Flügelkämpfe in der SPD - DER SPIEGEL
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Flügelkämpfe in der SPD Friede, Freude, Pustekuchen

Schmidt gegen Brandt, Schröder gegen Lafontaine, Clement gegen Ypsilanti: Grabenkämpfe in der SPD sind so alt wie die Partei selbst. Seit mehr als hundert Jahren geraten das rechte und linke Lager der SPD immer wieder aneinander - und nicht immer übersteht die Partei ihre Zerreißproben schadlos.
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Karl Kautsky: Er war einer der wichtigsten Theoretiker der deutschen Sozialdemokratie um die Jahrhundertwende. Sein großer Gegenspieler innerhalb der SPD hieß Eduard Bernstein. Während Kautsky marxistisch orientiert war und die Revolution anstrebte, wollte Bernstein einen Wandel der Gesellschaft durch Reformen erreichen. Jahrelang stritten sich die SPD darüber, welche Theorie nun in der Praxis anzuwenden sei. 1903 brachte der Parteitag in Dresden die Entscheidung. Die Mehrheit der Parteimitglieder lehnte Bernsteins Ideen ab. Diese Aufnahme zeigt Kautsky um 1930.

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Eduard Bernstein: Der SPD-Politiker war ein erklärter Gegner der Revolution und löste mit seinen politischen Ansichten Ende des 19. Jahrhunderts den sogenannten Revisionismusstreit innerhalb der SPD aus. Bernstein vertrat die Meinung, dass sich die SPD ins bestehende politische System integrieren müsse, um die Gesellschaft mit Reformen zu verändern. Damit stieß er vielen Sozialdemokraten vor den Kopf. Sie empfanden seine Position als Verrat an ihren marxistischen Idealen. 1903 sprach der Dresdner Parteitag schließlich ein Machtwort: Die Partei lehnte die Thesen Bernsteins offiziell ab.

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Die Spaltung: Karl Liebknecht stimmte 1914 als erster SPD-Abgeordneter im Reichstag gegen die Bewilligung von Kriegskrediten, obwohl die Parteiführung den Krieg grundsätzlich befürwortete. Damit verstieß er offen gegen die von der Parteispitze verordnete Linie und fand damit bei vielen Genossen Zustimmung. 1917 spitzte sich der Konflikt innerhalb der Partei derart zu, dass es zur Spaltung kam. Mit Liebknecht an der Spitze gründeten die Kriegsgegner 1917 die USPD. Hier ist Karl Liebknecht (1871 - 1919) auf einer Aufnahme von 1914 zu sehen.

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Massenkundgebung der USPD: 1917 spaltete sich die Unabhängige SPD (USPD) unter der Führung von Karl Liebknecht von der SPD ab. In den Wirren der Novemberrevolution von 1918, die die Abdankung des Kaisers und die Ausrufung der Republik zur Folge hatte, versuchten beide Parteien eine tragfähige Koalition zu bilden. Vergeblich. Als Philipp Scheidemann und sein Parteikollege Friedrich Ebert die Niederschlagung des Spartakusaufstandes im Januar 1919 mit regulären Truppen abnickten, zerbrach das Bündnis. Die USPD hatte mit den Aufständischen sympathisiert und lehnte den Einsatz von Militär ab. Hier ist eine Massenkundgebung der USPD wenige Monate nach dem Spartakusaufstand zu sehen.

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Ans Hakenkreuz gefesselt: Verzweifelt versuchte die SPD in den letzten Jahren der Weimarer Republik, den wankenden Staat zu stabilisieren. Um eine Regierungsübernahme der Nazis zu verhindern, entschied sich Parteichef Otto Wels sogar für eine Tolerierung der Regierung von Heinrich Brüning. Die Reichstagsabgeordneten Kurt Rosenfeld, Max Seydewitz, August Siemsen, Heinrich Ströbel, Hans Ziegler und Andreas Portune setzten sich über die von Wels ausgerufene Fraktionsdisziplin hinweg und wurden aus der Partei ausgeschlossen. Sie gründeten 1931 die Sozialistische Arbeiterpartei SAP. Eindrucksvoll setzte damals die SPD ihren Antifaschismus auf Wahlplakaten in Szene - wie hier mit einem ans Hakenkreuzgefesselte ausgemergelten Arbeiter.

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Gratulation: Bis in die achtziger Jahre hinein gelang es Willy Brandt, Herbert Wehner und Helmut Schmidt das linke und rechte Lager der SPD zusammen zu halten und die unterschiedlichen Strömungen in der Partei zu integrieren. Erst als Schmidt und Brandt sich über den NATO-Doppelbeschluss entzweiten, brach der tiefe Spalt zwischen den beiden SPD-Lagern wieder offen auf. Die Aufnahme zeigt Willy Brandt wie er am 16. Mai 1974 seinem Nachfolger Helmut Schmidt gratuliert.

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Schmidts Raketenpolitik: Anfang der achtziger Jahre rief die Friedensbewegung immer wieder zu Demonstrationen gegen den NATO-Doppelbeschluss und die damit verbundene Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Westeuropa auf. Viele Sozialdemokraten, darunter auch Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder, sympathisierten mit der Friedensbewegung, was für die SPD zu einer harten Belastungsprobe werden sollte. Denn Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte sich klar zum NATO-Doppelbeschluss bekannt, und musste nun zusehen, wie sich Regierung und Parteibasis immer weiter voneinander entfernten. Als 1981 selbst der Parteivorsitzende Willy Brandt öffentlich seine Zweifel an der Rüstungspolitik von Schmidt äußerte, brach die Kluft innerhalb der Partei endgültig auf. Auch wenn die zerstrittene SPD nicht für das Scheitern der sozialliberalen Koalition 1982 verantwortlich war, so trug sie doch wesentlich dazu bei.

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Herbert Wehner: Fritz Erler, Willy Brandt, Carlo Schmid und Herbert Wehner arbeiten in den fünfziger Jahren mit Hochdruck an der Erneuerung der SPD. Sie sollte ihrer Meinung nach nicht mehr Weltanschauungspartei sein, sondern Volkspartei. Kernpunkt der Debatte auf dem legendären Parteitag in Bad Godesberg war der Marxismus, ihn galt es zu überwinden, gegen ihn redeten Erler, Brandt, Schmid und Wehner an. Mehrmals hatte Wehner seine Argument ergänzt mit dem Satz: "Glaubt einem Gebrannten!" Es wurde der Satz seines Lebens.

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?