Erinnerungen an Schlingensief - DER SPIEGEL
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Erinnerungen an Schlingensief Der redende Derwisch

"Hätte Lust, mich mit dir zu unterhalten." Eine kurze E-Mail verschaffte dem 19-jährigen Michael Wildberg im Jahr 2000 überraschend Gelegenheit, den Künstler Christoph Schlingensief kennenzulernen. Anlässlich dessen Todestages erinnert er sich auf einestages an die seltsame Begegnung - und ein letztes Wiedersehen.
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Auf Touren: Christoph Schlingensief 2004 in Recklinghausen zusammen mit der Ziege "Parsival" in einem Wagen seiner "Wagnerrallye". Bei der viertägigen Aktion fuhren zehn Teams durch das Ruhrgebiet und beschallten dabei über Dachlautsprecher die Straßen mit Orchesterstimmen aus Wagner-Opern. Die Aktion gehörte zum Programm der Ruhrfestspiele.

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Gesprächsrunde: In der Dokumentation "Die Piloten" (2009) gab Schlingensief vor, Testsendungen für eine Talkshow produzieren zu wollen. Die Talkrunden, die an drei Abenden in der Berliner Akademie der Künste aufgezeichnet worden, moderierte Schlingensief selbst. Seine Gäste waren sowohl Schauspieler, die in das Konzept des Filmprojekts eingeweiht waren, als auch Unwissende.

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In Gestalt Jesu: Szene aus der deutschen Komödie "120 Tage in Bottrop - Der letzte Neue Deutsche Film" von 1997, für die Schlingensief das Drehbuch schrieb und Regie führte. Die Handlung: Der Regisseur Sönke Buckmann und einige Anhänger der Fassbinder-Zunft wollen auf dem Potsdamer Platz ein Remake von Pier Pasolinis Skandalwerk "120 Tage von Sodom" drehen. Schlingensief alias Martin Wuttke (Foto) inszeniert sich dabei als Jesus Christus und spielt den Märtyrer für eine ganze Generation von Regisseuren.

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Protest-Planschen: 1998 hatte Schlingensief mit rund hundert Anhängern mit einem Bad im Wolfgangsee in Österreich gegen Helmut Kohls Arbeitsmarktpolitik demonstriert.

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Provokativ: Mit der "Aktion 18 - Tötet Politik" protestierte Schlingensief 2002 gegen FDP-Vize Jürgen Möllemann und dessen israel-kritischen Äußerungen. Zum Auftakt seiner eigenen Wahlkampftournee in Halle bohrte er auf der Bühne des Steintor-Variétes in Halle einem Politiker-Porträt die Augen aus. Ein anderes Mal stach er auf einem Wahlplakat des Politikers...

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...mit Voodoo-Nadeln die Augen aus, übergoss das Plakat mit Wein als Symbol für das Blut und überschüttete es mit Hühnerfedern. "Politik braucht Voodoo", meinte Schlingensief. Mit seinem Aktionsprogramm handelte er sich schließlich ein Strafverfahren ein: Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Volksverhetzung und Verwendung von Symbolen verfassungswidriger Organisationen - unter anderem antijüdischer Plakate -, die er auf seiner Homepage gezeigt hatte.

Schlingensief 2002 bei seiner "Aktion 18 - Tötet Politik" im Vorgarten der Wirtschaft und Exportberatung J. W. Möllemann Trade and Consult in Düsseldorf.

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Aussichtslos: Unter dem Motto "Übernachten mit Christoph Schlingensief und Freunden" eröffnete der Theatermann, hier vor einem sogenannten Doppelzimmer, 1998 das "Hotel Prora" im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. In einer neuntägigen Nonstop-Aktion konnten jeden Tag neue Gäste in Schlingensiefs Hotel mitwohnen. Ein Merkmal einte alle in einer großen Halle aufgestellten Zelte: Sie hatten keine Aussicht.

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Unkonventionell: Mit der Satire "United Trash", die zugleich Sexklamotte, Comicstrip, Actionstreifen und Musical ist, brach Schlingensief 1995 einmal mehr mit filmischen Konventionen. Thematisiert wurde der deutsche Kolonialismus, der Militarismus und die politische Rolle der Kirche in Afrika.

Im Bild: Francesca "Kitten" Natividad, Udo Kier und Christoph Schlingensief bei den Dreharbeiten in Simbabwe.

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Stimme der Hoffnungslosen: Der Regisseur erklärt per Megafon am 15. September 2003 an der Hauptwache in Frankfurt am Main den Ablauf des Pfahlsitzwettbewerbs. Die Aktion wurde von Schlingensief inszeniert und dauerte fünf Tage. Auf sieben zweieinhalb Meter hohen, mit Sitzen versehenen Baumstämmen sollten "Arbeits-, Obdach- oder Hoffnungslose" ausharren und Gelegenheit haben, ihre "fremdbestimmten Ängste zu demonstrieren".

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Geschichtenerzähler: Aktionskünstler Schlingensief 2006 im Leipziger Museum der Bildenden Künste anlässlich der Eröffnung seiner Installation "Animatograph". Die "aktionistische Fotoplatte" erzählte nach Schlingensief eine Geschichte, die sich immer weiter drehe und niemals ende. Das Gesamtkunstwerk war eine Art Parcours, der durch die Hölle, den Krieg von Göttern, Religionen und ihren Symbolen führte.

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"Das Abendmahl": Die Installation, die 2007 im Münchner Haus der Kunst gezeigt wurde, stand im Zentrum von Schlingensiefs Ausstellung "18 Bilder pro Sekunde".

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Ehepaar Schlingensief: Der Filmemacher mit seiner Frau, der Bühnen- und Kostümbildnerin Aino Laberenz im März 2010. Fünf Monate später starb Schlingenschlief an Lungenkrebs. Seine langjährige Lebensgefährtin hatte erst ein Jahr zuvor geheiratet.

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