Donaldismus in Deutschland - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Donaldismus in Deutschland "Willenlose Werkzeuge von Entenhausen"

Hat Donald Duck Sex? Trägt Daniel Düsentrieb ein Toupet? "D.O.N.A.L.D." ist eine Gruppe kluger Köpfe, die seit 35 Jahren ihr Leben dem Studium der Disney-Enten widmet. Auf einestages erklärt ihr Gründer Hans von Storch, wie man eine Comicwelt erforscht - und warum es Entenhausen wirklich gibt.
1 / 20

Wie weit ist Entenhausen entfernt? Keinen einzigen Meter. Denn unsere Welt ist Teil des Universums, in dem Donald Duck lebt - das glaubt jedenfalls Hans von Storch. Anders ließe sich kaum erklären, warum in Entenhausen Dinge möglich seien, die den Naturgesetzen widersprechen.

In seinem Aufsatz "Klima in Entenhausen" erklärte Storch 1978, warum ein zerrissener Zettel in Entenhausen unbeschädigt wieder auftauchen kann: Der zweite Satz der Thermodynamik, ein Grundgesetz der Physik, gilt dort nicht. Daraus folgert Donaldist Storch: Wenn in Entenhausen bestimmte physikalische Gesetze nicht gelten, muss unsere beschränktere Welt ein Teil des Entenhausen-Universums sein.

"Donald Duck", Ausgabe 282, USA 1994

2 / 20

Sind die Storys aus Entenhausen nur ausgedacht? Überzeugte Donaldisten beantworten diese Frage mit einem klaren Nein. Sie verehren den US-amerikanischen Comic-Zeichner Carl Barks und Erika Fuchs, die deutsche Übersetzerin seiner Geschichten. Die Entenforscher halten das Duo für Propheten, die in ihren Geschichten niedergeschrieben haben, was sie zuvor als Nachrichten aus dem real existierenden Entenhausen erhalten habe.

Barks hat zwischen 1943 und 1966 in rund 700 Geschichten Figuren wie Dagobert Duck, die Panzerknacker und Daniel Düsentrieb erschaffen. Fuchs hat von 1951 bis 1988 als Chefredakteurin des deutschen "Micky Maus"-Magazins die Comics aus der Feder Barks' ins Deutsche übersetzt. Barks starb 2000 mit 99 Jahren, Fuchs fünf Jahre später 98-jährig.

Zeichner Carl Barks und Übersetzerin Erika Fuchs 1994 in München

Foto: dpa
3 / 20

Was liegt wo in Entenhausen? Jürgen Wollina und Christian Pfeiler analysierten in einer 13 Jahre dauernden Studie die Zeichnungen von Carl Barks. Das Ergebnis: "Der einzig wahre Stadt- und Umgebungsplan von Entenhausen". 52.000 Comic-Bilder analysierte das Duo, legte einen 740 Seiten umfassendes "bildgenaues Barks/Fuchstext-Stichwortregister" an. Kartograf Wollina gründete dafür eigens das Forschungsinstitut M.Ü.C.K.E. - "Meisterhafte Überarbeitung chaotischer Kartengrundlagen Entenhausens".

Zentrales Ergebnis der Studie: Zeichner Barks hatte wohl nie eine Vorstellung davon, wie Entenhausen aussieht. So erklärt sich auch, dass Donald Duck laut der Karte 33 Mal umgezogen ist. Für seine Fleißarbeit erhielt Wollina 2009 den "Professor-Püstele-Preis" der deutschen Donaldisten.

Beilage in "Der Donaldist", Sonderheft 55, Dezember 2009

4 / 20

Was ist das allwissende Pfadfinder-Handbuch wirklich? Tick, Trick und Tracks schlaues Buch vom Fähnlein Fieselschweif weiß einfach alles. Egal, ob es sich um eine Anleitung zum Brückenbauen oder Soforthilfemaßnahmen für den Fall, dass sich eine Schildkröte im Entenschnabel verbissen hat, handelt.

