Ersteigertes Fundstück: Ich schnapp mir deinen Koffer - DER SPIEGEL
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Ersteigertes Fundstück Ich schnapp mir deinen Koffer

Er ist groß, blau, schwer, niemand weiß, was drin ist - und auspacken darf SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Verena Töpper. Sie sicherte sich den Zuschlag für das Fundstück mit einem Gebot von 65 Euro. Der Koffer ist einer von Tausenden, die jedes Jahr am Frankfurter Flughafen stranden und an Kofferhoffer versteigert werden.
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Überraschungspaket: Der kleine Kompass im Handgriff hat diesem Koffer wohl den falschen Weg gewiesen - er strandete am Frankfurter Flughafen, ohne Namensschild. Zusammen mit rund 500 anderen Koffern wurde er bei einer Fundsachen-Auktion versteigert. SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Verena Töpper gab mit 65 Euro das höchste Gebot ab. Bezahlen musste sie insgesamt 78,92 Euro, denn auf jedes Gebot kommt ein Zuschlag für die Versteigerungsprofis der Familie Wendt. mehr...

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Der erste Eindruck ist... wenig ermutigend. Ist das da etwa ein Jogginganzug? Die Vermutung, dass es sich bei dem Besitzer um einen Chinesen oder eine Chinesin handelt, bestätigt sich schnell: durch die Schriftzeichen nicht nur auf dem Hersteller-Emblem des Koffers, auch auf Tüten und Zetteln - und auf dem Kofferboden liegt eine chinesische Münze.

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Mann oder Frau? Der Jogginganzug ist wohl unisex, der muffige Geruch auch. In der Hosentasche des Anzugs: ein Päckchen aus Styropor, darin zwei Fläschchen mit Flüssigkeit, offenbar für Kontaktlinsenträger. Die Unterhosen sind unbenutzt, an einigen hängen noch die Preisschilder.

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Fantasiespiel: Alle getragenen Kleidungsstücke aus dem Koffer gehören offenbar einer Frau. Die Geschichte könnte vielleicht so gehen... Eine junge Chinesin, nennen wir sie Minh Li, ist vor Jahren in die USA ausgewandert. Dort arbeitet sie an der Wall Street als Brokerin. Einmal im Jahr besucht sie ihre Eltern in Peking. Weil der Umrechnungskurs günstig ist und es in ihrer Kleidergröße mehr Auswahl gibt, geht sie dort immer ausgiebig einkaufen. Bei der letzten Shopping-Tour trägt sie das Outfit links im Bild. Zum Packen hat sie am Ende nicht mehr viel Zeit, darum schmeißt sie die neuen Blusen einfach so in den Koffer, samt Preisschildchen.

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Schöner Schein: Unsere Minh Li mag es offenbar schick. Wenn sie abends ausgeht, schmeißt sie sich in Schale und legt ihre Mähne an. Vermutlich hat sie viel Geld bezahlt, die Haarteile sind aus Echthaar. Dafür sind die Gucci-Schuhe gefälscht. Sieht man aber erst auf den zweiten Blick - und in schummrigen Clubs gar nicht. Zweck erfüllt, Geld gespart, das ist sicher ganz nach Minh Lis Geschmack.

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Sparstrumpf: Nehmen wir weiter an, dass Minh Li bei ihrem Heimaturlaub gleich einen ganzen Packen Sportsocken kaufte - gleiches Modell, wechselnde Markennamen. Und die Badehosen? Die will sie ihrem Freund schenken.

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In ihrer Freizeit trägt Minh Li gern Jeans und T-Shirt, abends darf es auch mal eine Leggings mit durchsichtigen Streifen sein. Minh Li ist zufrieden mit ihrer Figur, nur etwas mehr Busen hätte sie gern. Der Glitzer-BH hat deshalb ein dickes Push-up-Polster.

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Schnäppchen-Queen Minh Li versorgte sich in Peking mit neuem Make-up und falschen Wimpern. Ein Rätsel ist das Päckchen oben links - ein Plastikgäbelchen mit durchsichtigen Klebestreifen. Auf der Rückseite ist ein Frauengesicht mit einem riesigen Auge gezeichnet. Will sich Minh Li damit vielleicht die Lidfalte wegkleben, um westlicher auszusehen? Das braune Zeug in dem Päckchen neben den gelben Tabletten riecht stark nach Fisch. Vielleicht ein Aphrodisiakum?

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Auch das T-Shirt aus Paris ist "Made in China", sogar das Preisschild klebt noch dran. Nach Paris wollte Minh Li schon immer mal, doch bestimmt fehlt ihr dafür einfach die Zeit. Die wenigen Urlaubstage, die sie hat, verbringt sie in China.

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1981 steht auf dem Armani T-Shirt - das ist doch... sicher der Jahrgang von Minh Li. Zu ihrem 30. Geburtstag hat ihr amerikanischer Freund ihr einen kleinen Hund geschenkt. Von ihrer Heimatreise wollte sie ihm ein Handtuch mitbringen.

Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Wer weiß das schon?

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Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?