El Salvador Gott hinter Gittern
Früher Auftragskiller für die Gang "Barrio 18", heute Pastor für die Kirche "Torre Fuerte": Manuel Rivera predigt im Gefängnis von San Francisco Gotera in El Salvador. Ehemalige Gang-Mitglieder haben dort zwei evangelikale Kirchen gegründet, neben der "Torre Fuerte" (Starker Turm) die "Final Trompeta" (Letzte Trompete).
Brutale Straßengangs und bittere Armut: El Salvador zählt zu den gefährlichsten Ländern der Welt. Im Gefängnis von San Francisco Gotera finden zahlreiche Insassen zu Gott - und damit einen Ausweg aus der Spirale der Gewalt.
"Wer seine Gang verlässt, weil er religiös geworden ist, muss keine Vergeltung fürchten", erklärt Pastor Rivera. Wer aber den Eindruck erwecke, er meine es nicht ernst mit der Religion, wecke das Misstrauen seiner ehemaligen Gang-Kollegen - und begebe sich damit in Lebensgefahr.
"Wir sagten, die Gang sei unsere Familie, doch Gott nahm uns die Binde von den Augen", sagt Pastor Rivera in einer Predigt. Gott sei ihm im Traum erschienen und habe ihm seine eigene Gemeinde prophezeit, erzählt Rivera. Daraufhin sei er Pastor geworden.
Wie Pastor Rivera gehört auch Luis Alfredo Alvarado Hernandez der "Torre Fuerte" an: "Mit 13 wurde ich Gang-Mitglied, aber Gott zeigte mir in meinen Träumen, dass es Himmel und Hölle gibt. Der Liebe zu meinen Kindern wegen habe ich die Gang verlassen - in ihr gibt es keine Zukunft."
Auch Henry Josue Castellanos Alvarado ist Mitglied der "Torre Fuerte": "Ich wurde in Mailand geboren, aber meine Eltern kommen aus El Salvador. Als ich meine Brüder und Schwestern besuchte, geriet ich an schlechte Freunde."
Michael Douglas Hernandez ist der Bibliothekar der "Final Trompeta": "Mein Job ist es, meinen Brüdern Lesezeit zu geben", sagt er. "Ich wurde vor zwei Jahren Christ, weil Gott mein Herz berührte."
In den vergangenen zehn Jahren hat sich das evangelikale Christentum in Mittelamerika verbreitet. Auch zahlreiche Politiker bekennen sich dazu - und wettern gegen Homosexuelle und Abtreibung.
Inzwischen hat der religiöse Eifer auch die Gefängnisse erreicht. Die Regierung von El Salvadors Präsident Salvador Sanchez Ceren hofft auf Resozialisierung durch Religion - und betrachtet das Gefängnis von Gotera als Modellprojekt.
Manche Häftlinge sitzen Freiheitsstrafen von hundert Jahren ab. "Vor zwei Jahren waren fast alle 1500 Insassen aktive Gang-Mitglieder - heute suchen die meisten Erlösung", sagt Gefängnisdirektor Oscar Benavides.
Die gläubigen Gefängnisinsassen "zeigen dem Land, dass es möglich ist, Mitglieder der 'Mara Salvatrucha' oder anderer Gangs zu resozialisieren", sagt Sicherheitsminister Mauricio Ramirez. Die berüchtigte "Mara Salvatrucha", auch bekannt als "MS-13", wurde in den 80er-Jahren von Salvadorianern in Los Angeles gegründet.
Zahlreiche Insassen in Gotera tragen T-Shirts mit religiösen Aufschriften, in ihrer Freizeit studieren sie Gebetsbücher, weben Hängematten und kümmern sich um einen Garten.
Außerhalb des Gefängnisses plagt noch immer die Gewalt El Salvador. Die Kriminalität ist zwar zuletzt zurückgegangen, aber die Mordrate gehört noch immer zu den höchsten der Welt: 60 von 100.000 Einwohnern werden pro Jahr ermordet.
Oscar Alirio Montano Amaya war früher Mitglied einer Hip-Hop-Gruppe namens "Gangster Fury", heute ist er Diakon der "Final Trompeta" und seit zwei Jahren Christ. In seinen Träumen habe Gott zu ihm gesprochen. "Er versuchte es zweimal, aber immer kehrte ich in mein Gangsterleben zurück." Beim letzten Mal schließlich fiel er weinend auf die Knie. "Ich nahm meine Ohrringe ab, als Zeichen, dass ich die Gang verlassen hatte."
Roberto Carlos Valencia Cruz ist Mitglied der "Torre Fuerte" und gläubig. "Ich war es müde", sagt er über sein Leben in der Gang.
Juan Carlos Guerra Romero betet ebenfalls in der "Torre Fuerte" und sagt: "Ich wurde Mitglied der Kirche, nachdem ich das Hochsicherheitsgefängnis verlassen hatte und mir ein chronisches Nierenversagen diagnostiziert wurde. Ich galt als tödlich erkrankt, hab aber bis jetzt zwei Jahre überlebt."
Als Rodolfo Cornejo seine zwölf Jahre Haft wegen Waffenbesitzes antrat, begann er zu beten und Gurken zu züchten. Er wollte das Leben hinter sich lassen, das ihn von seinen Kindern isoliert hatte. "Die Menschen draußen vertrauen uns nicht. Sie denken, wir können uns nicht ändern. Aber doch - wir können es ihnen zeigen."