Erdogan-Kritiker Sevan Nisanyan Mit dem Boot ins Exil
Sevan Nisanyan auf der griechischen Insel Samos: "Der Vogel ist davongeflogen", schrieb der türkische Autor und Architekt am 14. Juli auf Twitter. Seine 50.000 Follower wussten sofort, was gemeint war: Nisanyan, ein Regimekritiker, der seit Januar 2014 in der Türkei in Haft saß, war der Ausbruch aus dem Gefängnis gelungen.
Türkischer Präsident Recep Tayyip Erdogan: Er hat in den vergangenen Jahren mehrere Zehntausend Oppositionelle festnehmen lassen. Doch selten zuvor war einem Gefangenen die Flucht geglückt.
Sein gesamtes Berufsleben lang hat sich Nisanyan mit den Mächtigen in der Türkei angelegt. Für viele Türken ist Nisanyan ein Vordenker, dem Staat hingegen gilt er als Querulant, der die bestehende Ordnung stört. Wegen einer Kolumne über den Propheten Mohammed landete er 2012 vor Gericht, das Urteil fiel am Ende wegen einer Bagatelle - 16 Jahre Gefängnis.
Angeblich soll er beim Bau einer Sommerakademie für Schüler und Studenten im türkischen Sirince Vorschriften missachtet haben. "Jeder weiß, dass dieser Fall nichts mit Baurecht zu tun hat, sondern mit Nisanyans Arbeit als Autor", heißt es in einer Petition gegen die absurd hohe Strafe.
Als Nisanyan im Frühjahr in den offenen Vollzug verlegt wurde, sah er seine Chance. Er nutzte den Freigang um seinen Bewachern zu entkommen. Verwandte schmuggelten ihn im Auto an die Ägäisküste, wo ein Freund mit einer Jacht wartete. Die Grenzschützer achten vor allem auf Schlauchboote. Nisanyan setzte in seiner Jacht unbehelligt nach Griechenland über.