Ernst Lossa: Ermordet mit 14 - DER SPIEGEL
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NS-Opfer Mord an einem 14-Jährigen - warum Ernst Lossa sterben musste

Vergast, vergiftet, vergessen: Das Nazi-Regime ermordete eine Viertelmillion Kranke und Behinderte. Unter ihnen Ernst Lossa - mit erst 14 Jahren erhielt der Junge die Todesspritze, weil er als "unerziehbar" galt.
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Ernst Lossa wurde im Zuge des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms ermordet. Er wuchs in Kinderheimen auf und wurde 1942 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren eingewiesen. Dort gab man dem erst 14-jährigen Jungen am 9. August 1944 die Todesspritze.

Foto:

Archiv BKH Kaufbeuren

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Die Geschwister Lossa erlebten das erste Kriegsjahr im Kinderheim, wurden dann aber 1940 getrennt. Ernst Lossa kam in ein Erziehungsheim bei Dachau. Seine Schwester Amailie Speidl erinnert sich an die Trennung: "Meine Schwester und ich wurden mitten in der Nacht geweckt, es hieß, wir sollten unserem Bruder Lebewohl sagen. Ernst stand angezogen im Flur und schaute tieftraurig. Bis heute denke ich an seinen Blick." Am nächsten Morgen war Ernst verschwunden.

Foto: Amalie Speidl
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Valentin Faltlhauser leitete die Anstalt in Kaufbeuren. Als besonders perfide Mordmethode entwickelte er die sogenannte E-Kost: Gemüsereste wurden so lange zerkocht, bis sie keinerlei Nährstoffe mehr enthielten. Die Patienten verhungerten praktisch beim Essen oder fielen, stark geschwächt, Infektionskrankheiten zum Opfer.

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Der Kinofilm "Nebel im August" zeichnet das Schicksal von Ernst Lossa nach (ab 29. September 2016 in den Kinos). Das Szenenbild zeigt Ivo Pietzcker als Ernst Lossa sowie Sebastian Koch in der Rolle des Anstaltsleiters, der im Film Werner Veithausen heißt. Der echte Klinikleiter, der so viele Kinder auf dem Gewissen hatte, kam nach dem Krieg ohne Bestrafung davon: Der gnadenlose Faltlhauser wurde zwar zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, aber nach mehreren Aufschüben wegen Haftunfähigkeit 1954 begnadigt.

Foto: Studiocanal
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Der Totenschein Als "asocialer Psychopath" wird Ernst Lossa hier eingestuft, seine Todesursache mit "Bronchopneumonie" (Lungenentzündung) angegeben. In Wahrheit starb er, weil ein Pfleger und eine Schwester ihm mit vereinten Kräften das Mittel Luminal spritzten. Der 14-Jährige war ein gesunder Junge, der wegen seiner Herkunft aus einer jenischen Familie fahrender Händler nach einigen Jahren in Kinderheimen ermordet wurde. Sein Vater starb in einem KZ.

Foto: Archiv BKH Kaufbeuren
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Propagandaoffensive: Mit solchem "Schulungsmaterial" begleitete die NS-Führung ihre Kampagne zur Tötung von Kranken und Behinderten.

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Mit diesem Schreiben ordnete Adolf Hitler persönlich an, dass unheilbar Kranken "der Gnadentod gewährt werden kann". Fortan entschieden Psychiater in Berlin über Leben und Tod von Menschen im ganzen Land. Den Befehl gab Hitler wahrscheinlich im Oktober 1939, er wurde aber offenbar zurückdatiert auf den 1. September, Tag des Kriegsbeginns.

Foto: Ullstein Bild
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Philipp Bouhler war Chef von Hitlers Kanzlei und wurde zum Leiter des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten, das nach der Berliner Adresse Tiergartenstraße 4 zu "T4" abgekürzt wurde. Nach Kriegsende wurde Bouhler am 19. Mai 1945 verhaftet und beging Selbstmord mit einer Blausäure-Kapsel.

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Die Gutachter der Nazis entschieden über "lebensunwertes Leben". Das Bild vom September 1941 zeigt unter anderem: Rudolf Lonauer, Leiter der Tötungsanstalt Hartheim. Victor Ratka, Direktor der Gauheilanstalt Tiegenhof sowie "T4"-Gutachter, ebenso wie Friedrich Mennecke, Hermann Paul Nitsche und Gerhard Wischer.

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Arglose Kinder wie hier in der Heilanstalt Schönbrunn bei Dachau wurden durch das Gesetz zur "Verhütung erbkranken Nachwuchses", das bereits im Juli 1933 verabschiedet wurde, dem Tod ausgeliefert.

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Geistig behinderte Kinder in Schönbrunn: Was mit ihnen geschehen sollte, davon hatte die NS-Führung überaus klare Vorstellungen. Propagandaminister Joseph Goebbels schrieb in seinem Tagebuch: "Mit Bouhler Frage der stillschweigenden Liquidierung von Geisteskranken besprochen. 40.000 sind weg, 60.000 müssen noch weg. Das ist eine harte, aber auch notwendige Arbeit. Und sie muss jetzt getan werden. Bouhler ist der rechte Mann dazu."

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Transport in den Tod: Die Aufnahme aus dem Sommer 1941 zeigt zwei Busse der GEKRAT, die mit dem Transport zur Tötungsanstalt Hadamar beauftragt war. Das Kürzel steht für "Gemeinnützige Gesellschaft für Krankentransporte", ein Tarnnamen für eine Unterabteilung der Zentralstelle "T4".

Foto: ullstein bild
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Rauchender Schornstein des Krematoriums im hessischen Hadamar: In dieser Tötungsanstalt wurden rund 14.500 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen ermordet, zumeist vergast und anschließend verbrannt - ein Ort des Grauens.

Foto: SZ Photo
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Friedhof von Hadamar: Von Januar 1941 bis März 1945 erstreckten sich die Massenmorde der Nazis in der Tötungsanstalt. "Hier sollte niemand über Nacht bleiben oder behandelt werden", sagt Jan Erik Schulte, Historiker und Leiter der Gedenkstätte Hadamar. "Hier sollten die Leute nur ankommen und am gleichen Tag umgebracht werden."

Foto: SZ Photo
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Tod durch den Strang: Karl Willig war Pfleger in Hadamar und wurde ebenso wie Heinrich Ruoff, ebenfalls Pfleger, und Alfons Klein, Verwaltungsleiter, zum Tode verurteilt. Willig, zuständig auch für die Leichenverbrennung, war berüchtigt als besonders brutaler Täter. Die Hinrichtungen wurden am 14. März 1946 im Gefängnis Bruchsal vollstreckt.

Foto: AP
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Szenenbild aus "Nebel im August": Was mit Ernst Lossa geschah, erforschten die US-Amerikaner nach dem Krieg besonders gründlich und verwendeten sein Schicksal exemplarisch in Prozessen zu NS-Verbrechen. Der Spielfilm beruht auf dem gleichnamigen Buch von Robert Domes, das 2008 erschien und mehrere Literaturpreise erhielt.

Foto: Studiocanal/ AnjezaCikopano
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Nicht vergessen: Ernst Lossa, hier in einer Filmszene dargestellt, verhielt sich mitunter auffällig und galt zugleich als hilfsbereit und gutmütig. Im Kinofilm durchschaut er das Kliniksystem. Er versucht, anderen Kindern zu helfen, und plant seine eigene Flucht. 1944 gelang ihm das nicht - Ernst Lossa starb im Alter von 14 Jahren.

Foto: Studiocanal
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?