Die Bilderbuchstadt Geplant, gebaut, gesunken
Daheim bin ich König! Als 1996 die ersten Bewohner einzogen, reichte vielen der Name Disney als Garantie für das Sozialidyll, das ihnen versprochen worden war: In Celebration würde es keine Verbrechen geben, keine herumlungernden Arbeitslosen, keine abgewrackten Autos - Disney würde darüber wachen. Dass ihnen der Medienkonzern außerdem viele weitere Entscheidungen abnahm, beispielsweise die, welche Farbe die Vorhänge in den Fenstern haben durften oder welche Länge der Rasen im Vorgarten, nahmen die "Celebrationites" im Gegenzug bereitwillig in Kauf.
Zuhause ist, wo die Hypothek ist: In Disneys Musterstadt zu leben ließen sich die ersten Einwohner einiges kosten. 1996 lag der Preis für ein Haus in Celebration 30 Prozent über dem regionalen Durchschnitt.
Hauptstraße: Jede waschechte amerikanische Kleinstadt braucht eine "Main Street". In Celebration trägt sie jedoch einen anderen Namen. "Market Street" heißt die zentrale Verkehrsader im Stadtinneren. Der Name "Main Street" war bereits vor hundert Jahren an die Nachbarstadt Kissimmee vergeben worden. Die offizielle Regelung verbietet die Wiederholung eines Straßennamens innerhalb des gleichen Bezirks.
Blick auf die Market Street: "Die Straße ist der Schlüssel zu allem, was wir hier erreichen wollen", erklärte Robert A.M. Stern, der gemeinsam mit Jaquelin Robertson große Teile von Celebration entworfen hatte. Auf der zentralen Verkehrsader der Innenstadt befinden sich nicht nur Einkaufsmöglichkeiten, Cafés und Restaurants, hier wurden auch viele öffentliche Feste begangen. Hollywood lässt grüßen: In den Straßenlaternen befinden sich Leitungen, mit denen während der Weihnachtsfeiertage Seifenschaum auf die Straße gesprüht wurde, um im subtropischen Florida Schnee zu simulieren. Auch das jährliche "Oktoberfest" wird hier gefeiert.
Ebnet Golfspiel den Weg zum Erfolg? Die "Celebration Independent" informiert und berät. Neben den aktuellsten Ereignissen des Gemeinschaftslebens wird auch über laufende Entwicklungen am Immobilienmarkt berichtet.
Säulenwald: Die Celebration Town Hall, das Rathaus der Stadt, wurde von Stararchitekt Philip Johnson entworfen. Die weißen Säulen erinnern an eine wichtige Tradition: Seit der Zeit von Thomas Jefferson stehen sie in der amerikanischen Architektur für demokratische Werte und sind an vielen öffentlichen Gebäuden zu finden. Johnson ließ in Celebration gleich 52 Stück davon errichten. "Ein Scherz für Eingeweihte?", fragte die "New York Times".
Freizeitvergnügen: Der weiträumige Golfplatz - von der Stadt selbst als Sehenswürdigkeit eingestuft - wurde bereits 1996 eröffnet. Das dazugehörende Clubhaus ist auch heute ein wichtiger sozialer Treffpunkt und Veranstaltungsort.
Nichts zu tun: Für Heranwachsende gab es in Celebration wenig Möglichkeiten, Dampf abzulassen. Das Herumhängen auf der Straße wurde nicht gerne gesehen. Ende der neunziger Jahre kam es zu heftigen Debatten, nachdem sich das Gerücht verbreitet hatte, Überwachungskameras hätten Jugendliche beim Marihuana-Rauchen gefilmt. Treffen wurden abgehalten, bei denen beraten wurde, wie man die jungen Leute von solchen Aktivitäten fernhalten könnte. Sogar die Einführung von abendlichen Ausgangssperren wurden diskutiert. Die Teenager fühlten sich überwacht: "Jeder mischt sich in deine Angelegenheiten", klagten viele.
Harmonisches Miteinander: Auf den Veranden und in den Vorgärten sollten sich die Bewohner Celebrations in guter Nachbarschaft vereinen. Hier würde man sich austauschen, sich unterhalten und gemeinsam Feste feiern - so malte Disney das Bild vom perfekten Kleinstadtidyll und erfand gleich auch einen neuen Begriff dafür: "Frontdoor Friendliness".
