Taylor Swift und Co Das sind unsere Pop-Persönlichkeiten 2017
Die recycelte Taylor Swift
Seien Sie ehrlich: Hätten Sie gemerkt, dass "the old Taylor" tot ist? Uns wäre es 2017 ziemlich sicher entgangen. Aber genau deshalb spricht es "the new Taylor" Swift auf ihrer Single "Look What You Made Me Do" wohl auch so deutlich aus: "I'm sorry, the old Taylor can't come to the phone right no. Why? Oh! 'Cause she's dead!" Mit großer Geste kleine Veränderungen vornehmen: Das ist das Muster von Taylor Swifts Karriere. Erst bisschen weniger Country, bisschen mehr Pop; jetzt bisschen weniger 80s, bisschen mehr 90s - von der Popkritik jeweils atemlos ausgedeutet als bedeutender power move vom größten Popstar der Welt. Fast könnte man Mitleid mit Lady Gaga bekommen, die sich für denselben Effekt noch Fleischlappen und Kermit-Puppen überwerfen musste. 2017 zeigte sich allerdings auch der Irrsinn von Swifts furios inszeniertem Wischiwaschitum: Innerhalb weniger Monate wurde sie sowohl auf dem "Time"-Cover als "MeToo"-Pionierin gefeiert als auch zur "Alt-Right"-Ikone erklärt . Vielleicht auch eine Art von "winning the year"? Mehr 2017 als Taylor Swift kann jedenfalls kein Mensch sein. Hannah Pilarczyk
Der Mann, der die Oscars kaputt machte
Brian Cullinan. Diesen Namen müssen Sie sich nicht merken. Er wird bei keiner nennenswerten Gelegenheit noch einmal öffentlich auftreten, nicht bei einer Konferenz, nicht bei einem Sportevent und schon gar nicht bei den Oscars. Cullinan war es nämlich, der Faye Dunaway und Warren Beatty den falschen Umschlag reichte und so dafür sorgte, dass erst "La La Land" als bester Film ausgerufen wurde, bis der Fehler korrigiert und "Moonlight" als der wahre Sieger verkündet war. Später kam heraus, dass Cullinan abgelenkt war, weil er Backstagefotos von Emma Stone twitterte. Als Weißer mit seinem Handy beschäftigt zu sein, während Schwarze vor einem (Film-) Geschichte schreiben: Die Oscars 2017 waren eine der bittersten Anekdoten für unsere Zeit. "We stuck in La La Land/Even when we win, we gon' lose" (Jay-Z, "Moonlight") Hannah Pilarczyk
Die Frau mit dem mutigen Mundwerk
Immer perfekt frisiert, immer in irgendwas Teurem gewandet, und dann noch dem Göttergatten den selbst gemachten Auflauf hinterhertragen. Gleichberechtigung geht anders. Ok, ein wenig Zeit geben muss man Midge Maisel schon, schließlich ist sie die Hauptfigur einer Amazon-Serie , die in den Fünfzigern spielt. Aber dann, aber dann! Dann entdeckt sie ihre Stimme. Steht auf der Bühne, macht dreckige Witze, lacht am Lautesten drüber und reißt mit diesem unfassbaren Mundwerk auf die vergnüglichste Weise die Welt ein, in der sie es sich selbst so gemütlich gemacht hat. Midge ist die ungewöhnlichste Sexismus-Vorkämpferin des Jahres. Gute Laune und herzhaftes Lachen in diesen Zeiten? Bitte hier entlang. Oliver Kaever
Der verwirrte Linke
Stell dir vor, es ist Revolution und sie kommt nicht von links. Unvorstellbar? Leider nicht. Wie hilflos Linke mit dem Rechtsdruck von Identitären und AfD-Vordenkern wie Götz Kubitschek umgehen, zeigte sich nicht zuletzt beim planlosen Protest auf der Frankfurter Buchmesse . Danach lasen erst mal alle das schön dialektische Selbsthilfebuch "Mit Rechten reden" und versuchten sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass man als Linker im Jahre 2017 nicht mehr Avantgarde und Widerstand verströmt, sondern als Benimmregeln und Gender-Sternchen verordnendes Establishment-Biedermann gilt, gegen das ein libertärer Haufen Rechter mit wachsendem Durchsatz in der Bevölkerung mobil macht. Aus der Politik kommt keine Hilfe im Diskurs: Die Linkspartei zieht sich in Stalin-Konservatismus zurück, die SPD...? Lassen wir das. Vorsatz für 2018: Argumente für die Gegenrevolution sammeln. Andreas Borcholte
