Ernst Litfaß: Rer Reklamekönig mit den Säulen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Ernst Litfaß, der mit den Säulen Lizenz zum Kleben

Berlin verehrt Ernst Litfaß bis heute als Reklamekönig. Dabei war er ein wendiger Opportunist, der sich sein Monopol ertrickste - und bereit war, für seine berühmten Säulen ein wenig Freiheit zu opfern.
1 / 23

Chapeau! Mehr als 160 Jahre ist die Litfaßsäule schon alt, aber selbst im digitalen Zeitalter als Werbefläche immer noch beliebt. Hier hat die Berliner Hut-Designerin Fiona Bennett die Spitze einer Säule zum Blickfang ihres Plakats gemacht. Ernst Litfaß hatte einst die nach ihm benannte Säule zum Erfolg geführt - in dem er sich in Berlin ein Werbemonopol ertrickste.

Foto: Nestor_Bachmann/ picture-alliance / dpa
2 / 23

Safer werben: Auch die Modefirma Benetton, berühmt für ihre Schockreklame, fand Gefallen an den antiquierten Säulen und pries 1998 ihr neuestes Produkt an - bunte Kondome.

Foto: Caroline_Thurner/ picture-alliance / dpa
3 / 23

Verschmitzt: Heute geht man für die schnelle Nachricht auf Facebook, früher eilte man eben zur Litfaßsäule. 50.000 Säulen stehen in Deutschland immer noch, manche haben ausgedient - und wurden zu Kunstwerken umfunktioniert wie hier im Jahr 2015 im sächsischen Grimma.

Foto: Jan Woitas/ picture alliance / dpa
4 / 23

Berliner Waschbär: Mitunter führt das Plakatieren an den Litfaßsäulen auch zur unfreiwilligen Komik so wie hier im Wahlkampf 1990 - Gregor Gysi, der Mann mit der ergiebigen Waschkraft.

Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-1990-1120-308
Zum digitalen Bildarchiv des Bundesarchivs

Foto: Das Bundesarchiv / Rainer Weisflog
5 / 23

Hetzsäule: Auch die Nationalsozialisten vertrauten nicht nur Fackelmärschen und Massenkundgebungen, sondern nutzten auch die Litfaßsäulen als Möglichkeit der Propaganda. Hier wird, unmittelbar vor der Reichstagswahl 1933, den Kommunisten der Reichstagsbrand angelastet.

6 / 23

Reklameklassiker unter sich: An der Litfaßsäule, vor mehr als anderthalb Jahrhunderten erfunden, wirbt die Firma Persil, die auch zu den Pionieren der Werbung gehört (Aufnahme von 1991).

Signatur im Bundesarchiv: B 145 Bild-F088956-000411
Zum digitalen Bildarchiv des Bundesarchivs

Foto: Das Bundesarchiv / Jochaim F. Thurn
7 / 23

Unter Gleichen: Eine Litfaßsäule erhebt sich auf dieser Aufnahme von 1999 wie ein Turm inmitten der Frankfurter Skyline.
Heute sind die Säulen im Stadtbild integriert, doch als sie der Buchdrucker Ernst Litfaß 1855 in Berlin aufstellen ließ, löste das einen regelrechten Kulturkampf aus: Berlin werde mit diesen "plumpen Mißschöpfungen" auf "eigentümliche Weise verunstaltet", beklagte sich etwa das "Deutsche Kunstblatt" und wunderte sich, wie die Behörden "eine solche Verunzierung dulden oder gar autorisieren" konnten.

Foto: Katja_Lenz/ picture-alliance / dpa
8 / 23

Der Vater der Säulen: Ernst Litfaß auf einer Aufnahme von 1860 in Berlin. Der Buchdrucker hatte nicht nur mit seinen Säulen Erfolg: Schon früh setzte er auf eine moderne Schnellpresse, mit der er eine Sammlung "ernster und heiterer Dichtungen" in hoher Auflage von 79.000 drucken konnte. Dabei setzte er allein auf Massengeschmack - und verzichtete auf Urheberrechte und Honorare. Die Berliner beeindruckte er zudem als Erster mit metergroßen, bunten Werbeplakaten, die er für den Zirkus Renz herstellte. Seine größte Stärke aber war seine gekonnte Lobbyarbeit. So umgarnte er den Berliner Polizeipräsidenten, der 1854 die Aufstellung der Säulen genehmigte. Fortan durften Aushänge nur noch an die Säulen des Buchdruckers geklebt werden - gegen ein Entgelt natürlich.

