Sütterlinschrift Wenn der Keks zum Looping ansetzt
Störrisches S: In "Keks" (das linke Wort) beginnt es links unten, macht einen Looping, schießt nach rechts oben, tropft in einer Rechtskurve aus. In "Kekse" (rechtes Wort) wächst es bis auf die Größe eines Großbuchstabens an und rast dann senkrecht hinab bis in Tiefen, in die sonst nur j und y kommen. Hannelore Faroß, 79, macht an der Tafel vor, wie es geht. Sie unterrichtet Sütterlinschrift an der Volkshochschule Norderstedt und transkribiert alte Briefe und Tagebücher für Menschen aus aller Welt. mehr...
Links die Quelle, rechts das G: Wer hätte gedacht, dass G und Q so ähnlich sein können? Für Hannelore Faroß ist das selbstverständlich - sie hat die Sütterlinschrift noch in der Schule gelernt.
Fleißige Schüler: Fünfmal zwei Stunden, dann können die Schützlinge von Hannelore Faroß fast so gut schreiben wie ihre Vorfahren - und Tagebücher, Briefe oder Rezepte von Opa, Tante oder Uronkel lesen. Jeder hier hat ein Erbstück zu Hause, das er nicht lesen kann. Martina Petzold möchte ein Poesiealbum der Großmutter entziffern, Hans Baierlein alte Briefe.
Junglehrerin mit 73: Hannelore Faroß hat bis zu ihrer Pensionierung als Sekretärin gearbeitet, zur Lehrerin wurde sie erst im Alter von 73 Jahren. Jetzt ist sie 79 - und will noch lange Sütterlinschrift unterrichten: "Wer soll denn sonst die ganzen Zeitdokumente lesen?"
Strenger Unterricht: Faroß hat klare Vorstellungen, wie man Sütterlin lernt - Leseübung, Diktat, Leseübung, Diktat. Dazwischen geht sie von Heft zu Heft und kontrolliert.
Zurück in die erste Klasse: Die Schüler von Faroß schreiben in Erstklässlerhefte, damit bei den Buchstaben die Proportionen stimmen. Hans Baierlein nimmt den Bleistift, so kann er Fehler schnell wegradieren.
Alphabet für Anfänger: Die Sütterlinschrift wurde von Ludwig Sütterlin 1911 ausdrücklich für Schulanfänger geschaffen. 30 Jahre später wurde sie von den Nationalsozialisten aus den Schulen verbannt.
Treffpunkt Altenheim: Peter Hohn ist promovierter und pensionierter Physiker und Betriebswirt - und Vorsitzender des Vereins Sütterlinstube, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alte deutsche Handschriften in lateinische Buchstaben zu übertragen. Einmal pro Woche treffen sich die 28 Vereinsmitglieder im Hamburger Altenzentrum Ansgar, dann verteilt Hohn die Aufträge, die in der Vorwoche aus aller Welt eingetrudelt sind.
Briefe aus Waterloo: Mehr als 1500 Aufträge haben Hohn und seine Vereinskollegen in den vergangenen elf Jahren bearbeitet. Und jede Woche kommen neue Dokumente, per Post oder E-Mail, aus Deutschland, aber auch aus den USA, Mexiko, Brasilien oder Australien. Das Buch "Letters from the Battle of Waterloo" ist aus einem Tagebuch entstanden, das die Mitglieder der Sütterlinstube transkribiert haben.
Vereinskollegen: Die Sütterlinstube ist ein gemeinnütziger Verein, Transkriptionen gibt es gegen eine Spende. Und die geben die Mitglieder an ein Hamburger Altenheim weiter. Die Summe ist jedes Jahr so hoch, dass schon mehrmals das Finanzamt nachgefragt hat, was die da eigentlich treiben: Hannelore Faroß, Barbara Sommerschuh, Heinz Timmann, Helga Nietsch, Peter Hohn, Margarete Hohn, Gerhard Koerth, Hermann Dust, Ulrich Jäckstein (von links nach rechts).