Ende einer Ära Das war New Labour
Wahlkampf 1997: Der sozialdemokratische Oppositionsführer Tony Blair badet in der Menge. Wenige Tage später fährt er einen Erdrutschsieg für die Labour-Partei ein - der Beginn einer neuen Ära in der britischen Politik.
Das Ende von 18 Jahren konservativer Herrschaft wird als Befreiung empfunden. New Labour verbreitet Aufbruchstimmung.
Mit dem Power-Paar Tony und Cherie Blair zieht nach den grauen Major-Jahren jugendlicher Glamour in die Downing Street Nummer zehn ein.
Die Blairs umgeben sich gerne mit Sängern, Künstlern und Schauspielern (hier Noel Gallagher von der Band Oasis). Aus Großbritannien wird "Cool Britannia".
Die Hauptstadt London boomt, die wirtschaftsliberale Labour-Regierung pflegt den Finanzsektor. Für die Jahrtausendwende wird der Millennium Dome errichtet. Die Führung von New Labour feiert hier mit Tausenden Gästen eine riesige Silvesterparty.
In seiner ersten Amtszeit schafft es der geborene Moderator Blair, die verfeindeten Bürgerkriegsparteien in Nordirland zur Unterzeichnung eines historischen Friedensabkommens zu bewegen. Der irische Premierminister Bertie Ahern (l.) und US-Senator George Mitchell halfen bei der Schlichtung.
Die Männerfreundschaft mit US-Präsident George W. Bush führte zum Wendepunkt in Blairs Amtszeit: Der britische Premier folgte dem Texaner willig in den Irak-Krieg und wurde fortan als "Pudel" der USA kritisiert.
Blair setzte die Teilnahme am Krieg gegen erheblichen Widerstand in seiner Partei und gegen die Mehrheit der britischen Bevölkerung durch. Mehrere Untersuchungsausschüsse wurden später eingesetzt, um das Regierungshandeln zu überprüfen.
Blairs persönliches Image sollte sich nie mehr von dem Irak-Knick erholen. 2005 fuhr er noch einen letzten Wahlsieg für Labour ein, doch die Medien spekulierten nur noch über seinen Abgang.
2007 übergab Blair seine Ämter als Parteivorsitzender und Premierminister an seinen Schatzkanzler Gordon Brown. Der Schotte hatte das "New Labour"-Projekt mitbegründet und von Anfang an auf den Zeitpunkt der Machtübergabe gelauert. Die ständigen Kämpfe zwischen den beiden Labour-Führern wurden auf der Insel als "die TB-GBs" bekannt.
Peter Mandelson war der dritte Kopf der New-Labour-Troika. Wegen seiner strategischen Fähigkeiten wurde er "Fürst der Finsternis" genannt. Blairs Chefberater musste zweimal nach Skandalen seinen Hut nehmen - kam aber immer wieder. Zuletzt rief Brown ihn zurück und machte ihn zum Wirtschaftsminister und Vizepremier.
Der zweite Todesstoß für New Labour kam im Oktober 2008, als die US-Investmentbank Lehman Brothers ihre Insolvenz erklärte. Im Bankenviertel Canary Wharf brach Panik aus. Premier Brown musste sich fragen lassen, warum der Sektor nicht besser reguliert war.
Die Finanzkrise bot Brown jedoch die Gelegenheit, Führungsstärke zu zeigen. Als einer der ersten Regierungschefs weltweit legte er ein Bankenrettungspaket und ein Konjunkturprogramm zur Stärkung der Wirtschaft auf.
Im Gegensatz zum Charmeur Blair tat der trockene Brown sich von Anfang an schwer, mit Wählern und Medien umzugehen. Seine Frau Sarah konnte nicht verhindern, dass er zunehmend zur Witzfigur wurde.
Niederlage eingestanden: Vier Tage nach der Parlamentswahl hat Brown seinen Rücktritt als Labour-Parteichef angekündigt. Er werde den Posten als Parteivorsitzender bis zum Herbst niederlegen, sagte er. Seine Partei werde mit den Liberaldemokraten offiziell Koalitionsverhandlungen aufnehmen. Labour hatte bei der Wahl viele Stimmen verloren. Die konservativen Tories waren stärkste Partei geworden, haben aber keine absolute Mehrheit erhalten.
Mit seinem Rückzug macht Brown den Weg für formale Koalitionsgespräche zwischen Labour und den Liberaldemokraten frei. Die Liberalen hatten vor der Wahl angekündigt, dass sie nicht mit Labour gemeinsam regieren wollen, falls Brown weiter an deren Spitze stehe.
Browns Abgang beendet 13 Jahre New Labour mit einem üblen Nachgeschmack. Der Mann, der einst glaubte, das Schuldenproblem des Staates ein für allemal lösen zu können, hinterlässt das größte Defizit der britischen Geschichte.