9 / 23

Wohnen mit Säulenblick: Diese Lithographie zeigt das Geschäftshaus von Ernst Litfaß in der Berliner Adlerstraße 6, in dem er auch wohnte. Im Innenhof durfte natürlich eine seiner Säulen nicht fehlen. Links zu sehen ist ein Entwurf für eines von 30 geplanten, ebenfalls säulenförmigen Pissoirs, die Litfaß für die Stadt aufstellen sollte - und dafür schon als Wohltäter gefeiert wurde. Angeblich wegen fehlender Wasserleitungen kam es aber nie dazu. Der Berliner Magistrat klagte jahrelang erfolglos. Rechts ein Entwurf für eine Brunnenummantelung, auf der ebenfalls Anzeigen angeschlagen werden konnten; Litfaß durfte nebenseinen 100 Säulen auch 50 schon bestehende Brunnen verkleiden und als Werbefläche nutzen.

10 / 23

Berlins Liebling: Der Erfolg von Ernst Litfaß beeindruckte die Zeitgenossen so sehr, dass er sogar selbst zum Thema auf der Bühne wurde. So hieß es etwa in einer Aufführung im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater, dem Vorläufer des Deutschen Theaters: "Mit Lust bleibt das Auge jetzt weilen /Was Litfaß gestellt hat uns hierher! / Er baut sich ein Denkmal aus Säulen! / Na, Litfaß, was willst du mehr?" Und ein Gedicht sagte, Berlin könne "nimmer" ohne seine Säulen sein, die man um Rat frage "wie eine freundliche, steinalte Tante".

11 / 23

Siegeszug: Nach dem Erfolg in Berlin 1855, wo Ernst Litfaß bald als "Säulenheiliger" verehrt wurde, eroberte die Litfaßsäule nach und nach immer mehr Großstädte, in denen die Behörden Genehmigungen aussprachen: Erst in Hannover und Dresden (1863), dann in Hamburg (1871), Stuttgart (1872), Bremen (1873), Wien und Magdeburg (1877). Diese Aufnahme zeigte eine historische Säule auf der Hamburger Reeperbahn.

Foto: imago/Hoch
12 / 23

Happy Birthday! Zum 150. Geburtstag der Litfaßsäule wurden im Jahr 2005 Nachbildungen im klassischen Stil - mit Palmettenfries - auf dem Berliner Gendarmenmarkt aufgestellt. "Größte Ordnung", "Pünktlichkeit" und Verlässlichkeit in der Werbung versprach Litfaß den Berlinern einst mit seinen ersten 100 brandneuen Säulen. Wer ihn bezahlte, sollte sicher sein, dass sein Aushang auch gelesen und nicht sofort wieder überklebt sein würde.

Foto: imago/PEMAX
13 / 23

Vergessener Erfinder: Seine Säulen kennt jedes Kind, den "Königlichen Hofbuchdrucker" Ernst Litfaß aber kaum jemand, auch wenn ihm in Berlin ein Platz gewidmet ist. In jungen Jahren wollte er eigentlich Schauspieler und nicht wie sein (früh gestorbener) Vater und sein strenger Stiefvater Buchdrucker werden. Also brannte er durch, trat tatsächlich auf der Bühne auf und tingelte zwei Jahre lang durchs Land. Er gründete sogar das Berliner Theater Lätitia, das spätere "Vorstädtische Theater". Dann aber übernahm Litfaß überraschend doch den Familienbetrieb - und veränderte Berlins Stadtbild für immer.

Foto: imago/CHROMORANGE
14 / 23

Zerfetzt: Ernst Litfaß ließ seine Säulen einst bewachen. Er schuf sogar eine neue Berufsgattung. Seine "Anschlagspediteure", so hieß es 1855 in der Berliner Presse, sollten - bekleidet mit "grauen Blusen, einem schwarzen Hut und einem messingenen Schild" - die Aushänge fachmännisch übernehmen und die Säulen vor Verwüstung bewahren. Von dieser Ordnung ist auf dieser Aufnahme von 1975 nichts mehr zu spüren.

