Ferdinand Piëch Der Patriarch wird 80
Ferdinand Piëch Anfang der Nullerjahre: Der Patriarch, der den VW-Konzern jahrzehntelang als Alleinherrscher regierte, wird 80 Jahre alt. Wenige Wochen vor dem Geburtstag hat er den Großteil seiner Anteile am Konzern verkauft - Ausdruck einer Entfremdung.
Piëch (r.) kommt am 17. April 1937 in Wien zur Welt - als Enkel von Ferdinand Porsche (M.), des Gründers des gleichnamigen Sportwagenbauers und Konstrukteurs des VW Käfer. Als Kind gilt Piëch als Versager der Familie - in einem Schweizer Internat ("elitär, schlicht und streng") eignet er sich die Härte an, die ihn später auszeichnen wird.
Bereits 1899 wird die erste Auto-Konstruktion Ferdinand Porsches beworben, die später als "Porsche P1" bezeichnet wird - angetrieben von einem Elektromotor.
Piëchs Großvater Ferdinand Porsche im Jahr 1903 am Steuer des von ihm konstruierten Lohner-Porsche - es ist das erste Allrad- und Hybridfahrzeug der Welt.
Ferdinand Porsche im Jahr 1937 - dem Geburtsjahr Piëchs - mit dem Motorenspezialisten Josef Kales in seinem Stuttgarter Konstruktionsbüro. Vom Großvater erbt Ferdinand Piëch die große Leidenschaft für Technik, ganz besonders die von Autos.
Ferdinand Piëch im März 1969 bei der Präsentation des von ihm entworfenen Porsche 917. Seinen Abschluss zum Diplom-Ingenieur hatte er sieben Jahre zuvor mit einer Arbeit über Formel-1-Motoren erlangt.
Der Porsche 917 wird der erste Erfolgsrennwagen des Stuttgarter Sportautobauers. 1970 gewinnt das PS-Monstrum die 24 Stunden von Le Mans. Porsches Verkaufszahlen schnellen nach oben. Piëch hofft, Porsche-Chef zu werden - doch der Familienzweig der Porsches verhindert den "Nicht-Namensträger".
Piëch fängt mit Mitte 30 ganz neu an: bei der VW-Tochter Audi. Die Marke ist damals angestaubt, angesagt höchstens bei Fahrern mit Wackeldackel auf der Hutablage. Auch in den frühen Achtzigerjahren sehen die Autos der Marke noch so aus - hier ist Piëch 1982 als Technik-Vorstand zu sehen. 1988 übernimmt er den Chefsessel bei Audi.
Piëch steigt auf: Der erfolgreiche Audi-Chef überzeugt die mächtigsten Männer im Aufsichtsrat des Mutterkonzerns VW, Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder und IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, ihm den Konzern anzuvertrauen.
Anfang 1993 ist es soweit. Zu der Zeit ist VW tief in der Krise und schreibt Milliardenverluste. Piëch krempelt den Konzern um, holt etwa José Ignacio Lopez (l.) als Einkaufschef vom Konkurrenten General Motors.
Doch Lopez wird schon kurze Zeit zentrale Figur im Industriespionage-Skandal. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, weil Lopez Interna von General Motors mit zu Volkswagen genommen haben soll. Piëch - hier im Juli 1993 mit Niedersachsen-Ministerpräsident und Aufsichtsrat Gerhard Schröder - bleibt davon unbeschadet.
Ohnehin erweist sich Piëch - hier als VW-Chef um die Jahrtausendwende - als Ingenieur der Macht. Weder der Skandal um Lopez noch die Affäre um Bordellbesuche und Sexpartys des Betriebsrats auf Firmenkosten können ihm etwas anhaben. Nur die Top-Manager um ihn herum müssen gehen.
Bis 2002 amtiert Piëch als VW-Vorstandschef - im Februar des Jahres besichtigt er mit Gerhard Schröder, inzwischen Bundeskanzler, ein VW-Werk in Brasilien. VW macht nun einen doppelt so hohen Umsatz wie bei Piëchs Amtsantritt 1993 - und dazu Rekordprofite. Piëch wechselt im gleichen Jahr an die Spitze des Aufsichtsrats - und leitet die Geschicke des Konzerns von dort weiter.
Der VW-Konzern ist Piëchs Lebenswerk. Unter seiner Ägide als Vorstands- und Aufsichtsratschef wächst der Konzern von vier auf 13 Marken. Die Modellpalette reicht vom Drei-Liter-Auto bis zum 1001 PS starken Bugatti Veyron, vom Lupo bis zum Lamborghini.
Sein Meisterstück aber wird die Übernahmeschlacht zwischen Porsche und VW. Sieht es anfangs so aus, als schlucke der Sportwagenhersteller den Weltkonzern, kommt es am Ende umgekehrt - weil Piëch die richtigen Strippen zieht, die klügsten Intrigen spinnt.
Piëch - hier mit Frau Ursula im Jahr 2014 beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans - bleibt lange unangefochten der starke Mann im VW-Konzern. Doch dann startet er im Frühjahr 2015...
...einen Machtkampf, den er verlieren wird: Im SPIEGEL erklärt er, er sei "auf Distanz" zu seinem ehemaligen Zögling und VW-Chef Martin Winterkorn, fordert im Aufsichtsrat dessen Ablösung.
Doch die anderen Aufseher stellen sich gegen Piëch, der Patriarch muss hinwerfen. Fünf Monate später jedoch ist auch Winterkorn Geschichte - er stürzt über den VW-Abgasskandal. (Im Bild: Mitglieder des Aufsichtsrats mit dem neuen VW-Chef Matthias Müller im September 2015).