Das rechte Opfer
Die armen, armen Rechten. Niemand spricht mit ihnen. Und ständig müssen sie Angst haben, dass sie Dinge nicht sagen dürfen. Deswegen nennen sie selbst sich auch die "Abgehängten" , weil sie in einem "grün-versifften, Political Correctness-Mainstream" sich selbst und ihre Themen nicht wiederfinden. Sie wollen doch nur die gute alte Herrschaftsordnung wiederherstellen und werden dafür ständig beleidigt: als Faschisten, als Rechtsradikale, als Nazis. Wenn irgendjemand im Jahr 2017 Opfer war, dann wohl: der Rechte. Dabei hat er immer gesprochen, gegrölt, gekokelt - und alle haben ihm zugeschaut. 2017 ging es eigentlich nur um ihn. Kleiner Tipp für 2018: Niemand ist ein Opfer, nur weil er es selbst ständig behauptet. Ach ja, und Opfer ist übrigens keine Identität. Enrico Ippolito
Der Italo-Gangster aus Berlin-Neukölln
Er kommt wütend aus dem Knast - und kauft erstmal für seine Tochter ein rosa Kinderfahrrad, das er mit feuchten Augen durch die halbe Stadt trägt. Er fordert von einem Barbesitzer brachial Schutzgeld - und ordert erstmal drollig eine Fanta. Er kontrolliert mit eiserner Hand die Stripbars und Drogen-Hotspots von Neukölln - aber zuhause im 4-Zimmer-Altbauspießerglück gibt er den zärtlichen Ehemann. Ali "Toni" Hamady aus dem deutschen Serienmeisterwerk "4 Blocks" ist eine Figur wie aus einem klassischen Gangstermelodram: harter Hund und sentimentaler Familienmensch. Der deutsch-libanesische Schauspieler Kida Khodr Ramadan spielt den deutsch-libanesischen Clan-Chef gekonnt als Paten und GoodFella, der mit ansehen muss, wie das von ihm nach eigenen Regeln geschaffene Rotlichtreich vor die Hunde zu gehen droht. Eine Figur larger than life - und trotzdem wie aus der Berliner Gegenwart gegriffen. Ein großer Pop-Moment im deutschen Fernsehen, das es durch die TNT-Serie im ausklingenden Jahr kurz einmal mit dem italo-amerikanischen Gangsterkino aufnehmen konnte. Christian Buß
Die starke Amazonenprinzessin
Sobald eine Protagonistin nur ordentlich verdrischt, ist ein Actionfilm gleich ein feministisches Manifest? Naja. Häufig werden halt doch nur plump Standards nachgeahmt, die schon männliche Helden etabliert haben. Vielschichtiger: "Wonder Woman" . Umgeben von kämpfenden Frauen wächst die Amazonenprinzessin (Gal Gadot) in dem unerschütterlichen Wissen um die eigene Stärke auf. Und bleibt auch dann ganz bei sich, als sie in die Realität des Ersten Weltkriegs tritt: Dass sie selbst wenig Schimmer von den Regeln des männlich-weiblichen Miteinanderlebens hat, wird nicht veralbert, sondern fein ironisiert. Und dass sie die Menschheit retten kann, stellt sie selbst nie in Frage, während der Kerl an ihrer Seite sehr viel länger braucht, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen - und zunehmend ulkig auch dann noch darauf beharrt, sie zu beschützen, als sie ihm schon x-mal das Leben gerettet hat. Am Ende wurde "Wonder Woman" von Patty Jenkins zum erfolgreichsten Kinostart einer Regisseurin überhaupt, obwohl Stimmen zuvor vor weiblichen Superhelden als Kassenflops gewarnt hatten. Auch hier stimmt also: Alle sagten, das gehe nicht. Dann kam eine Wonder Woman, die wusste das nicht, und hat es einfach gemacht. Eva Thöne
