieferungen zahlen sollte, an eine Elliott-Tochter zu überweisen habe.
Auch Samsung hat der Hedgefonds Elliott ins Visier genommen. Singer forderte das ohnehin um das Erbe des Patriarchen Lee Kun-hee ringende südkoreanische Konglomerat im Herbst 2016 auf, sich neu zu strukturieren und aufzuspalten. Die vorgeschlagene Struktur mit einer operativen Einheit rund um Smartphones und Consumer Electronics und einer Holding verspreche Steuervorteile, so Elliott. Anschließend forderte er eine Sonderdividende für die Aktionäre.
Die Liste der Firmen und Staaten ließe sich noch weiterführen. Seit 1977 ist Paul Singer jedenfalls mit diesem Geschäftsmodell erfolgreich. Inzwischen wird sein Vermögen auf 2,8 Milliarden Dollar geschätzt, auf der Forbes-Liste der reichsten Amerikaner steht er auf Platz 272.