Wie kann das sein? Das Rätsel konnte erst nach Jahrzehnten gelöst werden. Laut Hans von Storch handelt es sich um ein Smartphone. Carl Barks konnte das Gerät nur nicht richtig wiedergeben, weil es diese Technik in unserer Welt noch nicht gab.

"Lustiges Taschenbuch", Ausgabe 412, Deutschland 2011

5 / 20

Haben die Comic-Enten ein Gebiss? Wenn die Ducks sauer sind, sind häufig große Beißer zu sehen, beim Singen hingegen ist der Schnabel zahnfrei. Donaldist Storch erklärt das Phänomen so: Im Fall von Wut lösen biochemische Prozesse ein erektionsartiges hervorgedrückt werden der Zähne aus dem Schnabel aus.

Auch Forscher Patrick Martin hat die Zahn-Frage in seiner Studie "Die Morphoteltheorie" behandelt: Demnach haben die "Pseudozähne", die nicht zum Kauen verwendet würden, lediglich eine "soziale Funktion". Sprich: Sie kommen nur zum Vorschein, um Stimmungen auszudrücken.

Szene aus dem Disney-Film "Donald Duck als Sonntagsjäger", 1968

Foto: Disney/ddp images
6 / 20

Was für ein Skelett steckt in Donald und Co.? Donaldist Patrick Martin hat sich mit den Körpern der Entenhausener beschäftigt. Der Titel seiner Abhandlung: "Die Morphoteltheorie". Dieser Theorie zufolge hat Donald Duck zwar ein Skelett, aber sein Körper ist enorm verformbar. Die Körper der Entenhausener lassen sich aufblasen, überstehen Explosionen unbeschadet oder können ihre Entenschnäbel kräuseln.

Martin leitet von dieser Körperbeschaffenheit auch die Langlebigkeit der Comic-Figuren ab: Tick, Trick und Track etwa würden deshalb extrem langsam altern. Martin, der bisweilen auch unter dem Nachnamen Hawking veröffentlicht, schreibt seinen Vornamen in Anlehnung an Donalds Neffen Trick stets "paTrick".

Donald-Duck-Skelett des südkoreanischen Künstlers Hyungkoo Lee im August 2008, Naturhistorisches Museum Basel

Foto: dpa
7 / 20

Trägt Daniel Düsentrieb ein Toupet? Weil der Haarschopf des Erfinders in den siebziger Jahren in Schrecksekunden hochflog, beschäftigte diese Frage Donaldisten über Jahrzehnte. Andreas Platthaus, "Ehrenpräsident" der Donaldisten und Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", löste das Rätsel 2009 in einem Blog-Eintrag unter dem Titel "Wie der Donaldismus forscht - und warum der Donaldist es manchmal nicht tut".

Die gesichteten Zeichnungen stammten laut Platthaus nicht von Zeichner Carl Barks und seien daher auch keine donaldistische Forschungsgrundlage. In Barks Zeichnungen von Düsentrieb sei aber bisweilen zu sehen, dass dem Genie die Haare zu Berge stehen. Platthaus folgerte daraus: Düsentriebs Haare sind echt, denn eine Perücke kann nicht zu Berge stehen.

"Barks Library Spezial", Daniel Düsentrieb, Ausgabe 4, Deutschland 1994

8 / 20

Haben die Comic-Enten Sex? Elke Imberger und Hans von Storch gingen dieser Frage 1982 leider erfolglos nach: Wie beispielsweise Donalds Neffen Tick, Trick und Track entstanden sind, erklärten sie in ihrer Untersuchung mit dem Titel "Sexualität in Entenhausen" nicht.

Auffällig ist aber: Der Duck-Kosmos kennt keine Väter und Mütter - sondern ist eine Onkel-Gesellschaft. Donald-Forscher Storch hält es daher sogar für möglich, dass die Enteneier, aus denen die Figuren schlüpfen, industriell gefertigt werden.