Der ahnungslose Katzenmann
Sie schreiben sich wochenlang Insider-Jokes über seine Katzen, die hohe Erwartungen an eine gemeinsame Ebene wecken. Beim ersten Date wird aber klar, dass da doch kaum Anziehung ist. Trotzdem landen Margot und Robert im Bett. Obwohl er küsst wie eine menschliche Bohrmaschine. Dass sie keinen Weg findet, um den folgenden Sex abzumoderieren, ist erschreckend. Noch übler, dass Unzählige die Situation kennen: "Cat Person" war 2017 die meistgelesene Kurzgeschichte aus dem Magazin "New Yorker" . Die Autorin Kristen Roupenian legt hier eine Sprachlosigkeit offen, hinter der sich ein Machtgefälle versteckt. Sie will ihn nicht kränken, spielt mit, bis sie sich entziehen kann - was er wiederum nicht versteht, in seinen Augen lief es doch so gut. Und etwas bei ihm aushakt. Wo verläuft die Grenze zwischen eigenem Begehren und dem antrainierten Bedürfnis, der Lust des Manns zu dienen? Und wie können wir über Sex sprechen, damit am Ende nicht nur Zerbrochenes bleibt? "Cat Person" war Fiktion, wurde aber von vielen als Essay wahrgenommen, weil die Geschichte so nah an der Lebensrealität spielt. Vielleicht sollten wir 2018 daran arbeiten, dass "Cat Person" eine Fantasie bleibt. Eva Thöne
Der "Despacito"-Macho
Mit der #MeToo-Debatte ändert sich der Zeitgeist, dem Sexismus notgeiler Männer schlägt das letzte Stündchen? Hoffentlich. Endlich. Vielleicht kann und muss man den weltweit größten Pophit 2017 daher als letzte große Erektion begreifen. "Despacito" von Luis Fonsi, im Januar veröffentlicht, ist mit über vier Milliarden YouTube-Abrufen der mit Abstand erfolgreichste Song des Jahres - und handelt von schwülstiger Anmache in klebrigster Körpersaft-Prosa: "Schön langsam" will der Latino-Macho seine Angebetete verführen, er will "sehen, wie viel Liebe in dich passt", bis sie "schreit und ihren Nachnamen vergisst". Diesen Date-Rape-Song haben wir also den ganzen Sommer über mitgesungen und dabei unschuldig die Hüften im Reggaeton-Takt geschwungen? Ups. Vorsatz für 2018: Spanisch lernen. Andreas Borcholte
Der, der alles verloren hat
Einst war er auf dem Zenit seines Ruhmes: Sein legendärer Plattenladen lockte alle möglichen Leute an, er selbst war Mitglied einer Pariser Rockband und auch mit den Frauen lief es. Jetzt ist er am Ende: Vernon Subutex bekommt kein Arbeitslosengeld mehr, fliegt aus seiner Wohnung und ist nun ein Obdachloser. Er tingelt von Bekannten zu Freunden, schläft auf der Couch, gibt vor, nicht verarmt zu sein und manchmal schläft er mit seiner Gastgeberin. Die französische Autorin Virginie Despentes benutzt Vernon Subutex als Vehikel für ihren Roman und öffnet mit ihm auch Räume für andere Personen und deren Geschichten: Trans*Ex-Pornodarsteller, radikale Muslima, großgeratene Obdachlose, rechtsradikale und frauenverachtende Drehbuchschreiber. All diese Fäden verknüpft Despentes zu einem Panorama unserer Gesellschaft zusammen. Am Ende laufen alle wieder gekonnt zu Vernon Subutex, dem es immer noch beschissen geht. Enrico Ippolito