Erinnerungen eines Fotoreporters Drama als Alltag
"Die Tragödie des Wolfsjungen" titelte "Quick" am 23. März 1988 und hatte die Eltern des Kindes dafür unter Exklusivvertrag genommen. Die durften allerdings zunächst nicht erfahren, was über sie geschrieben wurde.
"Die Tragödie des Wolfsjungen": Das Foto vom "Wolfsjungen", das als Ausschnitt auf dem Titelblatt der Illustrierten "Quick" erschien, sah im Ganzen weit weniger dramatisch aus. Es zeigte eine liebevoll dreinblickende Mutter, die offenbar glücklich war, endlich ihr Kind wieder im Arm zu halten - fotografiert vom Vater auf dem Flur der Kinderklinik.
Gladbecker Geiseldrama: Weil auf der Luftaufnahme angeblich zu erkennen ist, mit welcher Taktik das SEK der Polizei den Fluchtwagen stoppte, versuchte die Staatsanwalt den Fotografen zu ermitteln. Die Zugriffsform galt bis dahin als geheim.
Ende der Gladbecker Geiselnahme: Rechts im Bild die Trümmer des zerschossenen Flucht-BMW. Bei dem Verbrechen im August 1988 starben drei Menschen, darunter die 18-jährige Geisel Silke Bischoff, die mit im Fluchtwagen saß. Die Luftaufnahme entstand circa zehn Minuten nach dem Zugriff durch das SEK auf der A3.
Hanno Krusken im Smoking sieht schon fast aus wie das bekannte Bild der Fotografenlegende Weegee. "Die Parallelen sind aber rein zufällig", sagt Krusken. "Das Foto wurde 1987 von Peter Gauweiler beim Münchner Presseball aufgenommen." Gauweiler war damals Staatsekretär im Bayerischen Innenministerium.
Schaulustige: Die Gladbecker Geiselnahme mit allem, was dazugehörte - zahlreiche Journalisten und unzählige Unbeteiligte, die die Verfolgungsjagd auf der Autobahn als Zuschauer beobachteten
Heimliche Aufnahme: Der Geiselnehmer von Gladbeck, Dieter Degowski, im Innenhof des Essener Landgerichts, begleitet von mehreren Justizbeamten während des Haftprüfungstermins. Es ist das letzte und einzige Foto nach der Geiselnahme. "Quick" behauptete später, das Bild habe ein Mitgefangener aus einem Gefängnis-Fenster gemacht - ein Ablenkungsmanöver, um die Staatsanwaltschaft wegen des Tipps nicht in Bedrängnis zu bringen und die wahre Entstehungsgeschichte des Fotos preisgeben zu müssen.
Einlasskontrolle: Die Mitnahme von Fotoapparaten in den Gerichtssaal ist verboten - und wurde am Essener Landgericht vor Beginn der Verhandlungen gegen die Geiselnehmer von Gladbeck besonders streng überwacht. "Quick"-Fotograf Hanno Krusken versuchte es trotzdem.
Flugzeugabsturz bei Mülheim: Mit aktuellen Fotos von der Unglücksstelle, die nicht weit von seinem Wohnort entfernt lag, stellte sich Hanno Krusken im Februar 1988 in der Düsseldorfer Außenredaktion der "Quick" vor
Militärjet-Absturz in Remscheid: "Es sah aus wie nach einer Bombenexplosion. Kerosin hatte die ganze Straße in Schutt und Asche gelegt. Als ich als einer der ersten Fotografen vor Ort eintraf, gab es noch keine Absperrungen und überall brannten noch Gebäude", erinnert sich Fotograf Hanno Krusken an das Unglück im Dezember 1988.
Reporter am Unglücksort: Wer als Journalist rechtzeitig kam, befand sich innerhalb der Absperrung. Kurz nach dem Absturz eines seiner Kampfjets am 8. Dezember 1988 über der Remscheider Innenstadt riegelte das US-Militär das Gelände ab. "Wir mussten dort übernachten", erinnert sich Fotograf Hanno Krusken, "denn wären wir dort rausgegangen, wären wir nicht wieder reingekommen."
Kein Zutritt: Kurz nach dem Absturz des US-Kampfjets in der Remscheider Innenstadt erklärte das US-Militär die Unglücksstelle zum Sperrgebiet. Bewaffnete Wachen reagierten sichtlich irritiert auf die Anwesenheit von Journalisten. Der abgestürzte Jet stand in Verdacht, unerlaubte Uranmunition an Bord gehabt zu haben.
Das Ausmaß der Katastrophe war aus der Luft zu erkennen: Die Remscheider Innenstadt nach dem Absturz eines US-Militärjets im Dezember 1988
Flugzeugabsturz in Remscheid: Ein US-Kampfjet stürzte am 8. Dezember 1988 auf die Innenstadt von Remscheid - sieben Menschen starben, 50 wurden schwer verletzt. Die Luftaufnahme am nächsten Morgen zeigt das ganze Ausmaß der Katastrophe: Ein ganzer Häuserblock wurde zerstört, noch immer schwelten die Kerosin-Brände.
