Elbphilharmonie Ein Jahr Elphi
Die Mühen der Ebenen
Die berühmte Rolltreppe ist ja erst der Anfang. Wer nicht die langweiligen Lifte bemühen will, um zu den heiligen Pforten des Elbphilharmonie-Saales zu gelangen, muss nach der zweiminütigen Rolltour auf der mechanischen Treppe erst mal Stufen steigen. Jede Menge Stufen, je nachdem, welchen Platz man in Hamburgs Kultur-Pilgerstätte ergattert hat. Hoch hinaus geht's per pedes, körperliche Fitness ist nicht Bedingung, hilft aber enorm. Steil windet sich der Weg zu Brahms und Beethoven, zu Champagner und Hamburger Hellem, denn auch die Bars locken erst nahe dem Ziel. Nicht so gymgestählte Mitbürger sollten unterwegs rasten, idealerweise an einem der Breitwand-Fenster mit Sitzgelegenheit. Zum Lohn gibt es ein erhebendes Gefühl noch vor der ersten Note: Von da an geht's bergab. Werner Theurich
Gegen alle Konventionen
Das, was die Elbphilharmonie von den meisten Konzerthallen unterscheidet, ist nicht die Akustik und schon gar nicht das Programm. Es geht um das Publikum. Erstens kann man es besser sehen. Gerade von den billigen Plätzen auf den obersten Rängen Y und Z bietet sich ein wunderbarer Blick auf die geschwungenen Terrassen. Man kann den Menschen beim Zuhörern zuschauen, ohne indiskret zu sein, man sieht ihre Mimik, einige schlafen offenbar, andere erscheinen vollkommen entrückt oder erregt. So entsteht das Erlebnis von Gemeinschaft. Für 120 Minuten haben sich 2000 Menschen auf ein zutiefst friedliches Projekt verständigt, auf das Hören von Musik. Zweitens verhält sich das Publikum anders. Weil viele Besucher hier überhaupt zum ersten Mal ein klassisches Konzert hören, gelten die Konventionen nicht mehr. Man klatscht auch mal zwischen den Sätzen, man pfeift anerkennend, wenn der Solist einfach toll war. Die Elbphilharmonie demokratisiert die Kunst. Großartig! Martin Doerry
Der Mann im Pullöverchen
Der Kulturkritik wird ja manchmal ein missionarischer Geist nachgesagt, und so mancher Kritiker wird sich schon mal ausgemalt haben, nichtsahnende Menschen der von ihm favorisierten Musik aussetzen zu können. Der Run auf Elbphilharmonie-Karten hatte genau diesen Effekt: Viele kauften Karten, egal für welches Konzert, Hauptsache Elphi. Und so bot sich vor dem Konzert der Einstürzenden Neubauten, die man augenzwinkernd als ersten Nicht-Klassik-Act gebucht hatte, ein ungewöhnliches Bild: Zwischen die Fans der Band in ihren leicht verwaschenen schwarzen Männchenlogo-T-Shirts hatten sich auch Gäste in Abendgarderobe gemischt. Und dann im Saal, dieser Mann im Pullöverchen, der so freundlich nickte, als er uns zu unserem Platz durchließ, woher kam der uns so bekannt vor? Ach ja, der Bürgermeister wars! Es wurde laut danach, doch trotzdem war es wahrscheinlich einer der schöneren Abende in dem für Olaf Scholz sonst weniger erbaulichen Jahr 2017. Er lächelte jedenfalls auch nach der Show noch. Felix Bayer
Vorsicht Nackedeis
Lust auf ein exklusives Elbphilharmonie-Erlebnis, aber keine Tickets für's Konzert ergattert? Dann besuchen Sie einfach das Elbspa! Vorbei geht es an all den Touristen, die Schlange stehen, um auf der windigen Plattform im Kreis laufen zu dürfen, direkt zum Eingang des "The Westin"-Hotels. Weiß ja niemand, dass Sie nur das Tagesticket für den Spa-Bereich gebucht haben - und nicht die teure Übernachtung im Luxushotel. Auf 1300 Quadratmetern gibt es mehrere Saunen, ein Dampfbad, einen Fitnessraum und einen 20 Meter langen Pool - nicht vergleichbar mit dem Angebot richtiger Saunalandschaften, aber genug, um ein paar Stunden runterzukommen. Der Blick vom großen Balkon auf die Elbe und das gegenüberliegende Ufer ist phänomenal. Allerdings haben auch die Besucher der Elphi-Plattform einen phänomenalen Blick - auf den Balkon. Wer nach dem Saunagang gern nackt im Freien wandelt, sollte sich das also gut überlegen. Laura Backes
Mit dem Kopf gegen die Wand