15 / 23

Jahrhundertwerk: 1855 waren die Säulen noch umstritten gewesene, doch ihr umtriebiger Erfinder Litfaß machte exzessiv Werbung für sie. Er verteilte tausende Miniatur-Nachbildungen und schickte Barden durch die Stadt, die in den Kneipen und Hinterhöfen seine Säulen (und ihn selbst besangen). Bald liebten die Berliner die Säulen als neue städtische Treffpunkte und vergaßen schnell, dass Litfaß für sein Monopol eigentlich ursprünglich 30 öffentliche Pissoirs aufstellen sollte - was nie geschah. Diese Aufnahme von 1955 entstand 100 Jahre, nachdem Litfaß in Berlin die ersten 100 Säulen hatte errichten lassen.

Foto: Das Bundesarchiv / Manfred Beier
16 / 23

Talk to me, Säule: Diese Litfaßsäule warb nicht nur klassisch mit Plakaten, sie konnte mit ihren Bürgern sogar über einen Lautsprecher reden. In Berlin 1935 war das eine Sensation - der Mann rechts im Bild scheint sich rege mit der Säule auszutauschen.

Foto: Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte / Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer
17 / 23

Neuigkeiten von der Front: Besonders in Kriegszeiten strömten die Menschen zu den Litfaßsäulen. Schon Ernst Litfaß hatte während der Einigungskriege (1864-1871) alle 192 Kriegsdepeschen an seine Säulen geklebt und war damit schneller als die Zeitungen. Nach dem Triumph gegen Frankreich gestaltete er die Säulen zu Siegessäulen um und krönte sie mit Büsten des neuen deutschen Kaisers. Diese Aufnahme von August 1914 zeigte Berliner beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges: An der Säule wurde der Mobilmachungsbefehl angeschlagen.

Foto: Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte / Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy römer
18 / 23

Düsterer Treffpunkt: Selbst während der Verdunklung im Zweiten Weltkrieg gingen die Deutschen häufig zu den Litfaßsäulen, um sich auf dem Laufenden zu halten. Wichtige Neuigkeiten ließ die NS-Regierung hier plakatieren. Diese Männer aber erkundigen sich nach dem aktuellen Kinoprogramm, Aufnahme von 1942.

19 / 23

Vom Sockel gestoßen: Diese Litfaßsäule wurde 1950 in Berlin abgebaut. Ein Bild mit Symbolcharakter ist das dennoch nicht. Bis heute stehen in Deutschland noch Zehntausende Säulen, allen neuen, digitalen Werbeformaten zum Trotz.

20 / 23

Überlebt: Berlin ist noch deutlich vom Krieg gezeichnet, doch diese Lifaßsäule in der Oranienburger Straße wirbt 1960 schon wieder für Kinofilme. Litfaß' ursprüngliche Säule war übrigens deutlich kleiner. Von 1855 bis zu seinem Tod 1874 hatte seine Firma ein Monopol für die Pacht, das ihn reich machte. So konnte er als Wohltäter auftreten, in den Einheitskriegen unentgeltlich patriotische Schriften an die Front schicken und rauschende Bälle veranstalten. Seine Erben waren nicht so geschickt und verloren 1880 das abgelaufene Monopol bei einem Bieterwettbewerb an einen Konkurrenten - und mussten daraufhin Litfaß' alte Säulen abreißen.

Foto: Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte /Kunstbibliothek, SMB /Bernard Larsson
21 / 23

Einheitssäule: Mit diesem Anschlag machte die Bundesregierung in West-Berlin auf die wichtige Viermächtekonferenz 1954 aufmerksam, von der sie sich ein Ende der deutschen Teilung erhoffte.

22 / 23

Matsch statt Kleister: "Golem" hieß dieses Kunstwerk, das 1997 in Hannover präsentiert wurde. Insgesamt wurden sechs Säulen auf unterschiedliche Art für das Projekt "Wandlungen, Kunstobjekt Litfaßsäule" verändert.

Foto: Wiebke_Langefeld/ picture-alliance / dpa
23 / 23

Unverwüstlich: Der Rhein steigt mal über die Ufer, aber die Litfaßsäule wirbt unbeeindruckt weiter für aktuelle Kinofilme.

Foto: Gero_Breloer/ picture-alliance / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?