Goldgräberstimmung: Mitte der neunziger Jahre versprach sich die Disney Company viel von ihrem jungen Stadtbauprojekt. In Florida, wo viele Menschen unter der Zersiedelung litten und heftig über die unkontrollierte Ausbreitung schäbiger und trister Vorstädte geredet wurde, wollte man mit einem radikalen Gegenentwurf auf sich aufmerksam machen. Celebration war Disneys Prototyp für die perfekte Stadt, dem, sollte das Konzept erfolgreich sein, viele weitere Ableger folgen sollten.
Zeit der Unschuld: Als Paradies für Familien, so sah der Disney-Konzern Mitte der neunziger Jahre seine Vorzeigesiedlung in Florida. Für viele Eltern war die Aussicht ihre Kinder in einer geschützten Umgebung aufwachsen zu sehen, ein wichtiges Motiv, sich auf Celebration einzulassen.
Erziehungseklat: Um die Celebration Highschool entbrannte kurz nach der Eröffnung 1996 ein heftiger Streit. Einige Eltern lehnten die an der Schule angewandten alternativen Lehrmethoden (keine Noten, altersdurchmischte Klassen, Lesenlernen nach der "Ganzwortmethode") ab und äußerten Kritik. Verfechter der Schule bildeten daraufhin eine Front, die sich selbst den Namen "Positive Parents" gab. Der Konflikt eskalierte derart, dass die verfeindeten Gruppen nicht mehr miteinander sprachen und einige Familien Celebration bereits nach wenigen Monaten verließen.
Schulmaskottchen: Im Zuge des Schulstreits, den Celebration innerhalb des ersten Jahres erfasste, wurde auch das Emblem der Sportmannschaft zum Gegenstand der Debatte. Der keineswegs furchteinflößende, sondern friedlich-unbekümmerte Löwe war von einem Disney-Zeichner entworfen worden. Ein solches Maskottchen würde nicht mit dem gewünschten Kampfgeist in Verbindung gebracht werden, meinten Schüler, Eltern- und Lehrervertreter besorgt. Das Wort "Pride" (Stolz) könnte außerdem - so befürchtete man - mit der Schwulenbewegung assoziiert werden.
Ein Spielzeug von einem Postamt: Mit der Planung von Celebration schloss sich die Disney Company dem "New Urbanism" an, einer Ende der achtziger Jahre in den USA entstandenen Städtebau-Philosophie, die gegen Zersiedelung und die uferlose Ausbreitung der Vorstädte ankämpfte. Die fußgängerfreundliche Stadtmitte von Celebration, wo sich neben dem Postamt, dem Rathaus und dem Kino auch eine Reihe kleiner Geschäfte und Restaurants befinden, sollte die Bewohner dazu animieren, auf ihre Autos zu verzichten. Die aber fuhren zum Einkaufen lieber ins nahegelegene Orlando. Denn in Celebration gab es zwar viele Souvenirläden, aber ein Baumarkt oder anfangs auch ein Friseur fehlten.
Zivilisierter Wohntraum: 1991 war der Landstrich südlich des Interstate Highway No. 4 in Osceola County, Florida, nicht mehr als ein wilder Sumpf. Zypressen wuchsen dort und in den stehenden Wässern brüteten Moskitos. 1994 musste die Wildnis weichen. Palettenweise wurde saftiggrüner Rasen angekarrt und wie Teppichboden verlegt. Anstatt der Zypressen wurden Zierpflanzen gesetzt, auch ausgewachsene Bäume, die mit Hilfe von Spezialmaschinen in den Boden gepflanzt wurden.
Disneys Town of Celebration: Bereits 17 Monate nach der Eröffnung von Celebration kamen erste Gerüchte auf, dass sich der Disney-Konzern aus seiner Musterstadt zurückziehen wollte - wohl nicht zuletzt deshalb, weil das Unternehmen in dieser Zeit seinen Firmennamen von Celebration-Werbeplakatwänden entfernen ließ. Tatsächlich wurde das Stadtzentrum im Jahre 2004 an Lexin Capital, einen privaten Immobilieninvestor aus New York, verkauft.