Fotostrecke "Angst, niemals ein normales Leben führen zu können"
Leros - eine Insel im Osten der Ägäis, traumhafte Strände, Berge und Buchten. Davon bekommen die Bewohner des Camps allerdings nichts mit. Ihr Alltag ist geprägt von Stacheldraht, Containern und Dreck im Lager. "Wo ist die Menschlichkeit, über die in Europa gesprochen wird?", fragt eine syrische Mutter von vier Kindern das Fotografenteam.
Früher wurden in diesen Räumen psychisch Kranke untergebracht. Das Gebäude war einmal eine Psychiatrie, und zwar eine, die in den Achtzigerjahren für Schlagzeilen sorgte: Die Zustände waren katastrophal. Heute richten sich viele Geflüchtete hier ihren Schlafplatz ein, wenn sie im eigentlichen Camp keinen Platz mehr finden. Nicht selten passiert es, dass Teile der Decken herunterbröseln, das Haus ist marode, Schutt liegt überall.
Samir ist vor einigen Jahren aus Syrien geflohen und lebte lange in der Türkei. Dann setzte er seine Flucht nach Europa fort. Auf Leros hat er zwei Monate auf der Straße geschlafen, bis er sich entschied, einen Platz in dem ehemaligen Psychiatriegebäude zu suchen, in dem mittlerweile etwa hundert Menschen leben. Sie richteten die Räume zum Teil her. Doch eine Mischung aus Dreck und Schimmel liegt permanent in der Luft.
In dem ehemaligen Psychiatriegebäude wurden in den Siebziger- und Achtzigerjahren mehr als tausend Patienten untergebracht. Der frühere Eingang schließt an den Stacheldraht des Flüchtlingscamps, des Hotspots, an.
Die Wasserleitungen im Camp sind oft verstopft, das Abwasser kann auf dem zementierten Boden nicht abfließen. Ein funktionierendes Abwassersystem gibt es nicht. Jedem Geflüchteten im Camp steht pro Tag eine 1,5-Liter-Flasche Wasser zu, das Wasser aus der Leitung ist kein Trinkwasser.
Diese Männer kommen aus Gaza, sie sind zum Teil schon seit elf Monaten auf der Insel. "Ich habe einen Master in Psychologie", sagt einer, "in Gaza habe ich Menschen psychologische Unterstützung gegeben, aber hier suche ich nach jemandem, der mich unterstützen kann. In der Nacht können wir nicht schlafen. Ich bekomme Angst, wenn die Sonne untergeht."
Dieses Paar aus dem Irak lebt mit seinen drei Kindern seit vier Wochen in dem Gebäude - in einem Zelt. Vorher schlief die Familie zehn Tage auf der Straße. Als die vier auf der Insel ankamen, wurden sie wie alle anderen Geflüchteten von der Küstenwache zum Hotspot gebracht. "Meinem Sohn geht es sehr schlecht, er ist so unendlich traurig und enttäuscht. Seine Situation macht mir große Sorgen, aber was kann ich tun?", fragt der Vater.
Lenny Rothenberg
Das Gebäude hat keine Infrastruktur. Die alten Sanitäranlagen funktionieren nicht mehr. Auf dem Foto sieht man einen Raum im zweiten Stock, der als Badezimmer genutzt wird. Eine Frau erzählt: "Ich kann meine Kinder seit zwei Wochen nicht mehr waschen. Wie können wir so in die Stadt laufen? Ich schäme mich."
Blick aus dem ehemaligen Psychiatriegebäude auf den Hotspot. Dicke Stahlgitter versperren die Sicht nach draußen.
Auch die kleineren Gebäude neben dem Hotspot sind mittlerweile bewohnt. Die Menschen, die man dort antrifft, sind meist erst kürzlich angekommen. Sie wissen nicht, wie lange sie hier bleiben müssen, es gibt keine klaren Informationen. Für manche datiert der Termin zur Anhörung für ein Asylverfahren auf das Jahr 2022. "Welches Datum, welcher Tag ist heute überhaupt?", fragt eine Frau.
Mehr als 500 geflüchtete Kinder leben auf der Insel. Viele von ihnen im Hotspot und in einer Unterkunft in der Stadt. Doch Hunderte sind obdachlos. Das städtische Krankenhaus untersucht mit zwei Kinderärzten nach eigenen Angaben 40 bis 60 Kinder pro Tag. Eine Kinderärztin schrieb kürzlich in einem Bericht, fast alle Kinder litten an Durchfall, viele hätten Asthma oder Alpträume.
Notdürftig wurde eine Wäscheleine gespannt, um Kleidung zu trocknen. An den Wänden zeichnen sich Brandspuren ab. "Wir wollen nichts anderes als ein normales Leben. Wir sind geflohen, weil es dort, wo wir waren, nicht möglich war, ohne Angst zu leben", sagten Bewohner den Fotografen. "Doch hier leben wir auch in Angst, Angst, niemals ein normales Leben führen zu können."
"Können Sie mir sagen, wie ich meine Familie schnell nach Deutschland bringen kann?", spricht der Vater dieser Jungen die Fotografen auf Deutsch an. Der Mann ist zu Besuch auf Leros. Eigentlich lebt er nach seiner Flucht bereits in Deutschland. Seine Frau und die Kinder warten auf der griechischen Insel darauf, nachziehen zu können.