Wolfskind Elli Hartwig "Ich weiß nicht, wer ich bin"
Elli Hartwig ist heute 82 Jahre alt und hat lange über ihr Schicksal geschwiegen. Sie ist ein sogenanntes Wolfskind, eines von Tausenden Kindern in Ostpreußen, die sich nach dem Einmarsch der Roten Armee irgendwie durchschlagen mussten. Ohne Familie, ohne Heimat kämpfte auch sie um ihr schieres Überleben.
In diesem früheren Bauernhaus wohnt Elli Hartwig heute. Seit den Sechzigerjahren lebt sie im Nordosten des Kaliningrader Gebiets, früher Königsberg, im Städtchen Krasnosnamensk (Haselberg), keine 20 Kilometer entfernt von der Grenze zu Litauen.
Es ist ein einfaches Leben: Im Wohnzimmer ihrer kleinen Einzimmerwohnung ist die Decke feucht, in der Küche gibt es nicht einmal eine Spüle. Rund 170 Euro Rente monatlich hat Hartwig zur Verfügung.
Nach all den Jahren hat Elli Hartwig einen Antrag auf Entschädigung eingereicht beim Bundesverwaltungsamt. Dafür musste sie Angaben über die Zwangsarbeit machen, die sie geleistet hat - und hofft auf ein wenig Anerkennung von ihrem Heimatland.
Historische Heimat: Wo Deutsche im Osten Europas siedelten
Elli Hartwig wurde am 15. April 1935 geboren, in Sophienberg im Kreis Gerdauen (heute: Schelesnodoroschnoje). Ihr Vater Adolf Hartwig war Schmied. Russische Soldaten nahmen ihn nach dem Einmarsch der Roten Armee mit, was mit ihm passierte, ist bis heute nicht klar.
Die kleine Elli (Bildmitte) war die Jüngste in der Familie, mit vier Brüdern und drei Schwestern - hier eine Aufnahme aus ihrer Kindheit, mit Schwester Ruth (links).
Nur drei Jahren ging Elli Hartwig zur Schule, dann musste die Familie ihr Heimatdorf verlassen. Die Rote Armee rückte vor. Den Vater sah Elli nie wieder, die Rotarmisten verschleppten auch die älteren Schwestern. Mit ihrer Mutter Auguste und ihrem drei Jahre älteren Bruder musste Elli in einer Kolchose auf dem Feld arbeiten, dafür bekamen sie etwas Suppe. Nach zwei Jahren gelang ihnen die Flucht.
Es war ein Kampf ums Überleben, der Hunger groß. Sie mussten betteln, doch es gab nicht viel - oft aß Elli (links) Gras und Lindenblätter. Die Mutter schickte sie und ihren Bruder irgendwann auf die andere Seite der Memel nach Litauen, dort gab es noch zu essen. Die Geschwister verloren sich; Elli hütete bei einem Großbauern Kühe und wurde geschlagen. Nach zwei Jahren nahm sie Bäuerin Mikalina (rechts) auf. Sie fand so etwas wie eine neue Familie, lernte Litauisch, wurde katholisch und nannte sich nun Ellitje.
Nicht anpassen, nicht auffallen: Den Sowjetbürgern war es per Gesetz verboten, Deutschen zu helfen. Hier ein Bild mit Bäuerin Mikalina, Elli Hartwig, ihrem Sohn Albert und ihrem ersten Mann (von links). Albert lebt heute in Litauen.
Familienzusammenführung: Irgendwann schrieb das Rote Kreuz Elli Hartwig, dass ihre Mutter und einige ihrer Geschwister in Thüringen leben. Elli durfte ihre Angehörigen in der DDR besuchen. Vier Mal war sie dort in den Siebzigerjahren, ein letztes Mal 1986 - aber so richtig fanden sie nicht mehr zueinander. Hier eine Aufnahme von Elli Hartwig (2. von rechts) in Thüringen, links daneben ihre Mutter.
Besuch in der DDR: Ein Familientreffen mit ihrer Schwester Ruth (4. von links), neben ihr Elli Hartwig. Ruth schickte ihr alte Fotos, dann wanderte sie nach Kanada aus. Im vergangenen Jahr starb sie. "Ich bin die letzte, die noch geblieben ist", sagt Elli Hartwig.
Diese Schwarzweißaufnahme zeigt Ellis Mutter Auguste, schon in der DDR, wo die meisten Angehörigen von Elli Hartwig ein neues Leben nach dem Krieg aufbauten.
Die Fotos ihrer Familie hütet Elli Hartwig wie einen Schatz, sie geben ihr Halt - wie dieses Bild von ihrem Bruder Albert mit seiner Familie.
Das Bild ihrer Mutter thront heute auf der einen Seite ihres Schrankes, dazu hat Elli Hartwig ein Kreuz gestellt.
Auf der anderen Schrankseite steht das Bild ihres Sohnes Albert, benannt nach ihrem Bruder und heute Lastwagenfahrer.
Elli Hartwig in ihrer Wohnung: Einmal versuchte sie einen deutschen Pass zu beantragen, noch zu Sowjetzeiten in Moskau in der Botschaft der DDR. Doch Sicherheitskräfte ließen sie gar nicht erst vor und nahmen ihren ersten Mann fest. Später, nach dem Fall der Mauer, verzichtete sie auf einen zweiten Versuch: Ihr zweiter Mann wollte nicht nach Deutschland - sie hätte ihn zurücklassen müssen.
Elli Hartwig besucht regelmäßig die katholische Kirche im Städtchen Krasnosnamensk und trifft dort...
...Valerij Sewastianow, der ebenfalls deutsche Wurzeln hat, er wurde wohl als kleiner Junge von russischen Eltern adoptiert. Woher er stammt, weiß er nicht. Valerij Sewastianow nennt Elli Hartwig eine Schwester, "eine wirkliche Dame". Die beiden sprechen auch Deutsch miteinander.
Hartwigs Pass heute: Eingetragen sind Jelena, eine russische Variante ihres Vornamens, und der Nachname ihres ersten Mannes, Schleschene. Das Geburtsdatum ist lediglich mit 00.00.1935 angegeben. Es gibt keine Geburtsurkunde mehr, die belegen würde, dass Elli Hartwig am 15. April 1935 geboren wurde. Die Dokumente gingen in den Kriegswirren verloren. Elli Hartwig wünscht sich sehr, wieder ihren eigentlichen Namen in ihren Papieren zu lesen.
In der Küche von Elli Hartwig liegt eine deutsche Kinderbibel, aus der sie sich jeden Tag laut vorliest - die Sprache ist für sie ein wichtiger Rest ihrer Identität, von der in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegsjahre so viel verlorenging, dass Hartwig heute sagt: "Ich weiß nicht, wer ich bin."