Die menschliche Seite: Nüchterne Fakten darüber zu vermelden, was da Anfang Dezember in Remscheid passiert war, überließ man den Agenturen. Die "Quick"-Reporter hielten sich eher an Anwohner und Rettungskräfte. "Uns interessierten vor allem die menschlichen Schicksale", sagt Fotograf Hanno Krusken.
Grubenunglück von Stolzenbach: Im Borkener Braunkohlerevier war es am 1. Juni 1988 nach einer Sprengung in der Grube zu einer Kohlenstaubexplosion gekommen, in deren Folge 51 Menschen starben. Hanno Krusken fotografierte für die "Quick" die im Einsatz befindlichen Rettungskräfte aus der Luft.
RTL bei der Arbeit: Tagelang blieben die Medien im Juni 1988 vor Ort, um über das Grubenunglück von Stolzenbach zu berichten. Hanno Krusken fotografierte dabei auch das Team von RTL um Nachrichten-Anchorman Hans Meiser (mit Telefon).
Weiträumig abgesperrt: der Ort der Bergwerkskatastrophe im Borkener Braunkohlerevier im Juni 1988. Fast zehn Tage blieben Hanno Krusken und seine Kollegen dort, um über Rettungsversuche, Angehörige und Opfer zu berichten.
Möglichst nah ran: Wer als Erster kommt, kriegt die besten Bilder. Im Fall des Grubenunglücks von Borken dauerte die Anreise für Hanno Krusken rund zwei Stunden. "Als ich ankam, war da bereits viel Polizei, Feuerwehr, viel Presse und viel Chaos. Meine Aufgabe war es, mich trotz der Polizei-Absperrungen auf das Werkgelände zu schummeln. Ein Textkollege, der in irgendeinem anderen Ort bei der Freiwilligen Feuerwehr war, lieh mir seine Jacke mit dem Schriftzug "Feuerwehr". Unter der konnte ich meine Leica verbergen. Am Zaun ließ man mich dann tatsächlich rein und ich machte ein paar Fotos - bis jemandem meine blaue Jacke zwischen all den orangefarbene auffiel. Ich wurde zur Rede gestellt und musste das Gelände verlassen."
Am Sarg: Unter den Toten des Grubenunglücks von Stolzenbach waren 13 Kumpel türkischer Herkunft. Auch die gemeinsame Trauerfeier fand im Juni 1988 vor laufenden Kameras statt.
"Abschuss" heißt es im Journalistenjargon, wenn jemand ohne sein Wissen oder sein Einverständnis fotografiert wird. Tagelang hatte Hanno Krusken im Dezember 1989 in seinem Auto am Straßenrand gelauert, um den Fahrer des von der RAF ermordeten Bankmanagers Alfred Herrhausen abzulichten, wenn dieser aus dem Krankenhaus in seine Wohnung zurückkehrt. Die Aufnahme des Herrhausen-Fahrers gelang just in dem Moment, als die Polizei gerade abgelenkt war durch die Kontrolle eines verdächtig wirkenden Mannes (Szene im Bild), der mit seinem Auto auffällig langsam am bewachten Grundstück vorbeigefahren war - ein Kollege von Krusken.
Sondereinsatz in Monheim: Am 5. September 1989 hatte ein Mann in der Stadtsparkasse von Monheim drei Menschen in seiner Gewalt - mit rund 500 Beamten versuchte die Polizei die Geiselnahme unblutig zu beenden. "Ich hatte mich gegenüber im ersten Stock einer Familie am Fenster eingenistet, um Fotos machen zu können", erinnert sich Hanno Krusken an diesen Tag.
Ende einer Geiselnahme: Geduldigt hatte Hanno Krusken während des Geiseldramas in der Monheimer Stadtsparkasse am 5. September 1989 in einer benachbarten Wohnung ausgeharrt. "Ich konnte von meinem Fensterplatz nicht weg, weil die Polizei alles abgeriegelt hatte." Am Abend stürmte das SEK die Bank, überrumpelte den Täter - und führte ihn ab.
Ehrliche Bilder: Hanno Krusken wollte "ehrliche Geschichten" fotografieren, nicht immer nur "Horror-Stories". Doch solche Fotos waren in den Redaktionen nicht immer gefragt - wie die Aufnahme von der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. "An den Wochenenden gab es regelmäßig Radau, aber unter der Woche ging der Bau ungestört voran, selbst idyllische, entspannte Momente waren eher die Regel als die Ausnahme."
Das andere Bild: Nicht immer verlief Protest mit Gewalt, wie es viele Medien in den achtziger Jahren etwa im Zusammenhang mit den Demonstrationen in der Hamburger Hafenstraße suggerierten. Auch provokative, friedliche Aktionen sorgten für Beachtung. Fotograf Hanno Krusken mag vor allem die "menschlichen Momente".