"Der Hamburger Donaldist", Ausgabe 32, Deutschland 1981

9 / 20

Gibt es Entenhausen wirklich? Patrick Martin bewies 2000 die Existenz der Heimat von Donald und Konsorten - und zwar im Rückgriff auf die Physik: Martin behauptete, dass es möglicherweise nicht nur einen Urknall gegeben habe, sondern bis heute immer wieder neue Universen entstünden.

In einem davon existiert demnach Entenhausen als "stella anatium" - lateinisch für "Entenstern". Für seinen Aufsatz mit dem Titel "Quantenchronodynamik des Stella-anatium-Universums" erhielt Martin 2001 den "Professor-Püstele-Preis". Der Geehrte schreibt seinen Vornamen in Anlehnung an Donald Ducks Neffen Trick übrigens stets "paTrick".

"Reiseführer Entenhausen - Die schönsten Sehenswürdigkeiten", Deutschland 2010

10 / 20

Taugt das System Entenhausen zum politischen Vorbild? Ja, meint zumindest Detmar Doering. Denn die Stadt der Ducks sei liberal, tolerant und kapitalistisch. Obwohl ein einzelner Mann - Dagobert Duck - fast alles besitzt, ist jeder zufrieden.

Das Fazit in Doerings Aufsatz mit dem Titel "Entenhausen - ein Amerika wie es sein sollte, aber selten ist": "Was in Entenhausen herrscht, ist die klassische Toleranzidee der Gründerväter, nicht die aus der verquasten europäischen 'Schuldkultur' erwachsene 'political correctness'." Der Artikel erschien im Dezember 2000 in den "Schweizer Monatsheften".

"Donald Duck Adventures", Ausgabe 9, USA 2004

11 / 20

Kann Donald mit seinen riesigen Augen gut sehen? Allerdings! Für die Figuren von Carl Barks Comics ist die Welt klarer und farbintensiver - das geht aus einem Aufsatz mit dem Titel "Visuelle Orientierungssysteme in Entenhausen" hervor.

In dem Artikel geht es auch um Verkehrsleitsysteme in Entenhausen. Das Ergebnis: Es gibt auch dort häufig Stau und Verkehrschaos. Aber: Die Comicfiguren sind damit sehr zufrieden.

"Lustiges Taschenbuch", Ausgabe 374, Deutschland 2008

12 / 20

Ist der faule Franz Gans wirklich untätig? Gerhard Holischka widmete sich 2000 der Figur des faulen Knechts Franz Gans. Seine These: Der untätige Angestellte auf dem Bauernhof von Oma Duck wird vor allem von Erwachsenen verkannt. Dabei sei der gemütliche Franz tolerant, sozial und nicht untätig. Denn "faul sein" ist laut Holischka ein Verb und beschreibe somit "eine andere Form der Tätigkeit".

"Donald Duck", Ausgabe 262, USA 1988

13 / 20

Welche Probleme bringt die Zweidimensionalität Entenhausens mit sich? Kostüme wie auf diesem Foto sind nur Versuche, die unerreichbaren Helden aus Entenhausen greifbarer zu machen. Denn unsere dreidimensionale Welt ist den zwei Dimensionen des Comic-Kosmos' keinesfalls überlegen. Diese Erkenntnis stammt aus Gerhard Holischkas Abhandlung "Das Dilemma der Dreidimensionalität".

Obwohl Comicleser die liebenswerten Wesen in Entenhausen sehen, können sie niemals Teil dieses Kosmos werden. Das Resümee: "Wie arm ist doch unsere Welt, die scheinbar alles zuwege bringen kann", schreibt Holischka, "aber wo kann ich eine Reise nach Entenhausen buchen?"

Als Donald Duck verkleideter Straßenkünstler am 22. Oktober 2010 in London

Foto: Getty Images
14 / 20

Wie beeinflusst Donald Duck unsere Kultur? Längst beschäftigen sich auch Wissenschaftler und Studenten an Universitäten ernsthaft mit Phänomenen in Entenhausen. Marc Degen untersuchte 2001 die Einflüsse der Disney-Comics auf andere Literaturgattungen.

