Dörfler auf der Flucht Vorsicht vor Makrelenhechten!
Eigentlich ist Terumi Hangai Lehrer. Er hat vor sechs Jahren in Tamura in der Präfektur Fukushima eine private Nachhilfeschule gegründet, wie es sie in Japan überall gibt. Nur hat Hangai in seine Schule ein Auditorium im europäischen Stil einbauen lassen. "Die Schüler sollen hier Ehrfurcht fühlen, damit sie auch lernen wollen und nicht einschlafen", sagt er. Doch offensichtlich ist die Jugend von Tamura gerade offensichtlich nicht aufs Lernen erpicht,...
...denn Hangai bleiben die Schüler weg. Er hatte seit der Katastrophe vom 11. März viel Zeit, um sich Fachwissen über Radioaktivität anzulesen. Nun fährt der studierte Chemiker durchs Land, um mit Politikern und Experten über die Probleme Fukushimas zu diskutieren - und um den Menschen die Angst vor der Strahlung zu nehmen.
Nicht alles, was aus Fukushima kommt, sei gefährlich, sagt Hangai. Die Messdaten der Regierung zeigten, dass Spinat und Milch inzwischen wieder unbedenklich seien. Hüten sollte man sich allerdings vor Fischgräten, weil sie radioaktives Strontium einlagern. Von Makrelenhechten, die Japaner gern mit Gräten essen, sollte man also besser die Finger lassen.
Solches praktisches Wissen vermittelt Hangai zum Beispiel den Menschen aus dem Dorf Katsurao. Es liegt direkt an der Grenze zur 20-Kilometer-Sperrzone um das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. Die meisten Dörfler sind geflohen und in dieser und anderen Behelfssiedlungen etwa eine Autostunde entfernt untergekommen.
Hisayoshi Matsumoto, 61, hatte noch Glück. Er konnte ein kleines Geschäft eröffnen in der Siedlung, ist also nicht arbeitslos. Doch den neuen Laden und seine Unterkunft findet er sehr eng. Allerdings will er im Moment nicht nach Katsurao zurück - wegen der Strahlung. Sie sei mindestens 20-mal höher als vorher. "Das kann nicht gut sein!" Matsumoto sorgt sich auch um seinen einjährigen Enkel Ikumi.
Das Leben in den Notunterkünften bringt eine Reihe gesundheitlicher Probleme mit sich. Krankenschwester Tomoko Matsumoto (rechts), die mit einem Team die Menschen aus Katsurao betreut, beobachtet hohe Cholesterin- und Blutzuckerwerte, Durchblutungsstörungen und Depressionen. Die Strahlenwerte hingegen seien eher ungefährlich.
Auch Hangai hält die leicht erhöhte Strahlung in Katsurao für weit weniger schlimm als den seelischen und wirtschaftlichen Schaden, den die Flucht der Bewohner mit sich gebracht hat. Katsurao war einst bekannt für seine wilden Azaleen, Fasane und Rotkiefern, wie die Touristenkarte am Dorfeingang verrät.
Jetzt sind fast alle Häuser und Höfe verwaist.
Sogar dieser Tempel ist verlassen. Um dorthin zu kommen, muss man im Winter durch knietiefe Schneeberge stapfen.
Das tut Hangai klaglos in seinen teuren Lederschuhen. Er will Besuchern zeigen, was die Menschen aus der Gegend aufgegeben haben.
In diesem Stall eines wohlhabenden Bauern standen einst wohl mehrere hundert Kühe. Jetzt haben es sich Spatzen in dem Pick-up gemütlich gemacht.
Vor dem Bauernhof steht ein Schild, das Plünderer abschrecken soll: "Überwachungskamera läuft!"
Im Dorfzentrum repariert ein Arbeiter Schäden an einem Hausdach, die das Erdbeben vor fast einem Jahr angerichtet hat.
Direkt daneben sitzen diese Damen in einem Baucontainer. Sie kommen selbst aus Katsurao und wollen helfen, das Dorf gegen Plünderer zu schützen. Deshalb notieren sie die Kennzeichen der Autos, die vor dem Fenster vorbeifahren. Auf ihren blauen Westen steht in Dialekt: "Nicht aufgeben, Katsurao".
Sie haben sich den Container so heimelig eingerichtet, wie sie konnten - mit Kuscheltieren und drei selbstgenähten Stoffeulen.
Die Eulen hat Yukimi Yoshida gemacht. Sie ist froh, dass sie den Job bei der Bürgerpatrouille hat. Vor dem Beben hat sie in einem Laden im Dorf Reiskuchen verkauft. Ihr Haus ist eines der wenigen, das jenseits der Straßensperren innerhalb der Sperrzone liegt.
An einer der Sperren hat Hangai vorhin die Radioaktivität gemessen: 2,18 Mikrosievert pro Stunde.
An einem Baumstamm in der Nähe waren es sogar fünf Mikrosievert. Das ist weit mehr als die natürliche Strahlenbelastung vor dem Beben. Allerdings gibt es Orte auf der Welt, wo aufgrund natürlicher radioaktiver Stoffe im Boden die Belastung dauerhaft bis zu zehn Mikrosievert pro Stunde beträgt.
Hangai erzählt den Menschen aus Katsurao solche Dinge, um ihnen zu helfen, in ihr altes Leben zurückzufinden. Er sagt Sätze wie: "Alles unter zehn Mikrosievert pro Stunde ist unbedenklich." Kein Politiker und kein Wissenschaftler wolle die Verantwortung dafür übernehmen. "Also tue ich es!"
Mit seinem Charme und seinem glucksenden Lachen gewinnt Hangai das Vertrauen der Leute. Auch die drei Damen im Baucontainer wirken fröhlicher nach seinem Besuch.
Hangai hat selbst einige Jahre in Katsurao gelebt, bis er sich von seiner ersten Frau trennte und das Dorf verließ. Nach Jahren wieder vor seinem alten Haus zu stehen, sei ein "kompliziertes Gefühl", sagt Hangai. Genauer kann er es nicht in Worte fassen.
Hangai hatte anfangs auch Angst vor der Strahlung. Er erzählt, wie er schließlich für ein paar Tage nach Yokohama geflüchtet ist - und einige Orchideen aus seinem Gewächshaus mitgenommen hat. Orchideen sind Hangais Hobby. Außerdem kennt er sich mit Pilzen aus und sammelt alte Uhren.
Dass Fukushima in Sachen Strahlung mit einem blauen Auge davongekommen sei, habe er im April gemerkt, erzählt er. Seither bemüht er sich pausenlos, das beschädigte Image der Präfektur zu reparieren.