Mein erster Besuch in der Elbphilharmonie klappte spontan kurz nach der Eröffnung. Drei Tage vor der Weltpremiere des John-Malkovich-Stücks "Just Call me God" klickte ich mich aus Interesse durchs Programm - und bemerkte, dass offenbar in diesem Moment einige Restkarten online gestellt worden waren. Wir bewunderten also schon Anfang März den Saal - stellten nach der Vorführung aber auch fest, dass die moderne Architektur der Elbphilharmonie für den Menschen durchaus einige Tücken bereit hält: Auf dem Weg zur Garderobe knallte meine Begleitung mit dem Kopf gegen eine stark überhängende Wand. Einige weitere Gäste nahe der Wand hielten sich ebenfalls den Kopf: Die Beleuchtung und das Weiß der Wand sorgten dafür, dass man den Überhang kaum wahrnehmen konnte, während man frontal auf ihn zulief. Als ich das nächste Mal in der Elbphilharmonie war, klebte ein rot-weißes Flatterband auf dem Boden. Angela Gruber
Wenn die Pauke patzt
Der Klang ist die Botschaft! Yasuhisa Toyota, international gefeierter Akustiker, hat sich mit der Elbphilharmonie ein Denkmal gesetzt, das penibel seine Werte vermittelt: Nicht genial tasten, sondern punktgenau musizieren ist gefordert. Akkuratesse, nicht gefühliges Irgendwie, oder eben schlicht: Perfektion, nichts weniger soll man hören. Wer perfekt spielt, hat hier das optimale Ambiente für seine Spitzenleistung. Wenn die Pauke patzt, die Trompete kiekst, merkt es auch der letzte Zufalls-Tourist. Trieb diese Verdammnis zur Vollkommenheit den NDR-Orchesterchef Thomas Hengelbrock zur vorzeitigen Vertragskündigung? Oder die plötzliche Erkenntnis, dass sein Residenzensemble dem gnadenlosen Ideal nicht gerecht wurde? Misstöne wird es immer geben. Wer damit nicht leben kann, den grillt die akustische Elphi-Hölle. Werner Theurich
So intim
Vielleicht ist das der heimeligste, privateste, geborgenste Ort in diesem ganzen Riesenhaus: die Bühne. Sonderbar. Aber man spürt es sofort, wenn man dort ins Licht tritt und in das große Dunkel schaut, das einen umschließt. Man ist auf dieser Bühne wie in einer Höhle, man ahnt die Terrassen, die sich wie steinerne Balkone emporranken, ahnt all die Menschen, die dort sitzen und schauen. Es ist wie eine Hobbithöhle, man selbst trägt den Ring und fühlt sich, beobachtet von zweitausend Menschen, unsichtbar. Das ist wirklich wie Magie. Selbst bei einer Lesung in einer Buchhandlung vor vierzehn Leute fühlt man sich ausgesetzter, beobachteter, unfreier. Volker Weidermann
Höhenangst
Wir machten Ende März einen Band-Ausflug zu John Zorns Bagetelles Marathon in der Elphi - einem vierstündigen wilden Ritt durch sämtliche Genres. Zorn machte launige Ansagen und spielte mit dem Masada Quartet. Insgesamt waren circa 30 Mitwirkende beteiligt, die in zwölf Gruppen spielten, je 20 Minuten lang. Marathon halt! Leider hatten wir 10-Euro-Tickets erstanden und saßen in der 16. Reihe. Der Sound brazzte, eigentlich herrlich - doch die Sitze sind so nah an der Balustrade, dass man quasi dranhängt und um was sehen zu können, seinen Oberkörper drüberhieven muss. Keine Option für mich mit Höhenangst. Ich kapitulierte bereits nach der zweiten Bagatelle, schaute schnappatmend an die Decke. Mein Sitznachbar rettete mich. Er kletterte nach hinten, half mir danach ebenfalls über die Lehne und brachte mich zur Treppe. Da saß ich dann, warm, auf Holz, lauschte und headbangte vor mich hin. Barbara Schulz
Ist mir egal
Ich fahre beinahe jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad an der Elbphilharmonie vorbei. Sieht schön aus, dieser schimmernde Glaskörper, vor allem jetzt im Winter, wenn es noch dunkel ist und das Gebäude so geheimnisvoll strahlt. Drin war ich trotzdem noch nicht. Mutmaßlich nicht als einziger Hamburger. Man kommt ja auch nicht rein! Ist ja ständig ausverkauft! Und irgendeine Karte ergattern, egal für welches Konzert? Klingt für mich nicht nach Kultur, eher nach Flohmarkt. Ich habe auch keine Lust, mich mit 15.000 anderen Menschen auf der Plaza herumzudrücken. Wahrscheinlich ist sie mir einfach ein bisschen egal, die Elphi. Ich kenne genügend andere Locations in Hamburg, die weniger überlaufen sind. Sollen sich doch die Touristen dort auf den Zehen stehen. Ich gehe dann mal hin, wenn der Hype endlich vorbei ist. Oliver Kaever