Er stellte fest, dass Comic-Zitate nicht mehr - wie noch in den sechziger Jahren - zur Provokation genutzt werden, sondern mittlerweile als Teil der Populärkultur anerkannt sind. Dazu untersuchte er unter anderem Donald-Duck-Zitate in Romanen. Der Titel der literaturwissenschaftlichen Arbeit Degens: "Donald Duck und die Dichter. Formen und Funktionen des Comiczitats in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur".

"Der Hamburger Donaldist", Ausgabe 45, Februar 1984

15 / 20

Wie funktionieren die Sicherheitssysteme in Entenhausen? Tresore und Sicherheitsanlagen haben bei den Ducks ihre eigenen Gesetze: "Das Versagen technischer Einrichtungen gehört in Entenhausen zum Alltag", behauptete Patrick Martin 2005 in einem Vortrag mit dem Titel "Sicherheitstechnik im Gestern und Heute".

Martin hatte die hypermodernen Anlagen in den Barks-Comics untersucht, die etwa den Geldspeicher der Fantastilliardärs-Ente Dagobert schützen sollen. Weil die Technik so oft versagt, kombiniert Dagobert laut Martin sensible Technik mit einfacher Mechanik - das Ziel: ein "maximales Sicherheitsniveau".

"Donald Duck Adventures", Ausgabe 14, USA 1991

16 / 20

Wie wohnen die Enten? Martin Nicolaus beschäftigte sich 2001 in einer Studienarbeit an der Technischen Universität Braunschweig unter dem Titel "Entenhausen – Fiktion oder Realität?" mit der baulichen Struktur der Comic-Stadt.

Das Ergebnis: Entenhausen ist eine "Mixtur aus verschiedenen nordamerikanischen Städten und Metropolen".

Entenhausen-Stadtplan als Beilage zur "Micky Maus", Ausgabe 36, Deutschland 2006

Foto: obs/Egmont Ehapa Verlag
17 / 20

Welche Tierarten leben in Entenhausen? Diese Frage stellte sich 2000 ein Donaldisten-Quartett und legte als Antwort eine umfassende biologische Studie vor: "Barks' Thierleben. Biodiversität in Entenhausen".

Oliver Martin, Patrick Martin, Peter Jacobsen und Klaus Harms gaben dem Rüsselschnurps, dem Madegassischen Schabrackenschriller oder der Entenhausener Dickbackenschlange einen Platz in der zoologischen Forschung. Nur das "gemeine Mondwesen" konnten sie nicht zuordnen. Eine der Erkenntnisse: Die Entenhausener gehen besonders liebevoll mit Tieren um - wohl auch, weil sie selbst welche sind.

"Donald Duck", Ausgabe 38, Juli 1993

18 / 20

Erster Enten-Erforscher: Hans von Storch, der vor 30 Jahren die D.O.N.A.L.D. gründete, verkauft auf einem Comic-Kongress die erste Ausgabe des "Hamburger Donaldisten". Das Heft gab er zwischen 1976 bis 1985 heraus - Vorbilder waren donaldistische Hefte aus Skandinavien. Der norwegische Religionswissenschaftler John Gisle hatte als erster Entenhausen wissenschaftlich erforscht.

Foto ungefähr von 1977

Foto: Hans von Storch
19 / 20

Frühe Forschung: Schon 1976 produzierte Hans von Storch die erste Ausgabe des "Hamburger Donaldisten". Ein Jahr später entwickelte sich aus dem Leserkreis die "Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus", kurz D.O.N.A.L.D. Der Verein erforscht seit 30 Jahren mit allen denkbaren Fragestellungen und Methoden das Leben in Entenhausen.

"Der Hamburger Donaldist", Ausgabe 1, Deutschland 1976

20 / 20

Storch mit Faible für Enten: Nach der Einstellung des "Hamburger Donaldisten" beschäftigte Hans von Storch sich selbst weniger mit der Welt der Familie Duck aus Entenhausen. Heute ist der Mathematiker als Professor an der Universität Hamburg einer der bekanntesten deutschen Klimaforscher und Direktor des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht.

Foto: dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?